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Wechseljahre – Aufbruch in die dritte Lebenszeit

Trotz aller medizinischen Aufklärung sind die Wechseljahre immer noch von einem geheimnisvollen Nebel verhangen. Frau ist mittendrin, aber spricht nicht darüber. „Da muss man einfach durch!“ heißt die Parole und meint damit all die Beschwerlichkeiten, die diese Zeit des Wandels mit sich bringt: Kopfschmerzen, Launen, Schlaflosigkeit, Hitzewallungen, Kreislaufprobleme, Stress in der Partnerschaft.

Viel seltener hört man die positiven Seiten dieser Zeit: keine Blutungen mehr, keinen Gedanken an Verhütung verschwenden, neue Seiten an sich entdecken, den roten Lebensfaden finden.

Gegen Wechseljahrsbeschwerden kann frau vieles tun, für die positiven Seiten sollte sie mehr tun.

Wenn alles durcheinander gerät

Das deutlichste Zeichen der Veränderung ist das Ausbleiben der Regelblutungen. Die Wechseljahre selbst haben aber schon sieben Jahre vorher begonnen und klingen weitere sieben Jahre aus. Bei der Hälfte aller Frauen findet die letzte Blutung mit 51 Jahren statt. Der gesamte Zeitraum der Wechseljahre umfasst also bei den meisten Frauen das Alter von 44 – 58 Jahren. Das ist eine lange Zeit. Das Ende der Menstruation ist das Ende der körperlichen Fruchtbarkeit und der Höhepunkt der Wechseljahre. Ein jahrelang gewohnter Rhythmus geht verloren und signalisiert das Ende einer Zeit. Viele Fragen drängen sich auf, die nach der eigenen Identität als Frau, als Partnerin, als Mutter. Das Thema Alter und Krankheit ereilt einen manchmal über Nacht. Die Sinnfrage stellt sich. Das hört sich nach Krise an und ist es für die meisten Frauen auch. Sie kündigt sich aber schon über Jahre langsam an und sendet Signale, die oft zu gerne überhört werden. Was ist bis dahin im Körper geschehen? Schon sieben Jahre vorher beginnt sich der hormonelle Haushalt zu verändern. Der Östrogenspiegel sinkt, während die Produktion des männlichen Hormons Testosteron gleich bleibt. Das Verhältnis der Geschlechtshormone wird neu gemischt. Darauf reagiert das Zwischenhirn, das für das richtige Verhältnis der Hormone zu sorgen hat, mit Alarm und sendet die Botschaft an die Eierstöcke: mehr Östrogen produzieren. Da die Produktion in den Eierstöcken aber immer geringer wird, erhöht das Zwischenhirn seinen Alarm und bringt damit auch andere Bereiche des Gehirns durcheinander. Betroffen ist das Temperaturzentrum und das Limbische System, das „Gefühlszentrum“. Die Folgen sind Hitzewallungen, Stimmungsschwankungen und andere vegetative Störungen wie Schlafstörungen, Herzklopfen, Schwindelgefühle. Das alles kann, muss aber nicht auftreten. Immerhin bleibt ein Drittel aller Frauen von diesen Symptomen verschont, bei einem weiteren Drittel treten sie gelegentlich auf, aber das restliche Drittel leidet zum Teil so darunter, dass Arbeitsfähigkeit und Lebensqualität sehr eingeschränkt sind.

Fehlende Hormone ersetzen?

Wenn fehlende Hormone solche Probleme produzieren, liegt nichts näher, als sie zu ersetzen. Die Schulmedizin will uns Frauen seit Jahren einreden, dass dies der einzige Weg sei und zudem vor einer Osteoporose im späteren Alter schütze. Rund ein Drittel der deutschen Frauen folgt diesem Rat. Der Rest nicht. Die Hälfte aller Frauen setzen die künstlichen Hormone schon innerhalb eines Jahres wegen zahlreicher Nebenwirkungen ab. Dazu zählen Bluthochdruck, Migräne, Störungen des Leberstoffwechsels und Gewichtszunahme durch Wassereinlagerungen. Ein erhöhtes Risiko für Brustkrebs ist ebenfalls nachgewiesen.

Phytoöstrogene – Hormonersatz und Krebsschutz

Phytoöstrogene sind eine Alternative für alle Frauen, die chemische Substitution mit ihren Nebenwirkungen ablehnen und sich zusätzlich vor Brustkrebs schützen möchten. Denn das ist das Geniale dieser Pflanzenhormone: sie wirken sanft gegen alle Symptome der Wechseljahre und schützen gleichzeitig vor Krebs. Auch die neu entwickelten, teuren Designerhormone (sog. SERMs) der Pharmaindustrie, die nur an bestimmten Stellen des Körpers wie Östrogene wirken (Brust, Knochen), verringern das Brustkrebsrisiko, haben aber die gleichen Nebenwirkungen wie klassische Hormone und helfen in keiner Weise bei vegetativen Beschwerden der Wechseljahre wie Hitzewallungen. Phytoöstrogene können beides: sie verringern Wechseljahrsbeschwerden und schützen gleichzeitig vor Brustkrebs und Osteoporose. Sie senken zudem den Cholesterin- und Homocysteinspiegel, schützen vor den gefährlichen freien Radikalen und senken so das Herzinfarktrisiko, das bei Frauen nach den Wechseljahren extrem steigt. Und als wollte die Natur noch eins drauf geben: Den Mann schützen sie vor Prostatakrebs.

Pflanzen produzieren Phytoöstrogene, um sich gegen Umwelteinflüsse zu schützen. Etwa 100 Pflanzen sind bekannt. Den höchsten Gehalt bei essbaren Pflanzen hat die Sojabohne. Nicht umsonst zählt sie zu den fünf „heiligen“ chinesischen Pflanzen, die im alten China der Kaiser persönlich auspflanzte.

Asiaten nehmen im Durchschnitt täglich etwa 50 mg Phytoöstrogene über die Nahrung zu sich, die Deutschen weniger als 5 mg (aus Erbsen, Bohnen, Linsen). Asiatinnen haben viel weniger Brustkrebs und Osteoporose als wir, auch viel weniger Hitzewallungen. Zwischen der sojareichen Ernährung und der besseren Gesundheit besteht ein eindeutiger Zusammenhang, und es ist für Frauen in den Wechseljahren sehr sinnvoll, mehr Soja in die Ernährung einzubauen. Es gibt inzwischen Kochbücher mit vielen leckeren Rezepten zu Sojaprodukten. Ansonsten kann man auf Nahrungsergänzungen zurückgreifen, die inzwischen in Apotheken und Reformhäusern angeboten werden.

Aus der Indianermedizin ist seit langem die Traubensilberkerze als natürlicher Hormonlieferant bekannt und in vielen homöopathischen Präparaten gegen Wechseljahrsbeschwerden enthalten.

Eine Neuentdeckung ist der (nicht essbare) Rotklee. Er hat den mit Abstand höchsten Gehalt an Pflanzenöstrogenen. Einen Rotklee-Extrakt gibt es ebenfalls seit kurzem in der Apotheke.

Wenn die Lilith erwacht

Lilith wird in der hebräischen Tradition als erste Frau Adams genannt. Als erste „Emanze“ soll sie sich geweigert haben, unter ihrem Mann zu liegen. Da sie ihre Unabhängigkeit brauchte, floh sie in die Wüste. Sie wurde Symbol für die unbewusste und geheimnisvolle weibliche Urenergie, die unangepasst und manchmal wild ihr Potential leben will und ist somit die andere Seite der Eva, die ihrem Mann in allen Dingen folgte. Bei vielen Frauen in den Wechseljahren macht sich diese selbstbewusste, unabhängige, bestimmende weibliche Seite, die jede Frau in sich trägt, bemerkbar. Die mondhafte Eva wird zur sonnenhaften Lilith. Das lässt sich biologisch mit dem veränderten Verhältnis weiblicher und männlicher Hormone erklären. Der männliche Anteil wird stärker und Konflikte sind vorprogrammiert. Der Mann kennt seine plötzlich aufmüpfige Frau nicht mehr wieder, die Frau sich aber auch nicht und braucht selbst Zeit, um sich mit dieser neuen Seite in ihr anzufreunden. Dazu zählen Unabhängigkeit, Eigenständigkeit und eine neue, oft ungestüme sexuelle Energie. Viele Ehen scheitern in dieser Zeit, nicht nur, weil der Mann andersweitig sexuelle Bestätigung sucht, sondern auch die Frau. Es ist schwierig, mit Lilith umzugehen. Die Farbe Rot (Farbe der männlich drängenden Kraft) spielt in diesen Jahren eine auffällige Rolle. Oft sieht frau „rot“, die Haare werden rot gefärbt, der Kopf wird rot bei Hitzewallungen usw. Das feurige Rot symbolisiert Aktivität, Leidenschaft, Erregung und Sinnlichkeit. Diese Energien wollen gelebt werden, haben aber ein großes Konfliktpotential. Um mit ihnen umzugehen, muss frau sich immer wieder in die Stille zurückziehen, so wie Lilith sich in die Wüste zurückzog. Zeit für sich selbst zu haben wird nun sehr wichtig. Viele Frauen entdecken in den Wechseljahre das Fasten für sich. Fasten ist eine Zeit der Besinnung, der Ruhe und der Stille, in der Kraft geschöpft wird. Mit der körperlichen Entgiftung geht eine seelische einher. Alter Ballast wird abgeworfen, damit Neues und Aufbauendes Platz finden kann. Regelmäßige Entgiftung wird in und nach den Wechseljahren für die Gesundheit besonders wichtig, da der natürliche weibliche Entgiftungsweg über die monatliche Blutung wegfällt. Dadurch fallen plötzlich sehr viel mehr Säure-Schlacken im Körper an, die im „Übersäuerungs-Gau“ Herzinfarkt enden können. Zum Neutralisieren der Säuren benötigt der Körper nun auch viele Mineralien. Wenn sie nicht ausreichend mit der Nahrung zugeführt werden, entzieht der Stoffwechsel sie den Mineraliendepots der Knochen. Folge ist eine Osteoporose. Wenn in diesen Jahren nun plötzlich das Interesse fürs Fasten aufkommt, ist dies ein sinnvolles Signal des Körpers.

Nimmt die rote Energie in den Wechseljahren überhand, sollte immer daran gedacht werden, dass Rot als Ampelfarbe auch „Stop“ signalisiert. Eine regelmäßige Aus- und Bedenkzeit hilft, die Lilith-Energie zu integrieren, sich mit ihr anzufreunden und klug mit ihr umzugehen, bis weibliche und männliche Energien mit allen ambivalenten Gefühlen und Handlungen im Einklang sind.

Abschied und Neubeginn

In den Wechseljahren nimmt frau Abschied von ihrer körperlichen Fruchtbarkeit. Während sie sich bis dahin als attraktiv und jung empfindet, mischen sich nun Ängste um die eigene Wertigkeit mit denen vor Alter und Krankheit. Oft sterben in dieser Zeit Vater oder Mutter. Der eigenen Endlichkeit und den Fragen nach dem Sinn des Lebens und Sterbens kann dann nicht mehr ausgewichen werden. Krisenzeiten verlangen nach Auseinandersetzung. Wer sich dem entzieht und die drängenden Fragen nicht stellt, vertut eine große Chance. So wie die Pubertät als Krisenzeit auf Sexualität und weltliche Lebensmeisterung vorbereitet, sind die Wechseljahre als Tor zur geistigen, spirituellen Welt zu sehen. Nicht zufällig fallen sie in den Zeitraum von 7 mal 7 Jahren. Die Zahl Sieben steht für den Übergang, den Wandel. Im siebener Lebensrhythmus vollzieht sich seelisches und geistiges Wachstum, das nun im Alter von 7 mal 7 seinen Höhepunkt erreicht. Die Ernte des Lebens kann eingefahren werden, vorausgesetzt, man lässt den Dingen seinen Lauf und hält nicht mit aller Gewalt an der verlorenen Jugend fest. Die körperliche Mutterschaft geht in eine geistige über. Eine weise Frau zu werden, kann ein wunderbares Ziel sein. Bei Asiatinnen sind Probleme in den Wechseljahren vermutlich deshalb so wenig bekannt, weil in den dortigen Lebensräumen „alten“ Frauen viel Respekt gezollt wird und man sich auf diese Zeit freut.

Nach den Wechseljahren geht die Weiblichkeit keinesfalls verloren, sie hat nur eine andere Qualität. Die „Weibchen-Rolle“ passt nicht mehr. Sie ist ein Zeichen der Unreife und zeigt, dass die männliche Seite nicht integriert ist. Gereifte Frauen, die nicht mehr auf diese Rolle fixiert sind, sondern Harmonie und Stärke ausstrahlen, können für das andere Geschlecht ungemein attraktiv sein. Sexualität gehört auch keineswegs der Vergangenheit an, sondern erhält einen anderen Stellenwert. Die genießerische, spielerische und sinnliche Seite gewinnt sehr viel mehr Raum und Zeit, was ausgesprochen aufregend sein kann. Partnerschaften werden neu definiert oder neu eingegangen. Hier kann vieles neu beginnen. Schließlich warten statistisch noch dreißig Jahre, die erfüllend gelebt werden möchten.

Das größte Geschenk der Wechseljahre ist die Freiheit. Von der Pubertät bis zu den Wechseljahren ist die Frau eingebunden in den Rhythmus des Mondes und befindet sich in einer Art biologischer Abhängigkeit. Aufbau und Abbau der Hormone bestimmen die Befindlichkeit und das Selbstverständnis mehr als allgemein angenommen wird. Diese Abhängigkeit fällt nun weg. Der Familienbund lockert sich, wenn die Kinder aus dem Hause sind. Mehr freie Zeit steht zur Verfügung. Freiheit braucht aber einen Verbündeten, wenn sie nicht in Egoismus ausarten soll. Dieser Verbündete ist die Verantwortung – für den zukünftigen Lebensweg, die Gesundheit, die Partnerschaft, neue Freundschaften, neue Interessen und alles, was man der Welt hinterlassen möchte.

Ulla Scholten

Literatur: 
Dr. med Bernd Kleine-Gunk, „Phyto-Östrogene: Die sanfte Alternative während der Wechseljahre“, Georg Thieme Verlag; 
Julia Onken, „Feuerzeichenfrau“, Beck Verlag; 
Gertrud Ennulat, „Im Zeichen des Feuermonds“, Verlag Herder

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Quelle: BALANCE® 1/2002

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