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Der Guru in dir

Wege zu unseren intuitiven und inspirativen Kräften

„Intuire“ bedeutet so viel wie „von innen sehen oder wissen“. Wer intuitiv weiß, ist sich sehr sicher, auch wenn er das nicht begründen kann. Intuition wird dann so wahr, wie Empfindungen wahr sind. Häufig aber sind auch Zweifel vorhanden, inwieweit diese Informationen wirklich aus unserer inneren Quelle der Weisheit kommen. Kann ich etwas dafür tun, um mit dieser Quelle in mir in Kontakt zu kommen? – Was hierfür vor allem notwendig ist, möchte ich anhand einer Zen-Geschichte verdeutlichen.

Vom Wissen zum Nicht-Wissen

Ein Professor besuchte einen Zenlehrer, um von ihm etwas über Zen zu lernen. Der Zenlehrer begann über die herausragende Bedeutung einer ethischen Lebensweise im Zen zu sprechen. Der Professor unterbrach ihn sehr bald und begann eine Vorlesung über die verschiedenen Theorien von Ethik. Als er eine Pause machte, fuhr der Zenmeister fort. „Im Zen ist die rechte Motivation für das, was man sagt und was man tut, sehr wichtig. Und so sprechen wir nur dann, wenn es wirklich hilfreich und nützlich ist.“ „Das stimmt, da gibt es mehrere Theorien“, sagte der Professor, und prompt begann er eine lange Vorlesung über die verschiedenen Arten von Motivation zu halten. Als er noch sprach, goss der Zenmeister dem Professor Tee ein, bis die Tasse voll war, der Tee die Untertasse füllte und schließlich über den Tisch lief. Der Professor rief darauf empört: „Sehen sie denn nicht, dass die Tasse voll ist?“ Der Zenlehrer schmunzelte und sagte. „Und können Sie nicht sehen, dass ihr Kopf total voll von alten Ideen ist und Sie so keine neuen aufnehmen können? Daher tut es mir leid, aber es ist unmöglich für sie, etwas über Zen zu lernen.

Der Professor hätte auch keine Chance, intuitive Botschaften zu empfangen, denn wie beim Zen führt auch der Weg zur Intuition in den Raum des Nichtwissens, der Leere. Wenn der Kopf ständig voll ist von Gedanken und Konzepten, ist da kein Raum für Intuition.

Intuition und kosmisches Bewusstsein

Intuition kommt aus dem Raum des kosmischen Bewusstseins des Universums, an dem wir teilhaben können. Dieser Raum hat keine Grenzen wie der des Verstandes und des Denkens, sondern ist unendlich. Frietjof Capra, Physiker und Autor des Buches „Tao der Physik“, stellt fest, dass die „Einheit des Universums nicht nur der zentrale Charakter einer mystischen Erfahrung, sondern auch zu den wichtigsten Entdeckungen der Physik gehört“. Er hält es für erforderlich, dass „mystische Intuition und analytisches Denken miteinander kooperieren. Beides muss in unser Leben integriert werden.“

Auch Assagioli, der Begründer der Psychosynthese, bezeichnet Intuition als etwas, das nicht vom einzelnen zum Ganzen hinarbeitet, sondern das vom Ganzen in das Individuelle einfließt. Er nennt diesen Bereich auch „Überbewusstes“. C.G. Jung definierte Intuition als eine von vier psychologischen Grundfunktionen. Die anderen sind: Denken, Fühlen und Empfinden. Er charakterisierte Intuition als etwas, das Verborgene zu erforschen und erfahrbar zu machen. Dieses Verborgene wird meistens in Form von Symbolen und Bildern empfangen. Er bezeichnete diese Funktion auch als eine irrationale Funktion im positiven Sinne. Sie hat nichts mit dem Verstand, der Ratio, zu tun.

In unserer Kultur wurde Intuition wie auch die Mystik in den Religionen mit sehr viel Misstrauen angesehen und daher häufig unterdrückt. Die Annahme des Rationalisten Decarte „Ich denke, also bin ich“ hat wesentlich zu dieser Einseitigkeit von rationalem und logischen Denken beigetragen. Dadurch kam es zu einer überwiegend einseitigen Tätigkeit unseres Gehirns. Die linke und rechte Hemisphäre unseres Gehirns haben verschiedene Funktionen. Während die linke Seite mit rationalem, logischen und linearen Denken verbunden ist, ist auf der rechten Seite intuitive und ganzheitliche Wahrnehmung angesiedelt.

Die Ebenen von Intuition

Neben der Intuition auf der spirituellen Ebene, kann auch der Körper Signale geben, die mit Intuition verbunden werden können. Da spürt man im Körper, dass etwas nicht stimmt, oder auch das Gegenteil, dass es sehr stimmig ist. Im einen Fall spüren wir ein Unwohlsein, im anderen Fall fühlen wir uns ganz besonders wohl. Das setzt voraus, dass wir in einem guten Kontakt zu unserem Körper stehen.

Oft sagt man auch „ich habe das Gefühl, dass...“ Da mag man etwas oder jemanden nicht, ohne zu wissen, warum. Um intuitive Botschaften auf der Gefühlsebene zu empfangen, ist wiederum ein guter Kontakt mit unseren Gefühlen wichtig, damit wir ihnen auch vertrauen können. Dann ist auch Intuition auf der mentalen/gedanklichen Ebene möglich, die sich in erster Linie durch gedankliche Einfälle ausdrückt. Ganz plötzlich weiß man, das ist es. Meistens geht es auf dieser Ebene um Problemlösungen oder wissenschaftliche Probleme. Einstein meinte sogar, dass „das Erfahren von objektiver Wirklichkeit nur durch Intuition und nicht durch reine gedankliche Prozesse logischer Art möglich ist“.

Spirituelle Intuition hingegen ist eine ganzheitliche Wahrnehmung von Wirklichkeit, die das rationale und dualistische Wissen überschreitet und die wahre Natur von Einheit und Ganzheit erfahren lässt. Aurobindo, ein Weiser aus Indien, meint, dass Intuition das Gedächtnis von Wahrheit ist. – Was alle Ebenen gemeinsam haben, Intuition kommt plötzlich und spontan. Es kommt ohne Anstrengungen. Erst dann, wenn das Denken am Ende ist, kommt plötzlich der Gedanke. Und dann fragt man sich, wieso bin ich da nicht schon eher drauf gekommen.

Intuition ist von negativen Vorahnungen zu unterscheiden, die vor allem Menschen mit Ängsten und überwiegend negativen Vorstellungen haben. In diesen Fällen heißt es, den Ängsten auf den Grund zu gehen. Oft kann auch lediglich Wunschdenken etwas sein, das mit Intuition verwechselt wird, also selbst gemachte positive Vorstellungen.

Entwicklung von Intuition

Die meisten Menschen suchen Lösungen für Probleme durch Nachdenken zu finden oder ihr Wissen über bestimmte Dinge in ihrem Gedächtnis abzurufen. Das liegt daran, dass unsere intuitiven Kräfte kaum entwickelt sind. Wenn wir diesen Zugang zur Intuition entwickelt hätten, könnten wir zu unserem eigenen Lehrer werden. Oder anders ausgedrückt, in Kontakt mit unserem eigenen inneren Guru sein. Dieser innere Guru macht andere Gurus, die häufig genug zu wissen glauben, was gut für uns ist, überflüssig.

Was kann ich nun tun, um Intuition mehr in mein Leben einzubeziehen? Hierfür sind folgende Schritte wichtig.

1. Der Geist muss ruhig sein

Intuition kommt aus der Stille, dem ruhigen Geist, und nicht aus dem Nachdenken. Um in diese Stille zu gelangen, kann man z. B. die Aufmerksamkeit auf etwas Bestimmtes richten. Bei der Zen-Meditation ist es zum Beispiel der Atem, auf den man sich konzentriert.

Es gibt auch eine meditative Übung, durch die der Geist zur Ruhe kommt, bei der die Aufmerksamkeit nicht auf ein bestimmtes Objekt gerichtet ist, sondern in den Raum zwischen zwei Objekten. Dazu benutzt man den eigenen Körper. Man versucht erst einmal zur Ruhe zu kommen und richtet dann seine Aufmerksamkeit zum Beispiel auf den Raum zwischen seinen beiden Augen, seinen beiden Ohren, zwischen den einzelnen Fingern etc. Man kann sich selbst diese Räume im Körper aussuchen. Bekannt ist diese Übung als „Open Focus Exercise“.

Generell sind alle Arten von Meditationen hilfreich, die den Gedankenfluss zur Ruhe bringen und uns damit auch in eine gedankliche Leere bzw. in den Raum der rechten Gehirnhälfte führen.

2. Entwickeln einer rezeptiven, nicht bewertenden Einstellung

Hat man den Geist zur Ruhe gebracht, gilt es vor allem, Wahrnehmung zu üben ohne Kontrolle und Bewertung. Man spricht hier auch von einem stillen Zeugen, der ausschließlich wahrnimmt. In dieser Einstellung kann ich mich für intuitive Botschaften öffnen.

In der Psychosynthese nennt man dies auch rezeptive (empfängliche) Meditation. Ich stelle mir vorab eine Frage, zu der ich gerne eine Antwort hätte. Nachdem es ganz still in mir geworden ist, öffne ich mich bewusst, um etwas zu meiner Frage empfangen zu können. Da können Bilder, Worte, Sätze, Symbole u.a. vor meinem inneren Auge auftauchen. Ich bleibe nur mit der Frage in Kontakt und nehme wahr. – Hierzu gehört sehr viel Geduld, Zeit und alles andere als ein Ehrgeiz, der das möglich rasch erreichen möchte.

3. Lernen, die rechte Gehirnhälfte zu aktivieren

Um diese Seite zu aktivieren, sind zum Beispiel Visualisierungen, geführte Meditationen und auch freies Malen sehr hilfreich. Auch hier heißt es, den intuitiven Wahrnehmungsprozess ohne Einmischung und Bewertung der linken, rational ausgerichteten Gehirnhälfte wahrzunehmen. Wenn man dies regelmäßig übt, lernt man allmählich zu unterscheiden, ob Bilder ganz spontan kommen oder man verzweifelt Bilder konstruiert, wie es zu Beginn der Fall sein kann.

4. Sich für Neues öffnen – ohne egoistisches Nutzdenken

Egoistische Wünsche können unsere intuitiven Botschaften durch eigennützigen Vorstellungen verwirren. Auch Ängste können zum Hindernis werden. Da ist die Angst vor etwas Neuem, Unbekanntem. Auch diese Ängste gilt es zu überwinden, wenn man sich für intuitive Botschaften öffnen will. Im Verlaufe des Prozesses wächst das Vertrauen zu dieser Quelle in uns und wir können von wirklichem „Selbst“vertrauen sprechen, wissend, das unser wahres Selbst immer nur unser Bestes will.

5. Üben von Selbstwahrnehmung

Dieser Punkt könnte auch an erster Stelle stehen. Es geht darum, mit sich selbst mehr in Kontakt zu sein und vertraut zu werden. Es gibt viele Möglich-keiten, dies zu üben. Wenn es nichts zu tun gibt z.B., im Zug oder in einem Wartezimmer. Dann kann ich meinen Atem beobachten, meinen Körper, meine Gefühle und meine Gedanken wahrnehmen. Bewusst wahrnehmen kann ich aber auch z.B. Geräusche aus der äußeren Welt. Ich lerne dabei mehr und mehr bewusst, bei mir zu sein, was wiederum auch zur Stille in mir führt.

Jeder kann durch diese und ähnliche Übungen seine intuitiven Fähigkeiten entwickeln. Es gibt hier kein wirkliches Ende des Übens. Tugenden wie Ausdauer, Geduld und Offenheit sind dabei notwendig.

Wenn Intuitionstraining in Gruppen stattfindet, wie zum Beispiel in Psychosynthese-Workshops, so ist das nicht nur etwas einfacher, als es allein zu machen, sondern auch spannender.

Spirituelle Psychotherapie unterscheidet sich von der herkömmlichen Psychotherapie vor allem dadurch, dass sie diese transpersonale und damit intuitive Ebene in den Prozess von Aufarbeitung, Klärung und Heilung einbezieht. Voraussetzung hierfür ist, dass der Therapeut selbst diesen Zugang hat und dem Klienten helfen kann, diesen Zugang zu finden.

Hans Piron

Nähere Info unter Tel./Fax 02634-4296, 

E-Mail h.piron@krw-online.de und

www.zentrum-fuer-psychosynthese.de

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Quelle: BALANCE® 4/2002

 

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