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Krankheit
als Symbol
wenn statt der Seele der Körper spricht
ein Beitrag von Dr. med. Rüdiger Dahlke
In unserer Gesellschaft wird Krankheit weder als Sprache noch als
Weg, noch überhaupt als etwas Sinnvolles betrachtet. Sie wird nicht einmal als etwas
Grundsätzliches erkannt, sondern als eine Fülle widerwärtiger, mehr oder minder
zufälliger Einbrüche ins Leben gesehen. Deshalb finden wir es auch normal, von
Krankheiten in der zu Mehrzahl sprechen. Das macht an sich nicht mehr Sinn als von
"Gesundheiten" zu sprechen. Für die meisten großen Religionen und ihre
esoterischen Traditionen ist Krankheit dagegen von jeher etwas Grundsätzliches.
Aus dieser ganz unterschiedlichen Haltung der Krankheit gegenüber
ergeben sich auch völlig konträre Umgangsformen ihr gegenüber. Aus der Antihaltung der
Schulmedizin folgt konsequent ein kämpferischer Ansatz, bei dem sich der Arzt mit dem
Patienten gegen das Symptom verbündet und versucht, dieses so schnell wie möglich aus
der Welt zu schaffen. Aus dem esoterischen Ansatz folgt das Gegenteil: Der Arzt verbündet
sich mit dem Symptom und schaut, was dem Patienten fehlt, so dass dieses Symptom notwendig
wurde. Dem Krankheitsbild wird Bedeutung zugemessen, indem es gedeutet wird. Letztlich
wird hier homöopathisch gearbeitet: nicht gegen sondern mit dem Symptom.
Wir deuten alles mögliche, warum nicht die Krankheit?
Das ist eigentlich kein ungewöhnlicher Schritt und im normalen
Leben weit verbreitet. Wir sind es gewohnt, alles mögliche zu deuten und sind sogar
verstimmt, falls es einmal unterbleibt. Nehmen wir an, jemand antwortet auf die Frage nach
dem neuesten Theaterstück: die Bühne hatte die Maße 4 x 6 m , es waren 8 Schauspieler
beteiligt, die Kostüme bestanden aus x m Seidenstoff und y m Leinen, die Bühne wurde mit
soundsoviel Lux beleuchtet usw. Wir wären ziemlich ungehalten, denn eigentlich hatten wir
eine inhaltliche Deutung erwartet und nicht eine Beschreibung des formalen äußeren
Ablaufs. Was uns beim Theater so selbstverständlich erscheint, ist es in der Medizin
plötzlich nicht mehr. Wenn sich ein Patient drei Tage nach der Erstuntersuchung wieder
beim Internisten einfindet, bekommt er zu hören, seine Blutuntersuchungen hätten diese,
die Urinprobe jene Werte ergeben, sein Blutdruck habe den Wert x und die Temperatur den
Wert y. Nun ist der Patient erstaunlicherweise nicht ungehalten, sondern zollt einem
wissenschaftlich arbeitenden Mediziner Respekt, obwohl auch jetzt nur von der Form und nie
vom Inhalt die Rede ist. Erst wenn der Internist all seine Befunde deutet und die
erlösenden Worte spricht: "Das ganze nennt man Lungenentzündung", kommt mit
dieser Deutung auch wieder Sinn ins Geschehen. Die Frage ist allerdings, warum man
ausgerechnet an diesem Punkt, wo es für den Patienten erstmals interessant wird,
aufhören soll.
Die Lunge steht repäsentativ für Kontakt und
Kommunikation
Natürlich ließe sich nach der Bedeutung der Lunge und jener der
Entzündung weiterforschen. Das Thema der Lunge ist ganz offenbar Kontakt und
Kommunikation, ist sie doch für den Gasaustausch und unsere Sprache verantwortlich, die
auf der Modulation des Ausatemstromes beruht. Mit der Entzündung ist das Thema Konflikt
angesprochen. Erreger kämpfen gegen Antikörper und ihre Mittel sind eindeutig
kriegerisch. Es wird belagert und gestorben, angegriffen, blockiert und getötet. Die
Makrophagen, wörtlich Großfresser, geben auf Seiten des Körpers genausowenig Pardon wie
die Antikörper, die sich in Kamikazemanier auf die Erreger stürzen, um mit ihnen
zugrunde zu gehen. Insofern haben wir es bei der Lungenentzündung mit einem Konflikt im
Kommunikationsbereich zu tun. Die häufigen Lungenentzündungen auf Intensivstationen sind
dafür Beleg. An den Erregern kann es wohl nicht primär liegen, denn kaum irgendwo werden
sie so bekämpft wie hier. Wenn aber die ganze verbliebene Kommunikation mit der Welt
über ein paar Plastikschläuche läuft, bekommen viele Menschen ein
Kommunikationsproblem, und das kann sich, bei Mangel an anderen Ausdrucksformen, in einer
Lungenentzündung verkörpern.
Alles körperliche Geschehen ist Ausdruck eines seelischen
Inhaltes
Die esoterische Medizin geht davon aus, dass alles körperliche
Geschehen Ausdruck eines dahinterliegenden seelischen Inhalts ist. Wenn wir nur das
körperliche Geschehen zudecken, verstärken wir folglich die seelische Problematik. Mit
dem Beseitigen von Symptomen landen diese, wie das Wort so ehrlich sagt, auf der Seite,
bzw. im Unbewussten oder im Schatten. Diese Art von Symptomverschiebung würde uns in
anderen Bereichen, wie etwa der Technik, auch nicht im Traum einfallen. Wenn an einer
Maschine das Alarmlicht aufleuchtet, würden wir nicht daran denken, das Birnchen zu
lockern, um unsere Ruhe zu haben. Bei Kopf- und anderen Schmerzen finden wir dagegen
nichts dabei, durch Schmerzmittel einfach das Warnsignal zu blockieren. Böse formuliert
werden nach diesem System Symptome von Organ zu Organ und Patienten von Spezialist zu
Spezialist verschoben.
Aus der Physik wissen wir längst, dass grundsätzlich nichts aus
der Welt geschafft, sondern vieles ineinander umgewandelt werden kann. Insofern hat
natürlich auch der Ansatz von "Krankheit als Sprache der Seele" nur
Symptomverschiebung zu bieten. Allerdings hat eine Verschiebung in der Senkrechten, also
zwischen körperlicher und geistig-seelischer Ebene, durchaus Heilungschancen, im
Gegensatz zu jener Symptomverschiebung, die sich auf die körperliche Ebene beschränkt.
Der Körper ist eine Ausweichbühne für das Bewusstsein
Bei der Entstehung von Krankheitsbildern sinken inhaltliche
Themen, deren bewusste Bearbeitung die Betroffenen verweigern, in den Körper und
somatisieren sich hier. Will man das Problem lösen, hat es wenig Sinn, seine
Verkörperung mit chemischer (z.B. Kortison) oder gedanklicher (z.B. Affirmationen,
Verhaltenstherapie) Hilfe zu unterdrücken. Es wäre im Gegenteil notwendig, sich den
Inhalt hinter der körperlichen Symptomatik wieder bewusst zu machen. Ist das Thema ins
Bewusstsein zurückgeholt, besteht zumindest die Chance, es hier zu lösen. Damit aber
wäre der Körper von seiner Darstellungsarbeit entlastet. Tatsächlich stellt der Körper
lediglich eine Ausweichbühne für das Bewusstsein dar. Stücke, deren bewusste
Aufführung abgelehnt wurde, verkörpern sich auf der Körperbühne.
Von daher ist deutlich, dass auch Krankheit ein Weg ist, um zu
lernen. Wesentlich eleganter und zielführender, allerdings auch nicht angenehmer, ist der
Weg direkt über das Bewusstsein zu lernen, ohne vorher auf die Körperbühne
auszuweichen. Hier eröffnet sich die Chance echter Vorbeugung. Heute sprechen wir z.B.
von Krebsprophylaxe, wenn wir eigentlich Früherkennung meinen. Früherkennung ist
natürlich weit besser als Späterkennung, hat aber mit Vorbeugung gar nichts zu tun. Ein
Krankheitsbild durch Bewusstseinsarbeit überflüssig zu machen, weil man das betreffende
Thema schon freiwillig auf geistig-seelischer Ebene bearbeitet, ist dagegen echte
Prophylaxe.
Unsere Sprache zeigt uns die Verbindung zwischen Körper
und Seele
Symptomsprache ist ein Sonderfall der Körpersprache, der mit
Sicherheit am weitesten verbreiteten Sprache auf dieser Erde. Obwohl sie die universellste
Sprache ist, wird sie allerdings nur noch von wenigen Menschen unserer Kultur bewusst
verstanden. Dabei wäre es gar nicht so schwer, sie wieder zu erlernen. Denn unser Körper
spricht nicht nur, unsere Sprache ist auch körperlich. Ob wir etwas begreifen oder
verstehen, bestimmte Dinge uns an die Nieren gehen oder andere zu Kopf steigen, ob wir uns
etwas zu Herzen nehmen, oder es uns auf den Magen schlägt, ob Läuse über unsere Leber
laufen oder der Atem vor Schreck stockt, immer ist die Sprache psychosomatisch und zeigt
uns eine Verbindung zwischen Körper und Seele, die diese Kultur erst langsam wieder
entdeckt.
Neben der Körpersprache, die sich in der einfachen Beschreibung
der Symptomatik ausdrückt und durch umgangssprachliche Wendungen, Sprichworte und
Sprachbilder wirksam ergänzt wird, stehen auch die von der Medizin erhobenen Befunde für
die Deutung zur Verfügung. Denn tatsächlich ist ja die formale Beschreibung des
Krankheitsgeschehen weder falsch noch überflüssig, nur eben nicht ausreichend. Ohne
Bühne könnte man kein Theaterstück verfolgen, ohne Beleuchtung bliebe alles im Dunkeln
und ohne Kostüme wäre es eher peinlich. Insofern richtet sich dieser deutende Ansatz
nicht gegen die etablierte Medizin, sondern ergänzt sie. So erübrigt es sich, Front
gegen die Schulmedizin zu machen. Sie beschäftigt sich nun einmal ausschließlich mit der
körperlichen Ebene. Reparaturen in diesem Bereich beherrscht sie besser als alle anderen.
Wer ihr Vorwürfe macht, dass sie sich nicht um den ganzen Menschen kümmere, gleicht dem
Besucher eines städtischen Schwimmbades, der sich über mangelnden Meeresblick beklagt.
Dieser war ihm gar nicht versprochen worden, und es steht ihm frei, ans Meer zu fahren.
Wer Heilung wünscht, muss sich um eine ganzheitliche Medizin bemühen, die, ohne die
Schulmedizin zu entwerten, doch weit über diese hinaus geht.
Die am eigenen Leibe erlebten Symptome und die erhobenen Befunde
sollten gleichermaßen gedeutet werden und Mosaiksteinchen für Mosaiksteinchen zum
umfassenden Muster des Krankheitsbildes zusammengesetzt werden. Die betroffene Region bzw.
das Organ gibt dabei jeweils die Ebene an, auf der das Problem abläuft, im Fall der
Lungenentzündung also den Kontakt- und Kommunikationsbereich. Das spezielle Geschehen
beleuchtet die Art des Problems, in diesem Fall das Thema Entzündung Konflikt.
Hilfreich zur Deutung haben sich die Fragen erwiesen:
Warum geschieht gerade mir, gerade das, gerade jetzt? Woran
hindert mich die Symptomatik? Wozu zwingt sie mich? Welchen Sinn erfüllt sie gerade jetzt
in meinem Leben?
Natürlich ist jedes Krankheitsbild vollkommen individuell und nur
in der persönlichen Situation ganz stimmig zu deuten. Wenn so umfassende Krankheitsbilder
wie Krebs oder Aids gedeutet werden, ist das besonders zu bedenken. Wirklich erschöpfend
werden Deutungen erst, wenn sowohl die persönlichen Umstände mit in Betracht gezogen
werden wie natürlich auch die betroffenen Organebenen.
Nähere Informationen bei:
Dr. med. Ruediger Dahlke
Arzt und Psychotherapeut
D-84381 Johanniskirchen
Schornbach 22 Hafnerhof
Tel.: 08564/819 Fax: 1429
www.dahlke.at
Literatur:
Margit und Ruediger Dahlke, Volker Zahn:
"Frauen-Heil-Kunde", Bertelsmann
Margit und Ruediger Dahlke: Meditations-CD
"Frauenprobleme"
(Themen des weiblichen Entwicklungsweges und seiner Muster und ein Heilungsritual), Bauer
Verlag Freiburg
Ruediger Dahlke: "Krankheit als Symbol" Bertelsmann
Verlag

Quelle: BALANCE ® 1/2000
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