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im Kinderzimmer
Fußangeln
im Kinderzimmer
Müssen wir die „Programme“ aus unserer
Kindheit mitschleppen ?
Ich durfte nie... ich musste immer....
meine Eltern haben meine Leistungen nie akzeptiert, meine Brüder sind
dauernd vorgezogen worden, weil Mädchen in unserer Familie nichts
galten. Diese Litaneien ließen sich unendlich lange fortsetzen und
nach Herzenslust variieren.
Aber es gilt doch zunächst einmal
festzustellen: diese Erfahrungen sind lange her. Weil kluge Menschen es
erforscht haben, dass in der Kindheit die Weichen für das ganze Leben
gestellt werden, sind wir oft völlig gefangen in der Vorstellung,
dass es sich unausweichlich nach diesen Vorgaben entwickeln muss. Ganz
allmählich aber hören wir auch die Stimmen von ebenso klugen
anderen, die Gegenteiliges meinen, die einen Weg aufzeigen, dass wir nicht
für alle Zeiten zwanghaft in die einmal vorgegebene Richtung marschieren
müssen.
Sicher hat die Erziehung in der Kindheit,
der Einfluss unserer Eltern und Erzieher uns stark geprägt, aber wir
können darüber hinauswachsen, sind es ja bereits, denn radfahren
und schwimmen, ebenso lesen und schreiben, haben wir so ziemlich alle gelernt,
selbst wenn uns keiner bestätigte, lobte und dafür anerkannte.
Manches hat uns stark gemacht fürs
Leben, anderes hat uns geschwächt, uns weh getan. Wenn wir selbst
Kinder haben, dann bemühen wir uns natürlich, nicht dieselben
„Fehler“ zu machen und es verunsichert uns, wenn jemand die Feststellung
trifft, dass das wohl nicht gelingen wird. Es ist wahr, auch unsere Kinder
werden Seiten an uns entdecken, die ihnen nicht gefallen, und die endlos
lange Geschichte der Vorhaltungen, heimlich oder offen, wird weitergehen.
Leben Sie in der Gegenwart!
Die Erfahrungen, die wir in unserer
Kindheit gemacht haben, sind unterschiedlich, und egal ob es süße
Erinnerungen sind oder schmerzliche, wenn sie uns dort über Gebühr
festhalten, ist es nicht hilfreich.
Es lässt sich zum Glück
etwas dagegen tun: Man kann sich - immer wieder aufs Neue, denn mit einigen
Malen ist es ganz sicher nicht getan - bemühen, im Gegenwärtigen
anzukommen, kann aufhören damit, mit beiden Beinen im Gestern herumzustehen,
sich um Vergangenes zu drehen wie der Hund, der unermüdlich seinem
eigenen Schwanz nachjagt. Im Gegenwärtigen, im Jetzt anzukommen bedeutet
nicht, alle vorherigen Erfahrungen zu vergessen, oder gar den Verstand
auszuschalten und zu leugnen, dass eine eingeschaltete Herdplatte heiß
ist. Die Erinnerung daran ist gespeichert, wie können sie abrufen,
bevor wir uns die Finger erneut verbrennen. Das ist in einem kurzen Augenblick
erledigt, und dann heißt die Devise für ein pralles, gelebtes
Leben: zurück ins Jetzt. Es gibt keine Vergangenheit, es gibt keine
Zukunft. Die Vergangenheit ist eine Aneinanderreihung von Erinnerungen,
die im Jetzt stattfindet, die Zukunft entsteht durch Vorstellungen, die
wir uns im Jetzt machen, und im Jetzt treffen wir die für unser Leben
gültigen Entscheidungen, wo denn sonst?
Befreit von diesen prägenden
und häufig sehr einschränkenden Erfahrungen aus früheren
Jahren sind wir nur dann, wenn wir uns mit Haut und Haaren dem Jetzt verschreiben,
dann reagiert nicht ein beleidigtes vierjähriges Kind auf die Herausforderung
des gegenwärtigen Augenblickes, kein verletzter Teenager, kein zurückgewiesener
Geliebter.
Wir können uns aus unseren
Verhaltensmustern lösen
Sicherlich rühren unsere heutigen
Verhaltensweisen aus Erfahrungen, die in der Kindheit, der Jugend anzusiedeln
sind, dass wir nicht vertrauen können zum Beispiel, nicht uns selbst
und schon gar nicht anderen, hat dort seinen Ursprung. Doch so unbewusst
uns unsere Programmierungen z.T. auch sind, bedeutet es nicht, dass
wir in ihnen verhaftet bleiben müssen, dass wir unsere Kindheitserlebnisse
ein Leben lang mit uns herumschleppen müssen.
Ein beeindruckender junger Mann hat
kürzlich, nachdem er durch eine wirklich schwere Zeit gegangen war,
zu mir gesagt: „Weißt du, meine Kindheit war ständiger Kampf.
Unsere Eltern wollten keines von uns fünf Kinder haben, wirklich kein
einziges und das haben sie uns auch ständig irgendwie spüren
lassen. Ich erinnere mich nur an Streit, Strafe und Ablehnung. Aber soll
ich deshalb mein ganzes Leben ohne Liebe sein? Ich habe begonnen, zu vertrauen,
nicht weil ich es gelernt habe, sondern weil ich es endlich lernen wollte.
Diese Entscheidung hat mein ganzes Leben, hat mich total verändert.
Er war wie ein Wunder, dieser Augenblick, in dem mir klar wurde: ich kann
es ändern, wenn ich jetzt meine Angst und mein Misstrauen vorbehaltlos
beiseite schiebe. Bildlich gesprochen war es fast so, als hätte ich
ein Fernglas einfach umgedreht, die Verletzungen meiner Kindheit sind in
die Ferne gerückt, und ich konnte sehen, welches verlockende Angebot
mir von diesem einen Moment gemacht wurde. Seither vertraue ich mir, vertraue
der Situation, vertraue dem anderen Menschen, ich vertraue dem Leben, dass
es mich trägt, dass es für mich sorgt, mich schon beschützen
wird. Und ich gehe nicht mehr zurück zu den schlimmen Erlebnissen,
die mein ganzes bisheriges Leben vergiften konnten. Ich habe aufgehört,
meiner Vergangenheit diese entsetzliche Macht einzuräumen, dass sie
nicht nur meine Kindheit zerstören konnte, sondern darüber hinaus
auch noch meine Zukunft bestimmen.“
Ein ganz wichtiger Punkt im Leben,
der alles ungleich einfacher macht: reagieren wir nur auf den Augenblick,
denn darauf kommt es an. Die Frage eines Bettlers nach einer Mark mit der
Begründung abzuwehren, dass man sich ja schon immer viel zu oft von
anderen ausnützen läßt, entspricht zwar möglicherweise
einer richtigen psychologischen Erkenntnis von früher, hat aber mit
der Frage gar nichts zu tun.
Sie finden das jetzt übertrieben?
Die Frage war doch nur: Haben Sie eine Mark gehabt?
Barbara Zaruba
Eine MS-Erkrankung veranlasste die
Autorin dazu, sich intensiv mit ihren Verhaltensmustern zu beschäftigen.
Sie verließ die Opferrolle, befreite sich aus den Fesseln der Vergangenheit
und nahm ihr Leben eigenverantwortlich in die Hände, wodurch die Krankheit
zum Stillstand kam. Sehr empfehlenswert, nicht nur für MS-Erkrankte,
ist ihr Buch „Diagnose MS - wie ich meine Hoffnung wiederfand“, Nymphenburger
Verlag, ISBN 3-485-00841-9

Quelle: BALANCE® 3/2001
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