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Sich regen bringt Segen
Die dritte Säule der Gesundheit

von Dr. med. Rüdiger Dahlke

„Sich regen bringt Segen“ weiß die Volksweisheit, und das gilt auf vielen Ebenen und eben auch auf der ganz konkreten des Körpers. Der Mensch ist ein Bewegungswesen und kann die sitzende Lebensweise auf die Dauer nicht vertragen. Der Fortschritt half uns mit seinen bahnbrechenden Technologien, viele Bewegungen einzusparen. Heute müssen wir dafür schon Ersatz suchen. Eigentlich ist das eine wunderbare Situation, denn statt aus Not(wendigkeit) könnten wir uns nun aus Spaß an der Freude bewegen. Wer das allerdings versäumt, wird auf die Dauer gezwungen. Wir haben nicht wirklich die Wahl, ob wir uns bewegen wollen, so wenig wie wir die Wahl haben, ob wir atmen, trinken oder essen. Bewegungsmangel schlägt sich relativ rasch in einer Fülle von Problemen nieder, die weit über nahe liegende Gelenkprobleme hinausreichen und sehr schnell das Herzkreislaufsystem bedrohen. Aber auch die Verdauung wird leiden, wie auch die Entspannungsfähigkeit. Wir können wählen, ob wir Sport betreiben wollen oder nicht, bewegen müssen wir uns in jedem Fall.

Unsere vielfältigen Sportarten sind Ausdruck dieser unbewussten Ahnung um den modernen Bewegungsmangel. Aber einmal im Jahr zwei Intensivwochen „Skiurlaub total“ können leider nicht ersetzen, was der Körper das restliche Jahr täglich in kleineren Dosen entbehrt hat. Im Gegenteil werden solche Gewaltanstrengungen vom Körper nicht als Wiedergutmachungsversuche empfunden, sondern meist als zusätzliche Bedrohung seiner Gesundheit. Wir können ja auch nicht 350 Tage hungern, um dann 15 Tage ungebremst zu essen.

So wenig wie wir unsere Wasseraufnahme auf ein paar intensive Trinkwochen beschränken können oder gar unsere Atmung auf besondere Atemtage im Jahr, können wir erwarten, dass so etwas im Bewegungsbereich ohne Negativfolgen bleibt.

Auf die Frage nach dem „ob“ (wir uns bewegen) stellt sich die nach dem „wie“. Und hier ergeben sich rasch Probleme. Spontan Spaß macht uns in der Regel, was wir gut können. Das ist aber leider meist gerade nicht, was wir bräuchten. Ein bestimmter körperlich bereits überforderter und nervlich überdrehter Männertyp mit Bluthochdruckproblemen tendiert zu Squash oder Tennis, wenn es um Bewegung geht und denkt nicht an Dehnungen, während sich auf dem Gegenpol ein bestimmter Frauentyp mit schwachem Bindegewebe und niedrigem Blutdruck lieber genüsslich im Liegestuhl räkelt und dehnt und kaum auf die Idee kommt, die unterforderten Muskeln sportlich zu betätigen. Beide müssten die Programme tauschen, aber genau dazu haben sie keinerlei Lust.

Dieses Problem existiert aber nicht nur zwischen verschiedenen Menschentypen, sondern fast jeder trägt es auch in sich. Die meisten modernen Menschen haben relativ überspannte und daher verkürzte Beinmuskeln und dazu unterforderte, also erschlaffte Bauchmuskeln. Der eigenartig watschelnde Gang aufgrund des unerfreulichen Zusammenspiels von Verkürzungen im Überforderungs- und Erschlaffungen im Unterforderungsbereich ist ein unübersehbares Anzeichen dieser Situation. Auch bezüglich der eigenen Unausgewogenheit neigen wir dazu, sowieso schon überforderte, d.h. auch verkürzte Muskeln noch weiter zu kräftigen (trainieren) und die erschlafften zu ignorieren. Hier liegt der Grund, warum engagierte Freizeitsportler oft so verblüffend ungelenk und eckig in ihren Bewegungen wirken und warum eine große Mehrheit der Frauen auch nicht einen einzigen Klimmzug zustande bringt.

Auch bei den anderen Säulen der Gesundheit stoßen wir auf ähnliche Teufelskreise, die es zu durchbrechen gilt. Vor den Genuss des errungenen Gleichgewichts ist die Hürde des Verstehens gesetzt und verlangt eine erhebliche Vorleistung, bevor das ersehnte Geschenk ansteckender Gesundheit in Empfang zu nehmen ist. Ein völlig erschlaffter Muskel braucht Zeit und Geduld, um wieder zu Kraft zu kommen, ein extrem verkürzter fühlt sich schon bei vorsichtigem Dehnen unangenehm an. Wie in der Homöopathie muss man sogar mit einer Erstverschlimmerung in Form frühzeitiger Ermüdung und Muskelkaters rechnen.

Ganz ähnlich ist es beim noch wichtigeren Organtraining, das weit vor dem der Muskeln kommen müsste. Wer sich im Fitness-Studio meist mühsam und wenig erfolgreich zur Idealfigur quält, gehört oft viel eher auf den Laufparcours zu lockerem Herzkreislauftraining im Sauerstoffgleichgewicht. Im Ausdauerbereich bei Sauerstoffsättigung, wenn man also laufend noch gut durch den Mund atmen kann, wird nicht nur am besten Fett verbrannt, sondern auch das Herzkreislaufsystem in idealer Weise trainiert. Auch diejenigen, die durch Bewegung abnehmen wollen, sind bei mildem Herzkreislauftraining in Form von Laufen, Fahrradfahren, Bergsteigen, Skilanglaufen, Wasserjogging usw. auf dem richtigen Weg.

Wie soll man sich bewegen?

Eigentlich ist es so offensichtlich: eine Kerzenflamme erlischt, wenn man ihr die Sauerstoffzufuhr unterbindet, weil alle Verbrennungsprozesse, nicht nur die im Körper, Sauerstoff brauchen. Wenn man also Fett verbrennen, sprich abnehmen will, muss man den Körper ausreichend mit Sauerstoff versorgen, also genug atmen. Wer sich aber - wie die Mehrheit der abnehmbegierigen Herren - besonders verausgabt, fängt an hechelnd durch den Mund zu atmen, weil er gar nicht mehr genug Sauerstoff hereinbekommt. Jetzt fährt der Organismus notgedrungen die Fettverbrennung herunter, weil er nicht genug Sauerstoff dafür hat und braucht die Kohlenhydratreserven auf. Das führt konsequenter Weise zu Unterzucker, und der fühlt sich an wie Heißhunger und erklärt, warum viele es schaffen, auf diese Weise „sporttreibend“ sogar noch zuzunehmen. Sie strampeln sich mühsam wenige Gramm Fett herunter, um danach umso mehr nachzufuttern aufgrund eines Bärenhungers.

Ein diesbezügliches Problem ist auch die Beharrlichkeit unseres Körpers, den Franz von Assisi liebevoll „Bruder Esel“ nannte. Wie das Grautier entwickelt er eine verblüffende Sturheit, wenn es darum geht, auf einmal eingeschlagenen Wegen zu verharren. Selbst der gefolterte Körper eines typischen Wohlstandsbürgers, der alltäglich mit überreichlicher Mangelernährung unterversorgt, noch am Abend nach einem bewegungsverarmten Tagesablauf vor dem Fernseher mit Süßigkeiten gepeinigt wird, suggeriert seinem bedauernswerten Besitzer, dass er genau dies wolle, sich bestens entspanne und es ihm den Umständen entsprechend gut gehe.

Auch hier ist die schon vertraute Erstverschlimmerung auf dem Weg zurück zur Gesundheit einzukalkulieren. Jeder Abhängige kennt dieses Phänomen als Entzug. Der Raucher fühlt sich rauchend eindeutig besser als am zweiten und dritten Tag seines Entzuges, und das gilt noch drastischer für den Alkoholabhängigen oder gar den Heroinsüchtigen.

Aber selbst wer durch diese „Erstverschlechterungsphase“ hindurch ist, hat es noch immer nicht ganz geschafft, und das muss man wissen. Der Körper ist nämlich nicht nur stur, sondern auch sehr intelligent. Er lernt zwar nicht gerade schnell aber dafür mit anhaltendem Effekt. Wenn man ein Bein im Gips ruhig stellt, fängt er langsam aber sicher an, die Muskeln, die er nicht mehr braucht, abzubauen. Wo im Weltraum keine Schwerkraft mehr auf die Astronauten wirkt, beginnen die Knochen sich zu entkalken. Das ist intelligent, denn für ein Leben in der Schwerelosigkeit sind so massive Knochen eher nachteilig. Genauso verhält sich der Organismus auch umgekehrt. Wenn er merkt, dass er mehr Muskeln braucht, beginnt er, sie zu bilden. Also muss man ihm nur täglich beweisen, dass man mehr Herzkraft braucht, schon hilft er einem auf die Sprünge. Wer Bauchmuskeln im Sinne des heute fast zwingenden Waschbrettbauches will, muss seinen Bauchmuskeln bei einschlägigen Übungen die entsprechenden Signale geben, und zwar solange, bis es brennt. Jetzt bekommen die Muskeln die schmerzliche Botschaft: „die Kraft reicht nicht, du musst zulegen“.

Diejenigen, die abnehmen wollen, müssen ihrem Organismus, dessen Stoffwechsel auf niedrigem Niveau gleichsam eingeschlafen ist, also zuerst einmal beibringen, jene kleinen Mitochondrien genannten „Kraftwerke“ wieder aufzubauen, die das Fett in den Zellen verbrennen. Das aber bedeutet nichts anderes, als dass sie die ersten Monate kaum einen Abnahmeeffekt bei all ihren Bewegungsbemühungen spüren werden. Mit der Zeit allerdings wird die Geschichte zum Selbstläufer. Wenn sie ungefähr drei Monate durchgehalten haben, werden sie danach dauernd abnehmen, auch wenn sie sich in den Liegestuhl legen. Jetzt hat der Körper seine Kraftwerke aufgebaut und benutzt sie ständig auf Hochtouren. Nur wer so lange durchhält, kann also sagen, er habe es wirklich versucht. Alles davor, vor allem auch alle unregelmäßigen und schon gar seltene große Anstrengungen sind fast ganz wertlos, letztere sogar oft bedrohlich. Wer andererseits gemächlich an die Bewegungsaufgabe herangeht, sich nur innerhalb des Sauerstoffgleichgewichts belastet und das regelmäßig über mindestens drei Monate und unter Beachtung einiger einfacher Regeln, findet hier eine riesengroße Chance.

Die richtige Mischung macht's

Das altersabhängige Belastungsniveau für eine optimale Fettverbrennung kann man Tabellen entnehmen (z.B. in „Säulen der Gesundheit“).

Mit der Zeit wird der Ruhepuls niedriger werden und auf seine Weise anzeigen, dass man erfolgreich auf dem Weg zur eigenen Kraft ist und anfängt, für Ernstfälle Belastungsreserven zu schaffen. Während das Herzkreislaufsystem vieler Menschen die ganze Zeit am Leistungslimit rackert, wird durch vernünftiges Training eine beruhigende Leistungsreserve entwickelt, so dass die Betreffenden auch außergewöhnlichen Anforderungen gewachsen sind. Vor allem aber werden sie mit der Zeit auch schon im normalen Alltag eine verblüffende und auf andere geradezu ansteckend wirkende Vitalität ausstrahlen.

Natürlich gäbe es noch eine Reihe andere sinnvolle Bewegungsaspekte zu berücksichtigen wie etwa all die fließenden Bewegungsmeditationen des Ostens vom Tai Chi bis zum Qi Gong. Auch das Kapitel Dehnen und damit das ganze Feld der Elastizität und Flexibilität ist nicht zu unterschätzen und gehört z.B. unverzichtbar zu jedem Lauftraining dazu. Diesbezüglich sei auf „Säulen der Gesundheit“ verwiesen und dessen detaillierte Übungsanleitungen.

Wer es schafft, morgens den Tag mit einer Entspannung im Sinne einer Meditation zu beginnen - gleichgültig ob eine Bewegungsmeditation oder eine stille geführte Reise - und am Nachmittag oder Abend den Tag laufend zu verarbeiten, wird sich nach ein paar Monaten selbst nicht wiedererkennen. Eine gute Hilfestellung gibt hier die CD „Den Tag beginnen“, die einen verlässlichen Rahmen schafft und einen so bei der Stange hält. Sie übernimmt sozusagen die Rolle des heute immer beliebter werdenden „Personal Trainers“, der auch nichts anderes zu tun hat, als einen Rahmen aufzubauen und aufrecht zu erhalten. Eine gute Freundin könnte die gleiche Rolle besser ausfüllen, wenn sie einen konsequent mit auf den Weg nimmt. Ein Buch und eine CD können einen Freund nicht ersetzen, aber einen „Personal Trainer“ allemal. 

Literaturempfehlungen:

R. Dahlke, B. Preiml, F. Mühlbauer: „Säulen der Gesundheit“ Hugendubel; 
R. Dahlke, F. Mühlbauer: CD zum neuen Buch „Den Tag beginnen“ Bauer Verlag

Informationen zu Seminaren und Ausbildungen:
Heil-Kunde-Institut,  A-8020 Graz, Kernstockgasse 21, Tel. 0316/71 98 88-5, Fax -6; E-mail: info@dahlke.at 

Informationen zu Therapien:
Heil-Kunde-Zentrum
D-84381 Johanniskirchen
Tel. 0049/8564/819 Fax: 1429
www. Dahlke.at
E-mail: hkz-dahlke@t-online.de 

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Quelle: BALANCE® 3/2001

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