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Tausendmal recycelt und immer wieder neu

Quelle:
Lokalausgabe "Bonner Stadtanzeiger",
Dienstag, 12. November 1996

General-Anzeiger, Bonn
Bonner Zeitungsdruckerei und Verlagsanstalt Neusser GmbH
Justus-von-Liebig-Str. 15
53100 Bonn

 

Troisdorfer Unternehmen entwickelte Verfahren, um Jod wieder aufzubereiten - Weltweit einzigartig

Von Julia Pelka

Troisdorf. Jod - als brennendes Wundmittel von Kindern gehaßt, als gesunde S11-Körnchen von Wellensittichen gepickt. Im Lexikon wird das veilchenfarbende Pulver als nichtmetallisches Element beschrieben, das nur in begrenzten Mengen auf der Erde zu finden ist. Die Firma Metall-Chemie Goerring (MCG) in Troisdorf hat ein Verfahren entwickelt, um das wertvolle Element wieder aufzubereiten - eine lohnende Marktlücke.

Nur etwa drei Zehnmillionstel der festen Erdkruste bestehen aus Jod. Den größten Erfolg bei der Suche nach dem Element hatten Wissenschaftler in Japan und in den nordchilenischen Salpeterlagern. Dort hat die Wüste seit 400 Jahren keinen Tropfen Regen mehr gesehen - und der lebenswichtige Stoff lagert als Jodsalz im Boden. Doch auch im Salzwasser machten Experten das Element aus. Einige Meeresorganismen wie Algen, Tange und Korallen reichern erhebliche Mengen an. 

Noch heute werden sie verbrannt, damit ihre jodhaltige Asche weiterverarbeitet werden kann. In Europa ist die Ausbeute spärlich. Lediglich in den Dünsten des Vesuvs finden sich geringe Mengen von Jodwasserstoff. Pro Jahr werden weltweit 15 000 Tonnen Jod verbraucht. 

Die Chemikalie ist für den Menschen lebenswichtig. Die Schilddrüse braucht Jod, um richtig arbeiten zu können. Fehlt es in Nahrung oder Trinkwasser - zum Beispiel in Gebirgsgegenden - kann es zur Kropfbildung kommen. "Jodmangel kann sogar Verdummung hervorrufen", erklärt Dieter Scharff, Geschäftsführer der MCG Goerring. "So gibt es in einer Bergregion in Japan ein Dorf, in dem wegen Jodmangels nur geistig Zurückgebliebene geboren werden. Jetzt will die UNO die Menschen mit Jodsalz versorgen." Jodmangel ist weit verbreitet. Laut einer Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind ungefähr eine Milliarde Menschen davon betroffen. Bei mehr als 20 Millionen Menschen seien gesundheitliche Schäden vermutlich auf das Fehlen des Elements zurückzuführen. Deutschland gehört zu den Ländern, in denen Jod besonders fehlt. Daher empfiehlt die WHO, mit jodiertem Kochsalz zu würzen. Wie bei fast allem gilt: Zuviel ist ungesund, sogar tödlich. Ins Gerede gekommen ist das Element 1986. Nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl gingen in Deutschland größere Mengen radioaktiven Jods 131 nieder. Da der Stoff jedoch kurzlebig ist, war die Gefahr binnen zehn Wochen gebannt. Zur Prophylaxe empfehlen Ärzte Jodtabletten: Wenn die Schilddrüse ausreichend mit Jod versorgt ist, wirkt das radioaktive Iodid nicht.

Der Mensch braucht Jod unter anderem auch für Katalysatoren, Röntgenkontrast- und Desinfektionsmittel, Druckfarben und Tierfutter. Bisher wurden die Abfälle aus diesen Industriezweigen verbrannt - und der wertvolle Stoff war verloren. Und genau hier setzte MCG an. "Die Idee war, die Abfälle wiederaufzubereiten und in den Produktionsablauf zurückzuführen," sagt Scharff. Denn Jod kann nicht an Qualität verlieren. "PVC ist nach dreimaliger Wiederaufbereitung kaputt, Jod bei der tausendsten noch nicht." Fieberhaft arbeiteten die 20 Mitarbeiter der Troisdorfer Firma an einer Methode, das wertvolle Element wiederzubeleben. "1993 hatten wir versucht, Forschungsfördermittel vom Land zu erhalten. Dieser Antrag wurde jedoch mit der Begründung abgelehnt, unser Unternehmen sei zu klein. Also habe ich selbst investiert. Und es hat geklappt."

Heute stehen in den Hallen von MCG große Reaktoren, es blubbert in hohen Gefäßen, und ein für den Laien undurchsichtiges Wirrwarr von Kabeln verbindet die riesigen Maschinen. In einem komplizierten Verfahren wird Jod vom Abfall getrennt. Dabei fällt neben Jod auch hochkonzentrierte Schwefelsäure ab. Sie wird ebenfalls weiterverarbeitet. "Ansonsten fällt bei dieser Aufbereitung kein Abfallstoff an." Noch ist MCG die einzige Firma weltweit, die Jod wiederaufbereiten kann.

Mittlerweile kann sich das Unternehmen vor Anfragen kaum mehr retten. 100 Tonnen werden zur Zeit recycelt. Tendenz: steigend. Als Absender jodhaltiger Abfälle stehen Länder wie Norwegen, Japan und China auf den Containern in der Lagerhalle. Ein Teil des recycelten Elements braucht MCG selbst, zum Beispiel für die Herstellung von Jodsalz.

Quelle:
General-Anzeiger, Bonn
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