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Psychopille Ritalin
auf dem Vormarsch
Amerikanische Verhältnisse auch bald bei
uns?
Der Fall Casey Jesson
Noch gibt es in Deutschland wenige
„Casey Jesson“-Fälle. Aber Ritalin ist auch bei uns auf dem Vormarsch.
1989 wurde in Deutschland 58 000 mal das Psychopharmakon Ritalin verschrieben,
1996 bereits 445.000 mal. Im Apotheker-Informationsdienst „Arzneitelegramm
8/2000“ wird berichtet, dass der Absatz von Ritalin seit 1995 in nur fünf
Jahren in Deutschland um mehr als das Vierzigfache (!) gesteigert wurde.
In den USA bekommen bereits 8 Millionen Kinder und 1 Million Erwachsene
die gefährliche Psychopille! Amerikanische Verhältnisse also
auch bald bei uns? Dies ist zu befürchten.
Casey Jessons Fall erlangte Berühmtheit,
indem seine Geschichte mit Fotos während und nach Ritalineinnahme
in Zeitschriften wie „People“ und „USA Today“ erschienen und seine Geschichte
Thema von „Nightline“ wurde. Louise Armstrong hat ihm in ihrem Buch „And
They Call It Help“ ein Denkmal gesetzt (Louise Armstrong, „And They Call
It Help, The Psychiatric Policing of America’s Children“), aus dem
ich das Wesentliche über Caseys Leidensweg zusammengefasst habe.
Aber Tendenzen, gesunden Kindern Ritalin zu geben und die Nebenwirkungen
für einen Beleg dafür zu halten, dass Kinder noch mehr Ritalin
brauchen, sind auch hier erkennbar. Auch hier setzen Ärzte Ritalin
mit einer Brille für eine Sehschwäche, Insulin bei Diabetes oder
Antibiotika gleich. Welche Eltern würden diese Hilfen ihrem Kind in
Not vorenthalten ....
Viele Kindergärtnerinnen oder
Lehrer setzen auch in Deutschland Eltern bereits unter Druck, indem sie
ihnen drohen: „Wenn Sie Ihrem Kind kein Ritalin geben, fliegt es aus der
Gruppe/ kommt es auf die Sonderschule.“ Mich rufen ständig Eltern
an, die in diesem Dilemma stecken. Bei uns ist es noch nicht so weit wie
in den USA oder in Australien, wo Kinder mittags Schlange stehen, nicht
für die Schulmilch, sondern für ihre Nachmittags-Dosis Ritalin.
Aber auch in Hamburger Schulen werden Kinder in der ersten Stunde von Lehrern
gefragt, ob sie ihre Pille auch brav genommen haben, wie mir eine Oberschulrätin
von der Hamburger Schulbehörde erzählte.
Als Casey vier war, war seine Welt
noch in Ordnung. Er wurde von seinen Eltern Valerie und Mike auf einen
christlichen Kindergarten in New Hampshire geschickt, um mit anderen Kindern
zusammen zu sein. „Es ging ihm einfach gut“, so seine Eltern. Als er zwei
Jahre später in die christliche Vorschule ging, begann das Drama.
Die Kinder mussten ihre Füße
flach auf dem Boden haben und die Hände gefaltet. Später erzählte
er seinen Eltern, dass alle Kinder jeden Tag drei Sätze von der Tafel
abschreiben mussten, ohne die Buchstaben zu kennen. Wo andere Kinder zwanzig
Minuten brauchten, hatte Casey eine Stunde mit stupidem Abschreiben zu
tun. Der Lehrer dachte nicht daran, dass er mit dem Abschreiben überfordert
war, und steckte ihn wieder in den Kindergarten. Welche Demütigung
für Casey!
Der Vorschullehrer hatte sich bei
Caseys Eltern darüber beschwert, dass ihr Sohn den Klassenclown spielte
und nicht sofort gehorchte, wenn man ihm etwas sagte. Zu Hause war er ein
ganz normaler Junge, und die Eltern hatten keinerlei Probleme mit ihm.
Täglich wurde die Mutter in den Kindergarten gebeten, um mit einem
Geistlichen dafür zu beten, dass Casey Gehorsam lernen möge.
Er forderte die Mutter auf, ihrem Sohn mit Schlägen Gehorsam beizubringen,
wenn sie ihr Kind wirklich liebe.
Diagnose im Schnellverfahren
Als Caseys Verhalten sich nicht besserte,
forderte sein Lehrer seine Eltern auf, mit ihm einen Arzt aufzusuchen.
Der Kinderarzt fand nichts Auffälliges an ihm, empfahl aber den Eltern,
einen Kinderneurologen aufzusuchen. Caseys Mutter sagte dem Kinderneurologen,
sie habe nicht den Eindruck, ihr Sohn sei hyperaktiv, aber der meinte:
„Doch, wahrscheinlich ist er das. Um ihm einen guten Start in der ersten
Klasse zu ermöglichen, würde ich Ihnen dringend empfehlen, ihm
Ritalin zu geben.“ Dann machte er einen 10-Minuten-Test mit Casey
er maß seinen Kopfumfang und ließ ihn auf Zehenspitzen eine
gerade Linie gehen und verschrieb ihm Ritalin, weil Casey angeblich
ein medizinisches Problem habe. Ritalin habe nur geringfügige Nebenwirkungen
wie Einschlafprobleme oder geringfügiges Längenwachstum.
Das war im Sommer 1985, ein paar
Wochen vor Schulbeginn.
Casey hatte eine Dosis von zwanzig
Milligramm täglich verschrieben bekommen. Er wurde richtig krank:
Magenkrämpfe, stechende Kopfschmerzen, Übelkeit mit sich Übergeben.
Die Dosis wurde halbiert. Sein Schulbeginn beinhaltete, dass ihm die Schulschwester
nachmittags seine zweite Dosis Ritalin geben musste, wie in amerikanischen
und australischen Schulen üblich. Jeder in der Schule wusste, dass
Casey hyperaktiv war, weil er ja Ritalin nehmen musste, und erwartete Probleme
mit ihm.
Die Nebenwirkungen von Ritalin setzten
sich fort: Schlafstörungen und Stimmungsschwankungen. Casey konnte
oft bis Mitternacht nicht einschlafen und weinte, weil er so aufgedreht
war. Plötzlich fing Casey an, zu lügen und zu stehlen. Der Arzt
empfahl, Casey weiter Ritalin zu geben und keinesfalls mit Ritalin aufzuhören,
obwohl er vor der Ritalin-Einnahme nie gelogen oder gestohlen hatte.
Als seine Tante die Familie in den
Weihnachstferien 86/87 besuchte, war sie geschockt über Caseys Aussehen.
„Was macht Ihr mit diesem Kind? Schaut ihn doch an! Er ist völlig
abgemagert, sein Gesicht ist eingefallen und blass, er hat dunkle Ringe
unter den Augen, ist total übernächtigt und isst nichts. Er sieht
fürchterlich aus!“ Seine Eltern verteidigten ihre Entscheidung, ihrem
Sohn Ritalin zu geben, fingen aber an, deshalb ein immer schlechteres Gefühl
zu haben. Seine Mutter fragte sich: „Was tun wir unserem Kind
damit an?“
Casey ging es immer schlechter
Langsam bekamen die Eltern den Eindruck,
sie hätten es nicht mehr mit demselben Kind zu tun, das sie von früher
her kannten. Casey schien körperlich und seelisch immer mehr „den
Bach herunter zu gehen“, wie seine Mutter sagt. Er schaute einem nicht
mehr in die Augen, wenn man mit ihm sprach. Seine Mutter wurde an ein Bild
in einer Fernseh-Zeitschrift erinnert, wenn sie ihren Sohn anschaute, das
einen heroinabhängigen Jugendlichen zeigte. Casey begann, das Tourette-Syndrom
zu entwickeln. Er bekam Tics und unkontrollierbare Zuckungen, schrie ständig,
schlug und trat um sich. Casey fing an, fortwährend Tiergeräusche
von sich zu geben. Sein Gesicht zuckte, und er brabbelte wirres Zeug. Seine
Mutter bekam den Eindruck, ihr Sohn sei besetzt. Casey hatte Untergewicht,
schlief schlecht und hatte Wachstumsstörungen. Caseys Mutter im Januar
1989 in „Time“: „Unter Ritalin ist mein Kind zum Zombie geworden. Ritalin
hat aus meinem Sohn ein anderes Kind gemacht. Stundenlang waren seine Augen
glasig, er saß nur noch da und glotzte vor sich hin.“ (vgl. Lehmann,
„Schöne ...“, Band 1, S. 246).
Die Eltern berieten sich und teilten
dem Arzt ihren Beschluss mit, Casey nicht weiter Ritalin zu geben. Der
Arzt informierte sie nicht darüber, dass die Entzugserscheinungen
bei plötzlichem Absetzen von Ritalin gefährlich sein könnten.
In der Schule wurde eine Konferenz einberufen und den Eltern verkündet:
„Wir werden nichts mehr für ihren Sohn tun, wenn Sie ihm nicht wieder
Ritalin geben.“ Der Schulpsychologe untersuchte Casey und interpretierte
die Entzugssymptome wie Depressionen, Trauer, Einsamkeit und Gedanken an
den Tod als Folgen sexuellen Missbrauchs. Er schlug den Eltern einen Deal
vor: „Wir lassen die Sache auf sich beruhen, und Sie setzen ihn wieder
auf Ritalin.“ Die Eltern blieben standhaft.
Medikamente gegen Nebenwirkungen
In der Schule hatte Casey mittlerweile
den Anschluss verloren. Wegen Tagträumerei, Schaukeln auf dem Stuhl
und der Weigerung, Aufgaben in der vorgesehenen Zeit zu erledigen, wurde
er von der Schule suspendiert, immer wieder, bis zu 20 Tagen an einem Stück.
Casey brauche nicht weniger, sondern mehr Medikamente, so der Schulpsychologe.
Die Mutter: „Aber er schläft dann nicht.“ „Dafür gibt es andere
Medikamente.“ Die Mutter: „Aber er isst auch nicht.“ „Auch dafür gibt
es Medikamente.“ Die Mutter war geschockt. Im Krankenhaus wurde er untersucht.
Die Ärzte empfahlen Cylert, weil sie die Einstellung der Eltern zu
Ritalin kannten. Als die Mutter erfuhr, dass Cylert die Leber schädigt,
indem es Enzyme in der Leber ablagert, welche diese langsam zersetzen,
lehnte sie auch dieses Medikament ab.
Damit Casey endlich ein individuelles
Erziehungsprogramm bekam, mussten die Eltern sich mit der Diagnose „Lernstörung“
abfinden, da es sonst kein Förderprogramm für ihren Sohn gab.
Auch in dieser Sonderschule wollten die Lehrer die Eltern von Casey wieder
dazu bewegen, ihm Ritalin zu geben. Er habe nicht ADHD, sondern sei „emotional
gestört“. Die Mutter lehnte dies ab. Immerhin war Casey ohne Ritalin
umgänglicher geworden, sein Verhalten vorhersehbar, er hatte auch
aufgehört zu lügen und zu stehlen, und er schlief wieder normal.
„Auf der körperlichen Ebene sah er um 100 Prozent besser aus“, so
seine Mutter. Auf einem Bild, das Casey in der 2.Klasse unter Ritalineinfluss
zeigt, und das in „USA Today“ unter dem Titel „Zwei Gesichter von Ritalin“
erschien, sieht er nach Aussage seiner Eltern behindert aus, im Gegensatz
zum Foto aus der 3.Klasse, wo er kein Ritalin mehr nahm.
Die Eltern von Casey mussten gegen
das Erziehungsministerium vor Gericht ziehen, um für ihren Sohn das
Recht, kein Ritalin zu nehmen und doch auf eine öffentliche Schule
zu gehen, einzustreiten.
Das war 1991, als Casey 12
Jahre alt war. Vorher war er mehr außerhalb als in der Schule gewesen,
weil er oft wochenlang vom Unterricht suspendiert war, seit der dritten
Klasse (vgl. auch „Boston Globe“ vom 27.4.1988). Zwischendurch wurde den
Eltern sogar gedroht, ihnen wegen „Vernachlässigung“ das Sorgerecht
für Casey zu entziehen, wenn sie ihm nicht weiter das angeblich nötige
Medikament Ritalin geben, was tatsächlich schon einigen Eltern in
den USA passiert ist.. Er geht jetzt in eine Ganztagsschule für lern-
und verhaltensgestörte Kinder. Endlich bekommt er dort die Hilfe,
die er braucht, und ist dabei, sein angeschlagenes Selbstwertgefühl
wieder aufzubauen. Casey fühlt sich endlich nicht mehr dumm und unfähig.
Endlich findet Erziehung statt, welche diesen Namen verdient, und man hilft
ihm. Allerdings ist der Preis hierfür hoch. Sein Bild von sich ist
beschädigt. Und: In den Augen seiner Eltern hätte Casey auch
auf einer normalen Schule Erfolg haben können, wenn man ihn dort entsprechend
gefördert hätte. Caseys Tragödie ist vorläufig
zu Ende, dank seiner mutigen Eltern, die nicht aufhörten, an ihren
Sohn zu glauben und sich schließlich gegen die Manipulation ihres
Kindes durch Lehrer, Ärzte und Psychologen vehement und erfolgreich
wehrten. Aus einem Kind, das mit sechs Jahren ganz normales Verhalten zeigte,
im Kindergarten als auffällig betrachtet wurde, dann auf Ritalin gesetzt
und damit als krank und problematisch angesehen wurde, wurde ein Kind,
was sich durch die Ablehnung seiner schulischen Umgebung und der Nebenwirkungen
von Ritalin tatsächlich durch schlechtes Benehmen auszeichnete. Daraufhin
wurde ihm nur eine lückenvolle Erziehung zuteil, was dazu führte,
dass er zurückblieb, was durch die Schule und Psychologen als Lernstörung
interpretiert wurde.
Eine sich selbst erfüllende
Prophezeihung hatte sich erfüllt, und Casey wäre sicherlich daran
zerbrochen, wenn er nicht durch die unerschütterliche Liebe seiner
Eltern die Kraft zum Durchhalten bekommen hätte. Trotz seiner katastrophalen
Schulerlebnisse hörte er nicht auf, gern zur Schule zu gehen, und
war ständig enttäuscht darüber, dass die Schule ihn nicht
wollte.
Ich hoffe, dass ich Sie als Eltern
oder Lehrer oder Psychologen mit diesem Kapitel aufrütteln konnte
und es in deutschsprachigen Ländern mit Ihrer Hilfe zu keinen amerikanischen
Verhältnissen kommt. Eltern und Familien müssen oft wie David
gegen Goliath kämpfen. Es gibt genügend preiswerte, gewaltfreie
und wirksame Alternativen wie Ernährungsumstellung auf Vollwertkost,
Entgiften von Umweltgiften und Eliminieren von Allergenen zu
den teuren, aufgezwungenen, gefährlichen und bestenfalls wirkungslosen
Namen-geben-und-Drogen-verabreichen und anderen „Lösungen“ der Psychiatrie.
Barbara Simonsohn
Ein Auszug aus dem neuen Buch
von Barbara Simonsohn „Hyperaktivität Warum Ritalin keine Lösung
ist. Gesunde Strategien, die wirklich helfen (erscheint im Mai 2001 bei
Goldmann)
www.barbara-simonsohn.de
www.ritalin-kritik.de
Lesen Sie in der nächsten Balance
über gesunde Alternativen zu Ritalin

Quelle: BALANCE® 2/2001
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