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Psychotherapie bei Krebs?

Eine häufige Reaktion auf diese Fragestellung lautet: „Aber ich bin doch nicht verrückt.“, weshalb zunächst klar gestellt werden muss: es geht nicht um Verrücktheit. Vielmehr stellt Psychotherapie eine Hilfe dar für die erschrockene, verstörte, verletzte Seele. Sie hilft Menschen in Belastungssituationen und Krisen, die aus eigener Kraft nicht bewältigt werden können.

Unsere Medizin tendiert noch immer dazu, sich ausschließlich der Behandlung von Krankheiten zu widmen anstatt der Behandlung des ganzen Menschen. Aber der Mensch ist ein Wesen aus Leib, Seele und Geist. Psychotherapie - zumindest die Schule der Humanistischen Therapien - nimmt den Menschen in seiner Ganzheit wahr. Das ist keine Glaubenssache, dafür gibt es inzwischen auch naturwissenschaftlich fundierte Belege: Hochkomplexe Kommunikationsprozesse laufen zwischen unseren Körperfunktionen (z.B. Gehirntätigkeit, Hormon- und Immunsystem ) ab und beeinflussen sich gegenseitig. Ein Alltagsbeispiel: Schon der Gedanke ans Finanzamt bringt so manche Galle zum Überfließen. - Die neue Wissenschaft, die diese Zusammenhänge erforscht, heißt Psycho-Neuro-Immunologie (also: die Lehre vom Zusammenspiel von seelischen Prozessen, Nerven- und Immunsystem). Für die Krebsforschung ist sie von höchster Bedeutung - liefert sie doch handfeste, im Labor erzeugte Nachweise dafür, dass der geistig-seelische und psychosoziale Zustand eines krebskranken Menschen den Verlauf seiner Erkrankung deutlich mitbestimmt; und zwar in Bezug auf Überlebensqualität und  Überlebensdauer. Uns allen ist es selbstverständlich, bei körperlichen Beschwerden professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen... und wenn die Seele weint?

Angst schwächt die Abwehrkräfte

Oft erfolgt dann der Rückzug in die innere Einsamkeit, die jedoch an den Kräften zehrt. Und damit wird eine gefährliche, schädigende Spur eingeschlagen. Denn wir wissen aus den Ergebnissen der Psychoonkologie: Soziale Isolierung erhöht das Mortalitätsrisiko bei Krebs.

Die Krebserkrankung ist - neben anderen - eine Krankheit, die fast alle Betroffenen in eine existenzielle Krise stürzt: Die Kranken werden konfrontiert mit der eigenen Endlichkeit. Sie empfinden Angst vor eingreifenden Therapien, vor Schmerzen und Leiden, vor Einsamkeit und Tod. Hinzu kommen Verzweiflung und Ohnmachtgefühle („warum gerade ich?“) Und gerade diese Gefühle schädigen die Abwehrkräfte. Wissenschaftliche Studien belegen nämlich: Psychischer Stress übt negativen Einfluss auf das endokrine- und Immunsystem aus. Psychotherapeutische/psychosoziale Begleitung beeinflusst den Verlauf der Erkrankung positiv, da ein gesunderer Umgang mit Stress gelernt wird.  Darüber hinaus ist bewiesen, dass Angst vor Therapien und Nebenwirkungen wie z. B.  die durch Chemotherapie bedingte Übelkeit z.B. durch Hypnose, Tiefenentspannung und Imaginationen reduziert werden. Ebenso sind Schmerzzustände - neben der angemessenen Medikation - durch Entspannungstraining und Imaginationsübungen positiv zu beeinflussen.

Den Diagnoseschock überwinden

Wie gehen diese Erkenntnisse in die therapeutische Arbeit  ein? Am Beginn der Arbeit steht zumeist die Überwindung des Diagnoseschocks; denn Schock lähmt und macht handlungsunfähig, was sich negativ auf das Immunsystem auswirkt. Positiv wirkt sich dagegen das Bewusstsein aus, den Krankheitsverlauf selbst beeinflussen zu können, wieder HerrIn der Lage zu sein.  Dazu muss ein Mensch aber erst einmal zur Ruhe kommen.

Um zu mehr Ruhe und Gelassenheit zu gelangen, profitieren viele PatientInnen von Entspannungsübungen, Phantasiereisen und Meditationen. Und wenn dann Entscheidungen über die „richtigen“ Ärzte und Behandlungswege anstehen, machen viele dabei die Erfahrung, dass in ihrem Unbewussten eine Art innerer Weisheit schlummert, die ein besseres Gespür dafür hat, was ihnen gut tut, als ihr wacher Verstand.

Auf diese Weise entdecken sie eine Art inneren Anker, an den sie immer wieder andocken können, um in Ruhe zu Entscheidungen zu kommen. Oder auch einfach zu sich selbst. Aber auch im Gespräch kann sondiert werden, um in der Informationsflut widersprüchlicher Expertenmeinungen einen klaren Kopf zu bewahren. So bekommen Menschen wieder ein Gefühl für ihre Kompetenz, das Leben auch in schwierigen Situationen zu meistern.

Was mich beeindruckt, muss auch Ausdruck finden

Verschweigen macht krank, aufgestaute Gefühle können zu Depressionen führen und zu psychosomatischen Erkrankungen. Ängste, Zweifel, Trauer und Wut zum Ausdruck zu bringen ist unabdingbar auf dem Weg der Genesung. Keine Angst - nicht nur Schreien und Wüten ist heilsam. Es gibt auch leise, sanftere Wege des Ausdrucks, wie Malen, Schreiben, Sprechen, Bewegung, Weinen. Hilfreich ist nur der Weg, der dem individuellen Menschen entspricht. Es gibt keinen Königsweg, der für alle gültig wäre. Eines aber ist Gift für alle: Schweigen und Rückzug.

Die Ursache von und der Umgang mit Stress ist ein wichtiges Thema. Dazu gehört einmal das Identifizieren von belastenden Faktoren im Leben, den sog. „Stressoren“. Sie einmal aufzulisten kann einen heilsamen Schrecken auslösen. („was tue ich mir eigentlich alles an ?“) Dann geht es darum, solche Situationen zu verändern. - Die bereits erwähnten Entspannungstechniken sind z.B. schnell erlernbar und täglich durchführbar. Ein wirksames Mittel im Stressmanagement. Ebenso wichtig ist das Gewahrwerden der körperlichen Symptome von Stress: Übungen zur „sensory awareness“, zur Bewusstheit der Sinne, sind geeignet, sich wieder zu sensibilisieren für die feinen Signale des Körpers bei Überforderung.

Hat die Psyche einen Anteil an der Krebsentstehung?

Aufgrund meiner praktischen Erfahrung kann ich folgender Beobachtung zustimmen: Der Psychoonkologe Wolf Büntig meint bei fast allen Patienten eine „Fehlhaltung“ gefunden zu haben, die er „Normopathie“ nennt; er glaubt, dass viele Menschen erkranken an der Anpassung an fremde Normen und Regeln, anstatt gemäß den eigenen Gesetzen zu leben (Allerdings gilt dies m. M. nicht ausschließlich für Krebspatienten, sondern für viele Menschen in unserer Gesellschaft.). Wenn sie wieder lernen, sich selbst zu ihrem inneren Anwalt zu machen, liegt darin eine große Chance zur Genesung. D.h. sie müssen (wieder) lernen, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen, zu äußern, zu befriedigen. Was oft fälschlicherweise als Egoismus bezeichnet wird. In diesem Kontext erinnere ich meine Patient/innen manchmal an das christliche Gebot der Nächstenliebe: „Liebe Deinen Nächsten wie dich selbst“.

Manchmal braucht es erst eine ernsthafte Erkrankung, damit Menschen den Anstoß bekommen, sich selbst ernst zu nehmen. - In meinen Therapien arbeite ich mit meinen Patienten auch an diesem Thema, indem wir die alten Leitsätze und Lebensregeln aufspüren, die viele Menschen z.T. unbewusst mit sich schleppen von Kindertagen an. Schädigende Sätze, die sie immer wieder zwingen, sich so zu verhalten, als wären sie ihr eigener Feind. Über ganze Frauengenerationen z.B. wurden Leitbilder tradiert wie: „nur Arbeit war ihr Leben, nie dachte sie an sich“! Und wie viele Frauen haben gehorcht, sich selbst nicht wichtig genommen, sich „aufgeopfert“ für ihre Familien. Solche schädlichen Sätze gilt es zu hinterfragen und notfalls über den Haufen zu werfen. Neue Lebensleitmotive zu formulieren, die zu Wohlbefinden und Lebensfreude führen. Und die oft unbewusste, tief sitzende Angst, dann die Liebe und Anerkennung der nahestehenden Menschen zu verlieren, erweist sich meistens als unbegründet.

Freude ins Leben eintreten lassen

Was aber ist gesund und gesundheitsfördernd? In meiner gestalttherapeutischen Arbeit lasse ich Klient/Innen manchmal ein Bild ihrer Stärken und erlebten Freuden malen. Die Psychotherapeutin und Buchautorin Verena Kast nennt das die „Freudenbiografie“. Viel Vergessenes kommt dabei ans Licht. Sich die eigenen Ressourcen, die Kraftquellen bewusst zu machen, ist ein gesundungsförderndes Mittel, und Laborwerte sprechen eine deutliche Sprache über die Wirkung von Freude und Wohlbefinden auf die Chemie unseres Organismus. Das ist besonders wichtig in einer Phase, in der das Leben düster und beängstigend erlebt wird und der Mensch in die Depression abzugleiten droht. Beim Betrachten der gemalten, oder auch geschriebenen, Freudenerfahrungen kann jemand sich der ganz individuellen Freuden und ihrer Auslöser wieder bewusst werden, so dass sie wiederholbar werden. Da stellt sich dann wieder das Wissen und das gute Gefühl ein, das Leben selbst zu bestimmen, Verantwortung übernehmen zu können für das eigene Wohlbefinden.

Neben den real erlebten freudvollen Ereignissen können wir uns die positiven Wirkungen geistiger Vorstellungsbilder und Fantasien zunutze machen. Es gibt nämlich nicht nur krankmachende Gedanken und Gefühle, es gibt auch stärkende und heilsame. - Zu den Techniken der sogenannten „Simonton-Methode“ gehört die Visualisierung (bewusste Erzeugung eines inneren Bildes im entspannten Zustand) der angestrebten Heilungsprozesse, z.B. während einer Chemotherapie. Dieser Vorgang hat nachweisbare, positive Wirkungen auf die Biochemie des Körpers. Hier wie anderswo ist allerdings Vorsicht geboten vor unrealistischen Heilungsversprechen. Es handelt sich um komplementäre, d.h. stützende, ergänzende Maßnahmen, die keine medizinische Behandlung ersetzen können.

Diese Maßnahmen können PatientInnen sowohl in der Einzelbegleitung als auch in therapeutischen Gruppen ergreifen. Die Solidaritätserfahrung mit anderen betroffenen Gruppenmitgliedern hat eine sehr heilsame Wirkung und kann helfen, soziale Netze zu knüpfen. Außerdem findet hier sog. Modelllernen statt: am Beispiel der anderen kann man Bewältigungsstrategien erwerben. Dennoch ist für manche Menschen die Intimität der Zweierbeziehung Voraussetzung dafür, Vertrauen zu fassen und sich zu öffnen. Das bleibt eine individuelle Entscheidung.

Was ist für Sie der Sinn des Lebens?

Alle Menschen haben eine angeborene Sehnsucht nach Sinn. Ich erwähnte die Überlegungen zum Faktor Psyche bei der Krebsentstehung und kann bestätigen, was der Psychoonkologe Le Shan festgestellt hat: Sehr viele KrebspatientInnen haben vor ihrer Erkrankung eine lange Zeit unter dem Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit gelitten. Sie hatten nämlich die Hoffnung verloren, jemals ein wirklich gutes, sinnerfülltes Leben zu führen. Und die Sehnsucht nach Sinn stellt ein menschliches Urbedürfnis dar. Darum wird es in der gemeinsamen Arbeit auch gehen: mit dem Menschen gemeinsam herauszufinden, warum sich für ihn das Leben lohnt; oder andersherum sich zu fragen: was will das Leben noch von mir? Herauszufinden, wie er es anstellen kann, dieses Leben so erfüllend wie möglich zu gestalten, ganz gleich, wieviel Zeit ihm noch bleibt.

Wer resigniert, hat schon verloren.
Wer das Leben will,  gewinnt in jedem Fall viel.

Viele Menschen stellen sich die Frage nach dem Sinn ihrer Erkrankung. Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten des Umgangs mit dieser Frage. Es gibt Menschen, die im festen Glauben an einen vorgegebenen Sinn der Krankheit diesen finden möchten („Was will die Krankheit mir sagen? Welche Botschaft birgt sie?“). Andere sehen ihre Aufgabe in der selbständigen Sinnstiftung („Wozu kann ich diese Krankheit nutzen, welche Erkenntnisse daraus ziehen?“), wieder andere konstatieren die Sinnlosigkeit der Erkrankung.

Alle Lösungen sind zu respektieren als individuelle Entscheidungen. Alle sind Antworten auf eine existenzielle Fragestellung. Und für manche Menschen gewinnen diese Überlegungen eine spirituelle Dimension. Sie erleben dann in der Krankheit einen geistig-seelischen Zugewinn. - Nur eines sollte nicht geschehen: Das Nachdenken über den Sinn der Erkrankung sollte nicht zu Schuldgefühlen führen, derart, dass sie als Strafe für ein „falsches Leben“ angesehen wird. Wie immer Sie gelebt haben, Sie haben es getan - davon bin ich überzeugt -  so gut Sie es konnten. Wenn Menschen dann in dieser Phase des Innehaltens spüren, dass sie Dinge und Verhaltensweisen verändern wollen, bedeutet das: Sie nutzen eine Chance.

Auch sterbende Menschen brauchen Unterstützung. Das ist wohl das schwerste Kapitel einer therapeutischen Begleitung von Krebspatienten. Wenn alle Bemühungen um Genesung nicht erfolgreich waren und ein Mensch sich dem Tode nähert, gerade dann braucht dieser Mensch Beistand. Einen Raum, wo ausgesprochen werden kann, was in unserer Gesellschaft tabuisiert wird: Trauer, Wut, Verzweiflung, Angst vor Schmerzen, Angst vor dem Sterben, Sorge um Angehörige. Aber auch erlebte Freuden, Liebe, Glück. Parallel zur rein schmerzlindernden Betreuung sollte dann auch die Seele umsorgt werden. Das ist das Wichtigste: ein sterbender Mensch muss Nähe erfahren dürfen, nicht Einsamkeit und Isolation. Nicht immer sind die Nächsten dazu imstande. - Hier können TherapeutInnen noch einmal sehr viel tun.

Psychotherapeutische Unterstützung für krebskranke Menschen ist eine wertvolle Hilfe neben der medizinischen Behandlung. Hier finden Sie Stütze im Chaos der Gefühle; einen Raum für all das, was Sie in dieser Situation bewegt. Die professionelle Begleitung kann Ihnen helfen, (wieder) Kontrolle über Ihr Leben zu gewinnen und die Verantwortung für Ihr Wohlergehen bewusst wahrzunehmen. Und die Inanspruchnahme von Hilfe ist ja selbst schon ein Akt verantwortlichen Handelns. - Mit der Wiedergewinnung von Lebensfreude und Perspektiven sind Sie bereits auf dem Wege zu einem gesunderen Leben.
Ich wünsche Ihnen auf diesem Wege Mut, Kraft und Erfolg.

Gabriele Huskens

Auszug aus einem Artikel von Gabriele Huskens, niedergelassener Gestalttherapeutin in Mülheim a.d. Ruhr, der ungekürzt angefordert werden kann.

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Quelle: BALANCE® 1/2001

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