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Jungianische Tanztherapie ... für Frauen
Die
Wurzeln der Weiblichkeit im Tanz wieder finden
Vielen Frauen fällt es immer
noch schwer – trotz Frauenbewegung und einer Fülle von Therapiemöglichkeiten und
Sachwissen – den Wert ihrer eigenen weiblichen Qualitäten zu fühlen und zu
sehen.
Die
Geschichte der Unterdrückung des Weiblichen ist lang und hat sich tief in jeden
Frauenkörper eingegraben. Das trifft auf Männer gleichermaßen zu, wenn auch mit
ganz unterschiedlichen Konsequenzen, doch dies weiter auszuführen, würde den
Rahmen dieses Artikels sprengen. Patriarchat und über 2000 Jahre Christentum
haben also auch auf der rein physiologischen Ebene, bis hin zur kleinsten
Körperzelle, ihre Spuren hinterlassen. Wie die Kirche z.B. die Sinnlichkeit
verfolgt hat, dies steckt uns Frauen noch bis heute - im wahrsten Sinne des
Wortes – „in den Knochen“.
Wir leben in einer vom
männlichen Prinzip dominierten Gesellschaft, wo sich die moderne Frau mit deren
aktiven Idealen (wie Leistung, Kampf, Verstand, Kontrolle, Effizienz ...)
identifiziert und damit von ihren weiblichen – rezeptiven Wurzeln (wie Liebe,
Hingabe, Echtheit, Empfindsamkeit, Natürlichkeit ...) abgeschnitten hat.
Frauen haben gelernt, „ihren Mann zu stehen“
Identitäts- und Sinnverlust,
seelische und körperliche Krankheiten sind die Folge. In den Seminaren berichten
fast alle Frauen, wie sehr sie unter dem Diktat des „Funktionieren-müssen“
stehen, sich dem kaum entziehen können. Daneben gibt es auch Frauen (wenn auch
weniger) die sich mit ihren weiblichen Eigenschaften verbunden fühlen, ihnen
fällt es jedoch schwer, deren Wert zu sehen, sie werten sich ab, verurteilen
sich als schwach. Auf diese Weise leben Frauen in beiden Fällen durch die
kulturellen Programmierungen ihre Kraft nicht, entweder verschleudern sie
Potenzial oder sie halten es zurück.
Eine Vielzahl von Ansätzen zur
Frauenbefreiung zeigt, dass sich Frauen des Mangels an eigener weiblicher
Identität bewusst geworden sind und sich nicht länger mit alten und überkommenen
gesellschaftlichen Rollenbildern zufrieden geben. Der Versuch von Frauen, sich
gegen die Dominanz des Männlichen zu wehren, indem sie männliche Qualitäten
imitiert haben, hat sich als Sackgasse erwiesen, denn hierbei blieben die
ersehnten weiblichen Seiten auf der Strecke. Eigentlich kann die Frage für jede
Frau nur lauten: „Wie kann ich meine eigenen weiblichen Qualitäten wieder
finden
und wachsen lassen?“
Tanz und Mythen –
weibliche Wege des Ausdrucks und der Wissensbewahrung
Auf die Frage, warum die Frauen
zu den Seminaren kommen, berichten fast alle, dass es wegen des Tanzens sei: sie
lieben es zu tanzen oder sehnen sich danach – auf jeden Fall können sie sich
hier spüren.
Dass der Verstand dem
Männlichen zugeordnet wird und der Körper dem Weiblichen, ist allseits bekannt –
wie wichtig der Körper mit all seinen Sinnen im Prozess der weiblichen
Identitätsfindung ist, möchte ich mit dem folgenden Exkurs untermauern: Die
rechte Gehirnhemisphäre wird als intuitiv, irrational, poetisch, unlogisch und
nicht-mathematisch bezeichnet. Sie steht für die Künste, (wie Tanz, Gesang...)
Mythen, Imagination und das Unbewusste und ist mit der linken Hand verbunden,
die dem weiblichen Prinzip zugeordnet wird. Die linke Gehirnhemisphäre steht für
Logik, Ursache-Wirkung-Prinzip, Kalkulation und Wissenschaften. Sie wird als
mathematisch, aristotelisch bezeichnet und ist mit der rechten Hand verbunden,
die dem männlichen Prinzip zugeordnet wird. In unserem Schulsystem wird jedoch
die linke Hemisphäre (Logik) einseitig betont und damit die Fähigkeiten der
rechten Hemisphäre (Intuition) unterdrückt. Macht man/frau sich dies klar, so
scheint es fast zwingend, im Wiederaneignungsprozess weiblicher Fähigkeiten
auch weibliche Wege zu gehen.
Verfolgung des Sinnlichen und Weiblichen durch die Kirche
Wie die Kirche alles Weibliche,
Sinnliche und Körperliche verfolgt hat, bezeugen die Ereignisse der Geschichte.
Augustinus bezeichnete den Tanz als „höllisches Gelüst“, als „Kreis, in dessen
Mitte der Satan sich dreht“. Wen wundert es da noch, dass die Menschen und vor
allem die Frauen, so gerne tanzen, so sehr nach einer sinnlichen und elementaren
Sprache ihres Körpers dürsten. Fest steht auch, dass im Körper der Frau ihre
jahrtausendlange Konditionierung und deren Ge- und Verbote, eingeschrieben ist.
Wilhelm Reich hat erforscht, wie sich psychische Strukturen in unserem Körper
niederschlagen und damit den heutigen Körpertherapien den Boden bereitet. Da
scheint es nur allzu logisch, dass unser Körper auch der Ort ist, der uns zur
Befreiung führen kann.
Die befreiende Kraft des Tanzes
„Tanzen macht mir einfach
Freude“, „wenn ich tanze, dann komme ich mir ganz nahe“, „hier fühle ich mich zu
Hause“... Frauen scheinen intuitiv zu erahnen, dass in ihrem Körper ein großer
Schatz, ein Wissen verborgen liegt, der (bzw. das) aber auch nur über den Körper
zu entdecken ist. Zu Beginn der Wochenenden sind einige Frauen eher
zurückhaltend, gehemmt oder unsicher. Manchmal bedarf es nur ca. 20 Min., einer
Phase des intensiveren Bewegens und Atmens, und es ist deutlich zu sehen und zu
spüren, wie sie ihre Freude und Lust am eigenen Körper wiedergewonnen haben.
Lebendigkeit, Erotik, Lebenslust und Lebensfreude sind die Geschenke des Tanzes
an uns.
Der Weisheit des Körpers vertrauen
Beim Tanzen können wir
beginnen, wieder mehr auf unseren Körper zu hören, denn er weiß, was er braucht.
Einfach, indem wir der Energie, die wir im Moment spüren, Raum geben, dass sie
sich ausdrücken kann – ohne sie zu bewerten oder loswerden zu wollen: sei es
Freude, Spannung, Trauer, Sehnsucht, Wut oder Lebenslust. Dieses ‚einfach‘ auf
den Körper und seine Impulse hören, ist für die meisten von uns sehr schwer. Wir
sind es gewohnt zu funktionieren, unseren Körper zum Erreichen bestimmter Ziele
zu zwingen. Und dann auf einmal nur auf die vielleicht unspektakulären oder noch
undeutlichen Impulse zu hören, zu warten, bis sie von selbst deutlicher werden.
Oder gar zu merken, wie erschöpft wir eigentlich sind, wo wir doch viel lieber
lebendig und fröhlich wären. Doch wenn wir uns diesem Prozess aussetzen, der
mitunter auch schmerzlich sein kann: dem Hinhören (in sich hinein hören),
geschehen lassen, warten können und sich Raum geben – alles empfängliche
Eigenschaften – gewinnen wir doch mehr Zugang und Zutrauen in unsere weiblichen
Fähigkeiten.
Ich akzeptiere mich so, wie ich bin
Sind wir also wieder mehr in
unserem Körper zu Hause, dann fällt es uns auch leichter, natürlicher und
authentischer zu sein – zwei weitere Wesensmerkmale des Weiblichen. Die meisten
von uns haben es gelernt, gegen sich selbst und den eigenen Körper anzukämpfen –
doch es gibt auch die Möglichkeit, sich dem was ist, hinzugeben. Beim Tanzen
stoßen wir dann neben den schönen, leichten und spielerischen Seiten auch auf
all die Schichten unserer Konditionierungen. Wir können spüren, wie Ideale, Ge-
und Verbote unseren Körper- und Energiefluss begrenzen.
Wer kennt nicht dieses Gefühl,
blockiert zu sein, sich nicht zu spüren, nicht bei sich zu sein. Können wir dies
aushalten und/oder gar annehmen, so ist es genau diese Akzeptanz, die uns wieder
zu uns selbst zurückführt. Geben wir uns dem, was ist, hin – ob angenehm oder
unangenehm – können wir wieder mit uns selbst ‚eins‘ werden. Der Tanz kann uns
dann mit seinen Schätzen beschenken.
In den Heilungszentren der
Antike nahmen der Tanz und die Mythen einen wichtigen Platz ein. Waren die
Menschen hier mit sich selbst, der Gemeinschaft oder der Natur aus der Harmonie
geraten, so haben sie Hilfe bei den Mythen gesucht. Hier fanden sie Anstöße für
Entwicklungsprozesse oder Lösungen für scheinbar ausweglose Situationen.
Bedeutung der Mythen
C. G. Jung erforschte neben dem
Persönlichen Unbewussten auch das Kollektive Unbewusste, mit seinen
„Archetypen“, sogenannte Ur- bzw. Grundmuster menschlichen Fühlens und
Verhaltens. Diese Archetypen findet man u.a. in Mythen und Märchen, die nach
tausenden von Jahren immer noch erzählt werden. Viele Ansätze der männlichen und
weiblichen Identitätsfindung greifen auf diese machtvolle Kraft der Mythen
verschiedener Kulturen und ihren Göttinnen und Helden etc. zurück.
Die Arbeit mit inneren Bildern
und Gestalten ermöglicht einen direkten Zugang zum Unbewussten – sie können uns
anregen oder gar schlummernde Potenziale zum Leben erwecken. Seien es
ägyptische, griechische, keltische oder andere Göttinnen – sie alle bieten uns
eine echte Alternative zu der nur einen Figur der Jungfrau Maria. Diese
Archetypen sind Werkzeuge, mit deren Hilfe wir uns orientieren, erkennen und
verstehen können.
Weibliche Urkräfte im Tanz entdecken
Die Archetypen beeinflussen
unsere Seele und drücken sich auf der körperlichen Ebene als Bewegungsarchetypen
aus. Jedem Menschen, jeder Frau wohnt ein ganz ureigener Tanzausdruck und
Bewegungsrhythmus inne, der sich auch wieder einer ganz bestimmten Göttin
zuordnen lässt. Mit Hilfe dieses „Rhythmus, wo ich mit muss ...“ kann sich eine
Frau im Tanz mit ihren ureigenen Stärken wieder rückverbinden. Dies über den
Körper und nicht über den Kopf zu tun, ist dabei besonders spannend.
In unserem Schulsystem wird der
Fokus auf das gelegt, was frau nicht kann. Hier nach den eigenen Fähigkeiten zu
fragen, dem, was frau gut kann, stärkt die eigene Selbstachtung und
Wertschätzung. Die eigene Stärke entdeckt frau am ehesten dann, wenn sie sich
einfach so bewegt, wie ihr zumute ist anstatt festgelegte Schritte oder klare
Tanzformen einzuüben – dies wird von den meisten Frauen als sehr befreiend
erlebt. Für einige ist dies jedoch noch fremd, wo wir es doch alle gewohnt sind,
uns nach äußerlichen Vorgaben zu richten. Es geht also nicht darum neuen
„Göttinnen-Idealen“ nachzueifern, sondern darum zu entdecken, was diese
Urkräfte für jede einzelne Frau ganz persönlich bedeuten. Und indem wir
beginnen, Antworten in uns selbst zu suchen, werden wir unabhängiger gegenüber
äußeren Rollenstereotypen.
Im geschützten Kreis unter Frauen
Seit Urzeiten kommen Frauen in
Kreisen zusammen, nicht um miteinander zu konkurrieren, sondern um voneinander
zu lernen und sich gegenseitig zu unterstützen und zu stärken. „Nur von Frauen
kann ich lernen, wie es ist, eine Frau zu sein“. Wenn in Gruppen
Identitätsfragen im Zentrum stehen, so geht dies am besten mit dem gleichen
Geschlecht. „Wer bin ich als Frau?“ „Wo ist mein Platz?“ „Was steckt noch in
mir?“...
Die Vielfalt einer jeden Gruppe
wird als sehr bereichernd erlebt: jede hat etwas anderes, die ganze Palette
weiblicher Ausdrucksmöglichkeiten ist spürbar und kann als Anregung dienen, neue
Wege auszuprobieren. Das Gefühl, dass alle in einem Boot sitzen ist entlastend,
ebenso wie zu erkennen, dass andere Frauen die gleichen Fragen und Nöte haben
wie man selbst. Zu erkennen, dass jede Göttin eine angenehme wie auch
unangenehme Seite in sich birgt, hilft, eigene Möglichkeiten wie auch
Schwierigkeiten besser zu verstehen. Der Prozess ist nicht immer einfach und
leicht, sei es, dass alte Wunden berührt werden oder unangenehme Fragen, wie
z.B. die weiblicher Verantwortungsabgabe. Diese Gefühle mit anderen Frauen zu
teilen, kann sehr heilsam sein.
Jede Frau hat es dann selbst in
der Hand, sich mit den Kräften in sich zu verbinden, die sie nähren oder ihr
helfen, ihre Schattenseiten zu verstehen.
Weitere Informationen bei:
Pramoda S. Habenicht
Postfach 105149 · 28051 Bremen
Tel. 04 21 - 32 65 42
Quelle:
BALANCE 1/2003
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