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Multiple Sklerose
alles halb so schlimm wäre gelogen
Als mein Hausarzt das Wort Multiple
Sklerose wirklich aussprach, brach, obgleich ich es längst wusste,
meine Welt in sich zusammen, war ich am Boden zerstört. - Entsetzlich
verzweifelt fragte ich mich immer wieder: warum ich, warum ausgerechnet
ich? Wieso habe ich diese Krankheit bekommen? Ich, der Bewegungstyp schlechthin,
die ich mich nahezu ausschließlich darüber definierte, dass
ich geistig aber auch körperlich flink und in jeder Hinsicht agil
war, sollte mit dieser Krankheit geschlagen sein? Welches grausame Schicksal
bestrafte mich da und weshalb, wofür, was hatte ich verbrochen? (In
einer ganz tiefen Schicht meines Bewusstseins ahnte ich schon damals, weshalb
es mich getroffen hatte, ohne es allerdings artikulieren zu können,
auch ohne es wirklich zu erfassen.)
Damals sandte ich, meinen Sohn betreffend,
ein Stoßgebet zum Himmel, obgleich ich mit dieser Ebene absolut keine
ungetrübte Beziehung hatte. Trotzdem flehte ich: „Lass mich dieses
Kind groß kriegen, bitte lass mich nicht vorher bewegungsunfähig
im Rollstuhl landen.“
Alles, wirklich alles hätte
ich damals von heute auf morgen geändert, wenn mir nur jemand gesagt
hätte, wo ich ansetzen sollte. Aber weit und breit fand ich niemanden,
der mir das sagen konnte, ich musste es also selbst herausfinden.
Die Wurzeln der Krankheit erkennen
Meine Ehe war gescheitert, ich war
alleine für Florian verantwortlich. Ich hatte keine Ahnung, wie es
weitergehen würde mit mir und machte mich - zunächst wirklich
nur für meinen Sohn - auf die Suche nach der Ursache der Krankheit,
allerdings drehte ich mich jahrelang nur rat- und orientierungslos völlig
konfus im Kreis. Ich forschte und suchte verzweifelt - allerdings ist mir
heute klar, dass ich dauernd die völlig verkehrte Richtung anpeilte.
Bis ich eines Tages, wie aus einem Albtraum erwachend, meine Krankheit
in allen ihren komplexen Zusammenhängen, bis zu ihren Wurzeln und
in ihre Auswirkungen hinein tatsächlich zu begreifen begann. - Je
näher ich der Lösung kam, desto verblüffter fragte ich mich,
warum eigentlich keiner der Schulmediziner jemals hatte wissen wollen,
ob und weshalb ich beim ersten Ausbruch der Krankheit mir selbst gegenüber
aggressiv gewesen war? Aber vielleicht hätte ich diese Frage, die
mir heute so selbstverständlich erscheint, damals noch gar nicht wirklich
verstanden.
Alle, Schulmediziner wie Erkrankte,
suchen die Ursache der Krankheit im körperlichen Bereich, wo sie sich
zwar manifestierte, aber ganz sicher nicht entstand.
MS kommt nicht aus heiterem Himmel
Wo meine Krankheit entstanden war,
begann ich erst nach vielen Jahren langsam zu begreifen, sie kam aus einer
„Ecke“, in die ich viele Jahre nicht hineinzuschauen wagte.
Weil es anfangs unendlich schmerzlich ist, die Verantwortung für das
eigene Leben in aller Konsequenz zu übernehmen. Viele Schandtaten
musste ich mir eingestehen, die ich begangen hatte - an mir.
Multiple Sklerose kommt wirklich
niemals aus heiterem Himmel! Auch bei mir bahnte sie sich nach einer innerseelischen
Krise an, die ich psychisch nicht lösen konnte, weil ich nie gelernt
hatte, Konflikte offen auszutragen. Ich wusste nicht, dass ich für
mich, mein Leben und meine Gesundheit selbst die Verantwortung übernehmen
konnte, ja musste! Und weil ich mir lange Zeit zu schön war, das endlich
zu lernen, schritt die Krankheit immer weiter fort, von Schub zu Schub.
Hier zeigte sich, dass der allgemeine Rat, jeden Stress zu vermeiden, in
die völlig falsche Richtung und immer tiefer in die Krankheit führte.
Die Verantwortung für Gesundheit
und Krankheit übernehmen
Wenn man erst einmal in einer solchen
Falle steckt, geht nichts mehr schnell. Es hatte ja schon etwa 20 Jahre
gedauert, bis ich das Wort Autoaggression überhaupt inhaltlich voll
erfasst hatte. Die Verantwortung für meine Krankheit zu übernehmen,
erschien mir nahezu unmöglich. Es dauerte wieder unendlich lange,
bis ich begriff: Ich richtete Aggressionen gegen mich, die ich auf andere
nicht zu richten wagte. - Ich? Aggressionen?? Nicht doch, ich doch nicht,
war ich nicht der friedlichste Mensch auf Gottes weitem Erdboden, aktives
Mitglied der Friedensbewegung, immer auf Ausgleich und Harmonie bedacht?
Aggressionen? Nein, ich doch nicht! Und war ich nicht von lauter entgegenkommenden
Menschen umgeben, konnte ich nicht froh und dankbar sein, daß sie
mir so viel halfen, mich unterstützten? Wo sollte da Raum für
Aggressionen sein?
Es dauerte noch einmal eine ganze
Weile, bis ich dieses falsche Selbstbild „in Angriff“ nehmen und endlich
erwachsen werden konnte. Verantwortlich für mich und natürlich
auch für meine Gesundheit. Und folglich auch für die Krankheit,
die mich sonst immer weiter lähmen würde.
Ich war kein Opfer mehr, ich war
frei.
Nur Liebe heilt
Als ich wirklich entschlossen war,
dauerte es nur einen Wimpernschlag, plötzlich wurde alles ganz einfach,
ich fing an zu begreifen, warum ich so gnadenlos und respektlos mit mir
umgegangen war, wie wenig ich mir gegenüber tolerant war und großzügig.
Allen anderen gestand ich dies ganz selbstverständlich zu, allen andern,
nur nicht mir. Und da musste ich ansetzen. - Es war ein weiterer schmerzhafter
Erkenntnisprozess, am Ende führte er mich zu liebevollem Umgang, nicht
mit anderen, sondern mit mir selbst. In seinem Verlauf hörte ich endlich
auf, autoaggressive, übersteigerte Perfektionsansprüche an mich
zu stellen, ich begann, mich von den Schuldgefühlen zu trennen, die
mich viele Jahre so selbstverständlich begleitet hatten, dass es mir
schon gar nicht mehr aufgefallen war, welcher „Terror im Kopf“ sich da
ständig abspielte.
Heute kann ich sagen, dass ich zumeist
in mir ruhe, meine verloren geglaubte Energie kehrt zu mir zurück,
ich habe keine Angst mehr vor weiteren Schüben, keine Angst mehr vor
der Zukunft und kann mich lieben wie ich bin. Ich spreche ganz bewusst
nicht von akzeptieren, ich spreche hier absichtlich von Liebe, weil nur
Liebe heilt.
Und mit jedem Tag beginnt für
mich der Rest meines Lebens, eines Lebens ohne weitere Schübe und
Verschlechterungen und ich versuche, jeden Tag für mich zu nutzen.
Barbara Zaruba
Weiterführende Literatur:
Barbara Zaruba · Diagnose
MS, wie ich meine Hoffnung wiederfand · Verlag
Nymphenburger · ISBN 3-485-00841-9
Anm. der Redaktion: Ein wundervolles
Buch,
unbedingt - nicht nur für Betroffene - empfehlenswert.

Quelle: BALANCE® 4/2000
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