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Die
Wunden des Weiblichen
oder eine neue "Frauen-Heil-Kunde"
von Dr. med. Rüdiger Dahlke
Als wir zu dritt, Professor Volker Zahn, meine Frau Margit und ich
an der Stoffsammlung für das Buch "Frauen-Heil-Kunde" saßen, hatten wir
einiges durchzustehen, zumal wir uns für den Beginn eine Aufarbeitung der Geschichte der
Gynäkologie vorgenommen hatten. Am relativ besten ging es noch meiner Frau, die lediglich
mehrfach an der Kippe zum Kirchenaustritt stand. Wir beiden Männer dagegen sahen uns mit
Unerträglichem konfrontiert. Es stellte sich heraus, dass so ziemlich alle großen
Geister unserer nicht nur medizinischen Geschichte, laut Überlieferung also
ausschließlich Männer, von Aristoteles über Thomas von Aquin bis zu Virchow einen
solchen Wust von haltlosen Dummheiten über das Weibliche an sich und die Frauen im
Speziellen abgesondert haben, dass es kaum möglich schien, das auf ihren Schultern
errichtete Weltbild weiterhin zu achten.
Während Aristoteles verkündete, dass die Gebärmutter frei im
Körper herumwandere und auf diesem Wege für die vielen Kopfschmerzen und
Auffälligkeiten bei Frauen verantwortlich sei, war Virchow, der Begründer der
Zellularpathologie, noch in jüngerer Zeit der inzwischen schon wissenschaftlichen
Meinung, dass Frauen völlig missratene Männer seien. Er untermauerte die
Minderwertigkeit des weiblichen Geschlechts damit, dass die Entfernung der Eierstöcke zu
völlig missratenen Geschöpfen führe. Pikanterweiser übersah er dabei, dass all die
dann auftretenden von ihm diagnostizierten ekelhaften Eigenschaften für Männer als ganz
normal gelten.
hyster = griech. für Gebärmutter
Schon die frühen Ärzte Gynäkologen traten erst recht
spät auf den Plan leisteten sich eine unglaubliche Fülle von Übergriffen
gegenüber den Frauen und sicherten diese auch noch "wissenschaftlich" ab.
Anfangs wurde vor allem die schon erwähnte frei im Körper herumwandernde Gebärmutter
Aristoteles abstruse Vorstellung wurde über Jahrhunderte kaum in Frage
gestellt in vieler Hinsicht angeschuldigt, vor allem galt sie als Ursache der
Hysterie, die bis heute ihren Namen trägt (hyster = griech. für Gebärmutter). Hysterie
war ein über lange Zeiten praktisch ausschließlich bei Frauen diagnostiziertes
Krankheitsbild. Später, als man den Unsinn der Beziehung zur Gebärmutter durchschaut
hatte, diente sie häufig als Vorwand für eine operative Entfernung der Eierstöcke. Wenn
eine Frau diese Operation überlebt hatte, was damals längst nicht die Regel war, stellte
man natürlich fest, dass es ihr noch schlechter ging. Das führte nicht selten zu
weiteren Experimenten wie etwa der Einpflanzung von tierischen Eierstöcken oder der
Verabreichung von Extrakten aus solchen und wurde letztlich zum Ausgangspunkt der
Endokrinologie, der Lehre der Hormonbehandlungen.
Unseriöse "Krebsprophylaxe"
Als auch die Eierstöcke auf Grund wissenschaftlicher Fortschritte
aus der (Operations-)Mode kamen, griff man wieder vermehrt auf die Gebärmütter zurück.
Bis in unsere angeblich aufgeklärte moderne Zeit währte dieser peinliche Kreuzzug.
Begründet wurde er vor allem im Rahmen einer schrecklich unseriösen
"Krebsprophylaxe". Zumeist im Rahmen dieser sogenannten Krebsvorsorge wurde ein
kleines Myom diagnostiziert, von dem auch niemand behauptete, dass es einer Operation
bedürfe. Aber irgendwann floss dann doch die Bemerkung ins "ärztliche"
Gespräch ein, dass die Patientin, wenn sie keine Kinder mehr wolle, doch einmal darüber
nachdenken solle, ob man die Gebärmutter nicht besser entferne, damit nichts entarten
könne. Jetzt war Krebsangst ins Spiel gebracht, und meistens bekamen die so
"argumentierenden" Mediziner die Gebärmutter. Dass es sich dabei überhäufig
um medizinisch ungerechtfertigte Operationen handelte, zeigt allein schon die Tatsache,
dass wir heute, wo auf diese Art von Ein- beziehungsweise Übergriff weitgehend verzichtet
wird, weitgehend ohne diese Operationen auskommen. Nun könnte man denken und hoffen,
dass, nachdem auch dieser Alptraum überstanden war, heute solche und ähnliche Dinge der
Vergangenheit angehören, aber leider weit gefehlt. Als nächstes Organ im Rahmen dieser
Art von "Prophylaxe" zeichnen sich die weiblichen Brüste ab. In den USA wurden
schon Tausende von Frauen selbstverständlich auf deren Wunsch ihrer
gesunden Brüste entledigt, um Brustkrebs "vorzubeugen". Auch wenn es in
Deutschland erst einige Dutzend sind, ist zu befürchten, dass wir hierzulande, wie schon
so oft in der Vergangenheit, den US-amerikanischen Trends nacheifern werden.
Natürlich hat die Gynäkologie wiederum "gute
Argumente" für ihre Eingriffe, doch die hatte sie auf ihre ganz eigene Art
auch in der Vergangenheit immer. Wenn Frauen aus Angst vor Brustkrebs einen
entsprechenden Gentest machen lassen, der positiv ausfällt, ist guter Rat teuer. Jetzt
wäre Vorbeugung notwendig, allein die Gynäkologie wie auch die übrige Schulmedizin hat
diesbezüglich nichts zu bieten. In dieser Not lassen sich Mediziner zunehmend zu dem
Ratschlag hinreißen, die gesunden Brüste lieber zu amputieren als sie der Krebsgefahr
auszusetzen. Solche Argumente, die vor einigen Jahren auch bei uns noch als wahnsinnig
eingestuft worden wären, werden mit Statistiken untermauert. Dass man mit Statistiken
grundsätzlich nichts beweisen kann, da sie auf einem prinzipiell nicht kausalen
Zusammenhang korrelieren, ficht Schulmediziner im Argumentationsnotstand in der Regel
wenig an.
Schreckliche Perspektiven ?
Für die Zukunft der Medizin zeichnet sich unter solchen
Umständen Schreckliches ab. Denn wir werden ja zunehmend mehr genetisches Wissen erwerben
und dann wohl noch bei vielen Krebsarten und anderen Krankheitsbildern eine genetische
Mitbeteiligung finden. Sollen wir dann etwa alle in Frage kommenden Organe
"prophylaktisch" wegschneiden, um dem Krebs keine Chance zu geben? Zum Schluss
bleibt dann nur noch ein Gehirn in einer Nährlösung übrig, das wahrscheinlich unter
furchtbarer Angst vor einem Gehirntumor leidet. Alles andere musste der Krebsangst bzw.
der abenteuerlichen schulmedizinischen Vorstellung von Prophylaxe geopfert werden.
Zweiklassengesellschaft im OP
Nun braucht man vor solchen Horrorszenarien nicht wirklich Angst
zu haben, denn die Geschichte zeigt uns, dass so locker nur mit Organen umgegangen wird,
die ausschließlich bei Frauen vorkommen. Organen, die auch Männer haben, begegnet die
Schulmedizin sehr viel zurückhaltender. Auch das aber ist schrecklich und bedarf eines
radikalen Umdenkprozesses. Es handelt sich hier um eine Zweiklassenmedizin der ganz
anderen Art, die viel zu wenig ins Bewusstsein der Menschen dringt: Frauen werden
grundsätzlich anders und zwar eindeutig offensiver und gewagter behandelt als Männer.
Ein anderes aktuelles Beispiel wäre die Hormontherapie in der Lebensmitte. Auch hier
mutet man Frauen etwas zu, was bei Männern schnell wieder zurückgenommen wurde. Die
Gründe (erhöhtes Krebsrisiko), die bei Männern zur Einstellung der Versuche führten,
existieren bei Frauen genauso, nur haben sie keine Konsequenzen. Das Messen mit zweierlei
Maß ist in allen anderen gesellschaftlichen Bereichen inzwischen so verpönt, dass es
wohl an der Zeit wäre, auch in der Medizin neue Wege zu beschreiten.
Früherkennung ist keine Vorbeugung
Nun sind viele der Probleme in der Gynäkologie grundsätzlicher
Art und betreffen weite Teile der modernen Medizin, an der Gynäkologie werden sie nur
besonders deutlich. Auf Grund solcher grundsätzlicher Probleme etwa mit Vorbeugung, die
daher rühren, dass Schulmediziner sich für das Wesen und die Bedeutung von
Krankheitsbildern in der Regel gar nicht interessieren, ist es ihnen naturgemäß kaum
möglich, Patientinnen zu raten, wovor sie sich lieber freiwillig beugen sollen, bevor das
Schicksal sie beugt. Nur das aber wäre echte Vorbeugung, wie das Wort schon verrät. Da
man andererseits in der Schulmedizin auf den zentralen Begriff Vorsorge nicht verzichten
will, hat man eine Art Etikettenschwindel toleriert und unterstützt. Man bezeichnet heute
Früherkennungsmaßnahmen schlicht und einfach als Prophylaxe oder lässt die Bevölkerung
zumindest in dem Glauben, es handele sich um eine solche. Nun ist Früherkennung in jedem
Fall besser als Späterkennung, aber mit Vorbeugung hat sie grundsätzlich nichts zu tun.
Wenn man etwa beim Brustkrebs die Mammo-graphien, die im Rahmen der als Prophylaxe
verkauften Früherkennung durchgeführt werden, übertreibt, wird es offensichtlich
gefährlich. Eine Frau, die aufgrund einer Brustkrebshäufung in ihrer Familie berechtigte
Angst hat, braucht gar keinen Gentest, um ständig auf Krebsvorsorge zu bestehen. Da diese
der Gynäkologie nicht möglich ist, wird stattdessen viel zu häufig mammographiert, was
die Krebswahrscheinlichkeit weiter erhöht, anstatt ihr vorzubeugen.
Es ist hohe Zeit aus der Gynäkologie wirklich eine
"Frauen-Heil-Kunde" zu machen, die das Wort ernst nimmt. Hierzu gehört nicht
nur, aber auch, ein wirkliches Konzept von Vorbeugung wie wir es im Buch
"Frauen-Heil-Kunde" vorstellen. Vor allem aber ist es notwendig, sich mit der
grundsätzlichen Situa-tion des Weiblichen in unserer Gesellschaft und Zeit
auseinanderzusetzen und aus der Geschichte Konsequenzen zu ziehen. Das ist ein weiteres
Anliegen unseres Buches "Frauen-Heil-Kunde", um dann auf dieser Basis sich mit
der Bedeutung der verschiedenen weiblichen Krankheitsbilder auseinanderzusetzen, was
wiederum ein bezeichnendes und deutliches Licht auf die Gesellschaft wirft, in der diese
Symptome vermehrt auftreten.
Im Sinne der Deutungsmethode von "Krankheit als Symbol"
lassen sich natürlich genau wie für die einzelne Betroffene auch Schlüsse für das
ganze Kollektiv ziehen. Wenn immer mehr junge Frauen Probleme im Sinne von Magersucht und
Bulimie bekommen, zeigt das an, dass es offenbar bei uns immer schwieriger wird, sich vom
Mädchen zur Frau zu entwickeln und erwachsen zu werden. Wo die Endometriose, ein
Auftreten von Gebärmutter-gewebe in anderen Körperregionen, zunimmt, kann man
schließen, dass zunehmend weibliche Themen auf unpassende Ebenen verschoben werden, ohne
dort eine adäquate Lösung zu finden. Die nach wie vor hohe Zahl von
Brustkrebserkrankungen lässt darauf schließen, dass es für viele Frauen unlösbare
Probleme auf ihrem Entwicklungsweg gibt. Auch eine Gesellschaft kann auf solche
Erkenntnisse reagieren, aber natürlich nur über ihre einzelnen Individuen.
Nähere Informationen bei:
Dr. med. Ruediger Dahlke
Arzt und Psychotherapeut
D-84381 Johanniskirchen
Schornbach 22 Hafnerhof
Tel.: 08564/819 Fax: 1429
www.dahlke.at
Literatur:
Margit und Ruediger Dahlke, Volker Zahn:
"Frauen-Heil-Kunde", Bertelsmann
Margit und Ruediger Dahlke: Meditations-CD
"Frauenprobleme"
(Themen des weiblichen Entwicklungsweges und seiner Muster und ein Heilungsritual), Bauer
Verlag Freiburg
Ruediger Dahlke: "Krankheit als Symbol" Bertelsmann
Verlag

Quelle: BALANCE ® 2/2000
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