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Tanz als Weg aus der Krise
Tanzsozialtherapie und Krebs

Vier persönliche Weisheiten einer Krebspatientin

Bei Durchsicht der „Perspektiven 1999“ sind mir zahlreiche Weisheitssprüche europäischer Dichter aufgefallen, die mir die Idee gaben, über die „Weisheiten“ nachzudenken, die mir bei der Bewältigung meiner Krebserkrankung vor acht Jahren geholfen haben. Aus meiner kopflastigen Tätigkeit als Rechtsanwältin habe ich kaum Bewältigungsstrategien für den Umgang mit der Krebsdiagnose, mit Chemotherapie, Bestrahlung, Depression und Hoffnungslosigkeit erhalten. Ich erinnerte mich an die Freude, die ich in meiner Jugend beim Ausdruckstanz verspürte und fing wieder an zu tanzen. Daraus entstand der Kontakt zur „Zukunftswerkstatt für Tanz, Musik und Gestaltung“ in Düsseldorf, an der ich zweieinhalb Jahre nach der Erkrankung meine Ausbildung zur Tanzsozialtherapeutin begann und im März 1999 abschloss. In dieser Zeit sind meine ganz persönlichen „Vier Weisheiten“ herangereift, die ich nachfolgend mit einigen Grundsätzen der Tanzsozialtherapie darlegen möchte.

Jeden Tag eine „böse“ Tat tun

„Böse Tat“ bedeutet für mich das „Nichtalltägliche“, dem wir angesichts einer möglicherweise nur noch kurzen Lebensspanne mehr Bedeutung einräumen sollten, denn wir sind über, durch und in unserer Alltäglichkeit krank geworden. Das, was wir brauchen, um unsere Alltäglichkeit anders und gesundheitsfördernder zu gestalten, kann unser uns Körper sagen. Wir haben nicht nur unseren Körper, sondern sind unser Körper, der unser unmittelbarstes und ureigenstes Instrument ist, das unsere Seele, unseren Geist und unsere gesamten Erfahrungen darstellt.

In der achtsamen und liebevollen Beschäftigung mit unserem Körper können wir unsere individuelle Weisheit, unsere Bedürfnisse und unsere innere Stimme entdecken, der wir angesichts einer lebensbedrohenden Erkrankung anfangen sollten, wieder Glauben zu schenken. Die Tanzsozialtherapie als Gruppen- oder Einzeltherapie gestattet uns den Rückzug auf uns selbst, um in einer geschützten Umgebung bei übungs- und erlebniszentrierten Körper-, Entspannungs- und Atemübungen unseren Körper in seiner Kraft, aber auch in seiner Schwäche zu erleben. In unterschiedlichen Haltungen können wir unseren Alltagsverhaltensmustern bewusst nachspüren. Wir können entdecken, welche Muster uns überfordern und uns wertvolle Energien rauben, die wir zum Wiedergesundwerden neuen Haltungen einüben und langsam beginnen, sie in unseren Alltag zu integrieren.

Ein intensiveres Körpererleben führt zu einem stärkeren Gefühlserleben, was angesichts der Krebsdiagnose mit möglichen depressiven Rückzugstendenzen oder Angstzuständen erforderlich ist, um uns wieder im Leben stehend zu erfahren. Da unser Körper unsere ganze Lebensgeschichte umschließt, können wir durch ein besseres Körpererleben unser Wissen über das, was uns zu dem heutigen Menschen gemacht hat, vertiefen und zu Einsichten gelangen, die für den Umgang mit der Krankheit lebenserhaltend sein können. Dadurch werden wir wieder zu Mitgestaltern unseres Lebens, was angesichts der Krebserkrankung besonders wichtig ist, um dem Gefühl der Machtlosigkeit vor einem unkontrolierbaren Körpergeschehen entgegenzuwirken. Dies führt zu mehr Hoffnung, Vertrauen und besserem Selbstverständnis.

„Böse Tat“ bedeutet für mich auch, sich in den Mittelpunkt seines Lebens zu stellen und sich einzugestehen, wie viel man braucht. Denn in der Krankheitssituation braucht jeder ganz viel. Bedürfnisse wie „schau mich an – hör mir zu – bleibe da – sprich mit mir – berühre mich – lass mir Zeit“ können durch die Körperarbeit überhaupt bewusst erlebt, zugelassen, ausgesprochen und dann durch das Sharing-und-Feedback in der Situation Therapeut-Klient-Gruppe im Laufe der Zeit teilweise erfüllt werden. Der Klient – so heißt der oder die Betroffene in der Tanzsozialtherapie – lernt, seine seelischen und körperlichen Bedürfnisse ernst zu nehmen und sie auch in seinem Alltag zu spüren, auszusprechen und schrittweise zu befriedigen.

Ich will nicht sterben, bevor ich nicht pflichtbewusst das Beste aus meinen Talenten gemacht habe und den in mir liegenden Samen bis zur vollen Blüte gebracht habe.
Käthe Kollwitz

Tanzsozialtherapie zielt darauf ab, im gegenwärtigen Zeitpunkt Ressourcen und Stärken gemeinsam mit dem Klienten zu entdecken, die zur Krisenbewältigung und zur Entwicklung von neuen Lebenszielen dienen können. Es macht krank, in fremden Gefühlen und mit fremdbestimmten Lebensinhalten zu leben, anstatt die eigenen Talente und Werte zu entwickeln.

Das Abgeben von überfordernder Verantwortung, das Aufgeben von hohen Zielen, Dinge aufschieben zu lernen, sich zielloses Trödeln und Schwachsein-Dürfen zu gestatten, kann genauso wichtig sein, wie das kraftvolle Verfolgen von lange hinten angestellten Wünschen und Zielen. – Die Bedeutung dieser bisher nicht gelebten Anteile für sich zu entdecken, ist mit Hilfe unserer inneren Vorstellungsbilder möglich, die in uns aufsteigen können, wenn wir uns Zeit nehmen, die Botschaften unseres Körpers zu hören.

Durch Erziehung, Beruf oder Familie können einige Wurzeln unseres Lebensbaumes, der aus dem Samenkorn im Sinne von Käthe Kollwitz gewachsen ist, im Wachstum behindert worden sein, die es jetzt zur Blüte, zur vollen Entfaltung, zu bringen gilt. Diese Vorstellungsbilder materialisieren wir zuerst mit unserem Körper in Haltungen, durch Bewegungssequenzen und beim Abschreiten unseres zukünftigen Lebensweges bis hin zum Tanz unserer Talente, um mit dem Körper das vorwegzuleben, was wir im Alltag versuchen wollen umzusetzen.

Mit der Entwicklung unserer Potentiale werden wir erfüllter, was zu mehr Zufriedenheit und Glück führt. Als vollständigere Persönlichkeit sind wir präsenter und wacher in unseren Beziehungen zur Umwelt. Denn guter Kontakt zu mir bedeutet auch guten Kontakt zu anderen.

Lerne tanzen, denn sonst wissen die Engel im Himmel nichts mit Dir anzufangen. (Hlg. Augustinus)

Tanzen im Sinne von Augustinus ist für mich gleichbedeutend mit: das Leben mit all seinen Höhen und Tiefen zu erfahren und darauf unsere persönliche Antwort zu finden und diese auszudrücken. Tanz ist Ausdruck unserer persönlichen freudvollen und schmerzlichen Erfahrungen. Dadurch werden wir lebendig und gehen Kontakt ein mit anderen. Ohne Ausdruck stehen wir nur mit einem Bein im Leben oder fahren nur im ersten Gang durchs Leben. Im Ausdruck werden wir schöpferisch; wir gestalten uns, unser Leben und unsere Beziehungen zu anderen.

Durch den körperlichen Ausdruck unserer Gefühle und Erfahrungen entlasten wir unseren Körper und unser Immunsystem. Die Energie, die dabei freigesetzt wird, können wir verstärkt für unsere Heilung einsetzen. Im Tanz können wir auch unsere „negativen“ Seiten in der geschützten therapeutischen Situation erfahren, zulassen und uns mit diesen Persönlichkeitsanteilen versöhnen und sie in unser Wesen integrieren. Denn unsere persönliche Weiterentwicklung zielt nicht darauf ab, ein perfekter Mensch zu werden, sondern uns auch mit unseren Fehlern lieben zu lernen. Wenn wir uns mit uns versöhnen, können Körper, Geist und Seele entspannen; wir kämpfen nicht länger gegen uns an. Aus dem Frieden kann dann Weiterentwicklung und Gesundheit entstehen.

Kreativität ist der göttliche Funke in uns.

Ganz wichtig empfinde ich auch, dass wir unsere verrückten, kindlichen oder wütenden Anteile erleben und ausdrücken dürfen. Auch darin können wir Ressourcen zur Bewältigung unserer Krankheit entdecken. So kann uns der Tanz unseres verrückten Kindes, der Wut, der Sehnsucht, der Hingabe, des Stolzes, der Trauer oder der Freude neue Gefühlsqualitäten entdecken lassen, die wir bisher mit hohem Energieaufwand verdrängen mussten oder die uns ganz unbekannt sind, die wir aber zur Alltagsbewältigung heute gebrauchen können.

In Zeiten von Krisen und Krankheit gilt es, unseren Gefühlsreichtum zu erfahren und daraus Leidenschaft für unser gefährdetes Leben zu entwickeln. Und was könnte sich besser eignen zum Ausdruck unserer Leidenschaft als der Tanz!

 

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Quelle: BALANCE® 1/2002
 

 

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