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Liebe...
Und tue, was du willst
Liebe und Wille in Einklang
bringen – eine Lebensaufgabe
Vielleicht
haben Sie diese Aufforderung schon einmal gehört oder gelesen. Sie stammt vom
Kirchenlehrer Augustinus (354-430 n. Chr.) Er erläuterte dies, indem er sagte
„Hab im Grund Deines Herzens die Wurzel der Liebe. Aus dieser Wurzel kann
nichts Schlechtes kommen.“
Tauschgeschäft Liebe
Lieben und
Wollen in Einklang zu bringen bedeutet, sich zu einem für sein Handeln voll
verantwortlichen, reifen, erwachsenen Menschen zu entwickeln. Das wird uns in
unserer Kultur und durch unsere Erziehung vor allem dadurch erschwert, dass die
Bedeutung der Begriffe Liebe und Wille nur in einer verzerrten Weise vermittelt
werden.
Wenn wir
gelernt haben, dass Bedingungen erfüllt
werden müssen, um geliebt zu werden, dann sind wir auch geneigt, Bedingungen
mit unserer Liebe zu verbinden. Wenn wir erfahren haben, dass wir mit unserer
Angst vor Liebesverlust manipuliert werden können, dann können auch wir dazu
tendieren, mit Liebe zu belohnen
und mit Liebesverlust zu bestrafen, um andere für unsere Vorstellungen gefügig
zu machen. Liebe versteht man auch
häufig als ein Tauschgeschäft. Du gibst mir etwas und ich gebe dir etwas hierfür
zurück. Das alles hat mit der wirklichen Bedeutung von Liebe nichts zu tun.
In der
Kindheit wurden auch die ersten Erfahrungen mit dem Willen gemacht. Zumindest
in der Vergangenheit wurde meistens einem Kind vermittelt, dass es nichts
zu wollen hat. Dabei sollte es eigentlich selbstverständlich sein,
dass bei der Erziehung eines
Kindes zum Erwachsenen die Entwicklung des eigenen Willens ein wichtiges Ziel
ist. Stattdessen wurde und wird auch heute noch sehr häufig das Gegenteil
verfolgt, nämlich „dass man dem Kind so früh wie möglich seinen
‚Willen’ nehmen müsse,“ (Alice Miller in „Am Anfang war Erziehung“).
So fällt es vielen Erwachsenen schwer, einen Satz auszusprechen der mit „Ich
will.......“ beginnt. Da klingt noch im Ohr: „Du hast nichts zu wollen!“
Diese Erziehung eines Kindes zu einem gut entwickelten Willen ist nicht leicht,
weil gleichzeitig dem Kind auch seine Grenzen aufzuzeigen sind.
Wille, Freiheit und
Verantwortung
Rollo May,
Psychoanalytiker, schreibt in seinem Buch „Liebe und Wille“: „Die ererbte
Grundlage unserer Fähigkeit zu wollen und zu entscheiden ist unwiderruflich
zerstört worden.“ Er betrachtet es „als tragisch, dass dies gerade in einer
Zeit der Fall ist, in der ständig schicksalhafte Entscheidungen getroffen
werden müssen und verantwortliches Handeln mehr denn je notwendig ist“. Er führte
dies in erster Linie auf Freud zurück,
von dem er sagt, „ dass dieser das Bild eines Menschen vermittelt hat, der
nicht mehr treibt sondern getrieben wird.“
Ohne eigenen Willen ist jedoch kein
verantwortliches Handeln möglich. Wenn ich erfülle, was andere von mir wollen,
dann kann ich die Verantwortung auch immer auf andere abwälzen. Erich Fromm hat
sich dieser Thematik sehr eindrucksvoll in seinem Buch „Furcht vor der
Freiheit“ angenommen.
Der Begriff
Wille ist häufig mit einem negativem Beigeschmack verbunden. Auch dies ist auf
ein verzerrtes Verständnis von Wille zurückzuführen.
Wille wird oft in Verbindung gebracht mit Egozentrik, Eigensinn,
Sturheit, Verbissenheit, Rücksichtslosigkeit und Macht haben wollen über
andere. Da wird der Wille
zu einem Knüppel,
mit dem man sich selbst und andere zu etwas zwingt.
Der „gut entwickelte“
Wille
Was bedeutet
es nun, einen gut entwickelten Willen zu haben, der klar und damit unverzerrt
ist? In der letzten Ausgabe der BALANCE® habe ich unter der Überschrift
„Psychosynthese – eine Psychologie mit Seele“ das von Roberto Assagioli (
Arzt und Psychiater, 1888 -1974) psycho-spirituelle
Modell der Psychosynthese vorgestellt. Das
„Ich“ oder „Personales Selbst“ werden hier
als ein Zentrum definiert, in dem man neben einer bewussten Wahrnehmung
auch bewusst Entscheidungen treffen
kann, dass man
hier ‚ja’ und ‚nein’
sagen kann. Das bedeutet, bewusst
agieren zu können und nicht aus programmierten Verhaltensmustern auf äußere
Reize nur zu reagieren. In diesem
Zentrum unseres „Ich’s“ ist so die psychologische Funktion des Willens
angesiedelt.
Assagioli hat
Klarheit in diese zum Teil widersprüchlichen Darstellungen des Willens
gebracht. Er hat deutlich gemacht, dass Wille mehr ist als nur der Ausdruck von
Kraft und Durchsetzungsvermögen. Er ging davon aus, dass zu einem gut
entwickelten Willen drei Aspekte gehören.
1. Stärke,
Durchsetzungsvermögen
Dieser Aspekt
bedeutet, dass zu einem gut entwickelten Willen das Vorhandensein von Kraft, vor
allem Entscheidungskraft und Durchsetzungsvermögen, gehört, um Angestrebtes
durchführen zu können. Das ist das, was die meisten Menschen mit Willen
verbinden: Kraft und Stärke. Wille braucht natürlich Stärke. Aber Kraft
allein ist blind und unsensibel. Sie kann uns und andere verletzen. Um die Ausübung
unseres Willens effektiv und sinnvoll zu machen benötigen wir zwei weitere
Aspekte:
2.
Gewandtheit (Skillfulness)
Das gewünschte
Ergebnis muss mit einem angemessenen Aufwand an Energie erreicht werden. Dies
setzt ein gewisses Maß an Intelligenz, Klugheit und Planung voraus, die dafür
sorgen, dass die eingesetzten Kräfte sinnvoll eingesetzt werden. Kraft und
Gewandtheit allein bleiben aber immer noch verzerrte Formen des Willens, weil
man aus egoistischen Motiven immer noch andere manipulieren, missbrauchen und
schädigen kann. Darum ist der
folgende Aspekt besonders wichtig.
3. Güte
(Liebe)
Dieser Aspekt
des Willens schließt die Qualitäten von Liebe und Mitgefühl für andere
Menschen und das ganze Umfeld ein, in dem der Mensch lebt. Dadurch wird
ausgeschlossen, dass man unter Einbeziehung des „guten Willen“ etwas wollen
kann, das Schaden bei sich selbst, bei anderen und in der Umwelt anrichten kann.
Diese drei
Aspekte gehören unzerrtrennbar zu einem gut entwickelten Willen. Der gute Wille
ohne Stärke und Gewandtheit kann zwar voller guten Absichten sein, die aber
mangels Kraft nicht umgesetzt
werden können. Durch diesen letzten Aspekt der Einbeziehung von Liebe beim
Wollen und Handeln kann man auch die Aufforderung von
Augustinus „Liebe und tue was Du willst!“ besser verstehen.
Individualität und
Spiritualität
Während der
Wille die Individualität des Menschen in einer sich selbstbewussten Persönlichkeit
möglich macht, kommt die Liebe
aus unserer spirituellen/transpersonalen Natur. Auf dieser Ebene ist uns
bewusst, dass wir in unserer Essenz kein abgespaltenes, getrenntes und
isoliertes Lebewesen, sondern ein
Teil eines größeren Ganzen sind. Da wird eine Verbundenheit mit der Ganzheit
des Universums wahrgenommen, so wie eine Körperzelle mit der Ganzheit des Körpers
verbunden ist. Egozentrisches
Verhalten kann so aus einer vermeintlichen Getrenntheit auch durchaus mit einer
Krebszelle verglichen werden, die sich vom Körper absondert. Auch hier ist die
Wirkung in gleicher Weise zerstörerisch.
Einheit und Verbundenheit, Losgelöstheit von Raum und Zeit, können
besonders in der Meditation erfahren werden. Diese Erfahrungen sind aber u.a.
auch in der Begegnung mit der Natur und in einer tiefen Liebesbeziehung möglich.
Auf dieser spirituellen Ebene kann
der Wille auch einen transpersonalen Charakter bekommen. Dann nämlich, wenn wir
durch unsere intuitiven und inspirativen Kräfte klare Einsichten und
Erkenntnisse für gute und richtige Entscheidungen erhalten. So gibt es im
Modell der Psychosynthese die Begriffe eines personalen wie auch transpersonalen
Willens.
Egoismus und Eigenliebe sind
nicht dasselbe
Aus diesem
Bewusstsein, Teil eines größeren Ganzen
zu sein, kann auch die urchristliche Botschaft
"Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst" besser interpretiert
werden. Diese Aufforderung verdient ebenso wörtlich genommen zu werden wie die
von Augustinus. Denn sie legitimiert nicht nur die Liebe zu sich selbst, sondern
macht auch deutlich, dass die Liebe zu sich selbst
die Voraussetzung dafür ist, dass man auch andere lieben kann.
Lieben muss nicht immer mit Gefühlen einhergehen,
sondern kann hier ein bedingungsloses Annehmen und Respektieren seiner
selbst und anderer bedeuten.
Wille und Liebe in Einklang
bringen
Es ist eine
Lebensaufgabe, weil es wohl eine der größten Herausforderungen unseres Lebens
sowohl auf dem Weg zu einer reifen Persönlichkeit wie auch zu einem ganzen und
heilen Menschen bedeutet. Wer sich dieser Herausforderung stellt, wird zunächst
eine Bestandsaufnahme darüber machen müssen, wie sein Wille entwickelt ist und
bei welchen Aspekten es Schwächen gibt.
Wenn es an
Entscheidungskraft, Durchsetzungsvermögen, Ausdauer, Konzentration und Ähnlichem
mangelt, so geht es darum, diesen Aspekt zu stärken. Dabei ist es wichtig, sich
selbst gut zu motivieren, z. B. sich vorzustellen, wie das Leben sein könnte,
wenn man mit mehr Selbstbestimmung agiert statt
durch anerzogene Verhaltensmuster auf Reize von außen zu reagieren
Dies ist sehr oft auch mit
der Herausforderung verbunden, etwas zu entscheiden und zu tun, was nicht immer
das Wohlwollen anderer Menschen hervorruft. Da kann es geradezu eine Sucht nach
Liebe und Anerkennung geben, die zur Abhängigkeit und Selbstentfremdung führt.
Es setzt auch voraus, dass man weiß, was man wirklich will.
Für den, der
sich bei seinem Handeln leicht
verzettelt, nur schwer seinen Weg zum gewünschten Ziel findet, gilt es, mit
mehr Klarheit und Bewusstheit die einzelnen Schritte zu planen, um das gewünschte
Ergebnis zu erreichen. Wichtig auch, sich die Konsequenzen seinen Handelns vorab
bewusst zu machen. Auch das bedeutet, mit mehr Verantwortung zu handeln.
Wer mehr aus
egoistischen und eigennützigen Motiven zu handeln gewohnt ist, für den heißt
es, den Trieben der Erhaltung und Selbstbehauptung, die im besitzen und
dominieren wollen zum Ausdruck kommen, zu kontrollieren.
Die „Güte“ des Willens ist der Ausdruck der eigenen Liebesfähigkeit,
anderen und sich selbst gegenüber.
Lieben und
Wollen in Einklang zu bringen bedeutet, sich bewusst zu sein, dass wir als
Menschen „auf dieser Welt, aber
nicht von dieser Welt sind“, so wie es die Sufis, die Mystiker des Islams
ausgedrückt haben. Auf dieser Welt leben wir als Individuen in der Dualität,
in der Beziehung von Ich und Du. Hier müssen wir fähig sein, zu unterscheiden,
Grenzen zu ziehen und zu entscheiden. Dazu brauchen wir unseren Willen. Im
Bewusstsein, dass wir in unserer Essenz ein spirituelles Wesen sind, das nicht
von dieser Welt ist, wird Liebe zu unserer wahren Natur und damit zu etwas
Selbstverständlichem bei unserem Wollen und Handeln. In diesem Bewusstsein sind
wir ganz und heil. Das Weiterbestehen der Menschheit in der Zukunft wird
wahrscheinlich von der Frage abhängig sein, ob dies einmal das Bewusstsein
aller Menschen sein wird, dass Wollen und Handeln in Einklang mit wirklicher
Liebe geschehen.
Hans Piron
Ein ausführliches
Programm mit Workshops auf der Basis der Psychosynthese können Sie anfordern
unter Tel./Fax 02634 - 4296, E-Mail h.piron@krw-online.de
und
www.zentrum-fuer-psychosynthese.de
Literatur:
Roberto
Assagioli: Schulung des Willens, Jungfermann Verlag, Paderborn; Erich Fromm,
Furcht vor der Freiheit, dtv Taschenbuch, Die Kunst des Liebens, Heyne
Taschenbuch, Rollo May, Liebe und Wille, ISBN 3-926176-20-2

Quelle: BALANCE® 3/2002
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