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Terror im Kopf
Schuldgefühlen auf der Spur

von Barbara Zaruba

Sie kosten unendlich viel Energie und schränken unsere Lebenskraft ein. Sie verhindern längst fällige Entwicklungen. Schuldgefühle ziehen unsere Aufmerksamkeit permanent von der Gegenwart ab, halten uns, so lange wir ihnen das erlauben, unbarmherzig in der Vergangenheit fest. Mit ihnen sind wir gefangen in Situationen von früher, an denen wir heute überhaupt nichts verändern können, sich damit zu beschäftigen ist also ohne jeden Sinn.

Trotzdem werden viele nicht müde, sich ständig irgendwelche Unterlassungen vorzuwerfen, Verfehlungen zu verübeln. - Um es gleich ganz deutlich zu sagen: es ist ein großer Unterschied zwischen echter, tatsächlicher Schuld und dem, was wir mit dem Begriff Schuldgefühl meinen. Aber selbst bei wirklicher, ganz realer Schuld wäre es nicht damit getan, sich Vorwürfe zu machen, da wäre dann Wiedergutmachung nötig, bevor man seinen Seelenfrieden wiederfindet.

Jeder Mensch muss im Leben immer wieder Phasen überstehen, in denen er vermeintlich falsche Entscheidungen getroffen oder einfach nur unüberlegt gehandelt hat, denn in schwierigen Situationen ist niemand absolut souverän, da macht man schon einmal etwas nicht ganz richtig, und dass einem dies zu denken gibt, ist alltäglich. - Doch für viele Menschen bedeuten solche „Fehlentscheidungen“ eine große Beeinträchtigung ihrer Lebensqualität, denn sie werfen sich oft noch Jahre später ohne Unterlass Vergangenes vor. Sie sind völlig gefangen in Verurteilungen der eigenen Person und fühlen sich nicht in der Lage, das zu ändern.

Schuldgefühle vergiften das Leben

Schuldgefühle sind nichts anderes als Gedanken! „Ach hätte ich doch“ bzw. „ach hätte ich doch nicht“. Mit diesen Überlegungen kann man sich jahrelang im Kreis drehen und sich das Leben vergiften. Diese Selbstvorwürfe wurzeln immer in Begebenheiten der Vergangenheit, und es ist völlig müßig, sich in ihnen zu verheddern. Sie sind ineinander verwoben, bilden ein Gestrüpp von vermeintlichen Versäumnissen, von Mutmaßungen über die Gefühle anderer, die wir ja gar nicht wirklich beurteilen können. - Schuldgefühle bilden Metastasen, man kommt vom Hundertsten ins Tausendste und  findet so ständig neue Punkte, an denen man sich Versagen vorwirft, ohne zu einem Ergebnis zu kommen.

Was in meinem Kopf stattfindet, kann auch nur dort gestoppt werden

Einen ganz entscheidenden Fortschritt bedeutet es, wenn man es schafft, das vermeintliche Opfer zu befragen, ob es sich überhaupt betrogen, geschädigt, als Leidtragender gefühlt hat, und die Antwort auf diese Frage wird häufig ein Kopfschütteln sein. Andernfalls könnte der ganze Komplex mit einem einfachen „es tut mir leid“ aus der Welt geschafft werden. - Und wenn er sich nicht mehr im Kontakt bereinigen lässt, weil es schon viel zu lange her ist? Dann kann man sich z.B. eine symbolische Buße auferlegen, um ihn dann endgültig loszulassen.

Wollen Menschen, die unter Schuldgefühlen leiden, dies aber? Manchmal fürchte ich, dass das nicht so ist, denn es ist ihnen gar nicht so unangenehm, in der Vergangenheit zu verweilen, ständig um irgendwelche uralten Probleme zu kreisen, weil das vor den Anforderungen des alltäglichen Lebens schützt! Aber in der Gegenwart zu leben, ist unsere Aufgabe, in ihr und in ihrer Folge, der Zukunft, warten Herausforderungen auf uns, die unsere ganze Energie erfordern.

Man kann zwei Arten von Schuldgefühlen unterscheiden. Die erste ist sicher einfacher zu beseitigen, es ist die, in der Eltern und Erzieher, eben alle die früheren Autoritätspersonen uns „gut zureden“. Wenn wir sie nicht stoppen, dann reden sie bis ins Erwachsenenalter bei allen Entscheidungsprozessen mit, wollen uns nicht erwachsen werden lassen. Das ist nahezu von heute auf morgen mit der willentlichen Entscheidung zu beenden, dass das Mitspracherecht dieser Personen hier und jetzt beendet sein muss. Das ist schon fast alles, allerdings muss man dann auf der Hut ein und jeden Rückfall mit einem ganz bestimmten Nein verhindern.

Die zweite Art ist nicht so einfach abzustellen. Es handelt sich bei ihr nämlich um ein Aufbegehren aus tiefster Seele, das dann einsetzt, wenn ein Mensch seiner inneren Wahrheit zuwiderhandelt, sich so selbst verletzt und damit seinen Lebensplan gefährdet. Mit Fug und Recht ist diese innere Stimme dann da, sie lässt sich nicht unterdrücken und wird immer darauf beharren, dass sie zu unserem Besten nicht überhört werden darf. Dann ist es zumeist erforderlich, im realen Leben das zu ändern, was diese innere Stimme von uns verlangt.

Die Gegenwart ist die einzige Realität, auf die wir Einfluss haben

In beiden Fällen ist es hilfreich, wenn es uns gelingt, die Gegenwart anzuerkennen als die einzige Realität, auf die wir einen Einfluss haben. Die ganze Zukunft setzt sich zusammen aus vielen Augenblicken der Gegenwart, nur sie sind wichtig, nur sie sind real. Nur diese Gegenwart können wir beeinflussen, immer und immer wieder, in jeder Sekunde aufs Neue.

Wo also leben Sie? In der Gegenwart oder vergeuden Sie Ihre Energie damit, Vergangenes immer und immer wieder an sich vorüberziehen zu lassen? Alle unsere Probleme rühren von Energieblockaden her, jeder Blick zurück, jedes nutzlose Verharren stoppt den Fluss unseres Lebens.

Verglichen mit einem Bad im Fluss wird ganz klar, dass der Blick nach vorne gerichtet sein muss, wenn man ohne Zwischenfälle das Ziel erreichen will. Wer würde bei einem solchen Bad, das angefüllt ist mit vielen Augenblicken des Glücks, des Staunens und des Wohlbefindens, sich mit diffusen Schuldgefühlen, mit „Schnee von gestern“ belasten? Nein, da sieht man zu, dass man im „Fluss“ bleibt, man sieht die Ufer vorbeiziehen, nimmt die Einzelheiten wahr und löst sich von ihnen, wenn sie vorübergezogen sind.

Wenn also ein wesentlicher Teil Ihrer Energie in der Vergangenheit verhaftet ist, dann sollten Sie sich bemühen, diese Fixierungen loszulassen. Nur Sie können das tun! - Was in Ihrem Kopf entsteht, kann auch nur dort gestoppt werden, von Ihnen! Und wenn sie dabei Hilfe benötigen, dann holen Sie sich die, z.B. bei Therapeuten, Selbsthilfegruppen usw.

Machen Sie einige Schritte nach vorne, betrachten Sie sich die Gegenwart, und Sie werden feststellen: Es ist alles in Ordnung, sobald Sie sich von der Vergangenheit lösen. Am besten geht das, wenn man sich ein Ziel schafft und es mit Ausdauer verfolgt. Dann liegt die Aufmerksamkeit nämlich dort, wo sie hingehört und liegen sollte. In Ihrer Gegenwart, die Sie kreativ gestalten. Und damit auch auf einer selbstbestimmten Zukunft.

Leben heißt lernen, und das wichtigste Ziel ist es, irgendwann in der Gegenwart anzukommen. Deshalb antwortete ein indischer Mönch, der zwanzig Jahre lang völlig zurückgezogen auf einem Berg meditiert hatte, bei seiner Rückkehr auf die Frage, was er in der Meditation erfahren habe: „Wunderbares, und manchmal gelingt es mir jetzt schon, mit meinem Geist da zu sein, wo mein Hintern sitzt.“

Weiterführende Literatur

Barbara Zaruba: Diagnose MS, wie ich meine Hoffnung wiederfand
Nymphenburger Verlag, ISBN 3-485-00841-9 

Anm. der Redaktion: Ein wundervolles Buch, unbedingt - nicht nur für Betroffene - empfehlenswert. 

Quelle: BALANCE® 1/2001
 

 

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