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Erkenne das „Ich“

Die Persönlichkeit und ihre Teile 

Am Tempel des Apoll in Delphi war in der Antike  zu lesen: „Gnothi Seautón“ – „Erkenne dich selbst“.  Auch wenn diese Aufforderung nach „Selbst“erkenntnis viele Philosophen beschäftigt hat, scheint es mir, dass die Frage nach dem, was wir wirklich sind, in unserer von Materialismus geprägten Welt kaum ernsthaft gestellt wird.  

Wer bin ich? 

Der indische Weisheitslehrer Sri Ramana Maharshi empfiehlt bei der Suche nach dem Selbst immer wieder neu zu fragen „Wer bin ich?“ Ich stelle mir vor, wenn in einer Quizsendung die Frage gestellt würde „Wer sind Sie?“ a. Verstand und Gedanken,  b. Emotionen und Gefühle, c. Körper und Empfindungen oder d. jemand, der das alles hat, würde es keine Antwort geben, die man als richtig anerkennen würde, weil es keine Instanz gibt, die das eindeutig festlegt.   

Will man herausfinden, was dieses Wort „Selbst“ bedeutet, stößt man auf  unterschiedliche Deutungen. Das lässt sich sehr gut erkennen, wenn man Worte untersucht,   bei denen „Selbst“ mit anderen Begriffen verknüpft ist. Da spricht man z. B. von Selbstbewusstsein und Selbstsicherheit und meint damit meistens eine starke Persönlichkeit, die sich ihrer Fähigkeiten bewusst ist und so selbstsicher auftritt. Das Selbst ist also hier die Persönlichkeit. Wenn man von Selbstlosigkeit spricht, was paradox ist, so meint man das Verhalten eines Menschen, der nur die Bedürfnisse anderer erfüllt. Das Gegenteil ist mit Selbstsucht verbunden. Man meint damit Egoismus und Egozentrik. Viele andere solcher Verknüpfungen lassen nicht erkennen, was mit „Selbst“ gemeint ist. Sie können bei den folgenden Beispielen einmal selbst herausfinden, wie „Selbst“ in Verbindung mit einem anderen Begriff verstanden werden könnte:  Selbstbeherrschung, Selbsttäuschung, Selbstüberwindung, Selbstaufopferung, Selbstverwirklichung, Selbstbesinnung, Selbstmord, Selbsterfahrung. „Selbst“erkenntnis ist jedenfalls mit dieser unterschiedlicher Interpretation kaum möglich.  

Das Selbst – Zentrum von Gewahrsein und Wille 

Was ist also das Selbst oder das Ich? Roberto Assagioli (1888-1974) hat  mit seinem psycho-spirituellen Modell der Psychosynthese versucht, etwas mehr Klarheit in die Struktur des Menschen, seines Wesens, seiner Persönlichkeit  und seinen Bewusstseinsebenen zu bringen. Er unterscheidet zwischen einem „Personalen Selbst“  und einem „Transpersonalen Selbst“.  „Personales Selbst“ oder auch „Ich“ wird als ein Zentrum des Gewahrseins und des Willens definiert. In diesem Zentrum  ist reine Wahrnehmung möglich, ohne Interpretation, ohne Vergleichen, ohne Bewertung etc. In diesem Zustand  kann ich zum Beobachter dessen werden, was sowohl in der äußeren Welt aber auch in der inneren Welt vorgeht.  Ich kann hier aber auch entscheiden, auf was ich meine Aufmerksamkeit richten möchte, was ich wahrnehmen und was ich tun will.  Dieser Wille mit seinen  Entscheidungsmöglichkeiten ist die Grundlage unserer menschlichen Freiheit.  Der Begriff Selbstbestimmung drückt es in diesem Falle sehr treffend aus: Wenn ich in meinem „Selbst“ bin, bestimme ich, was geschieht. Fremdbestimmung bedeutet das Gegenteil, ich reagiere aus anerzogenen Verhaltensmustern und auf Impulse und Reize aus der äußeren Welt.  

Die Persönlichkeit und ihre Teile 

Das „Ich“ wird  in der Psychosynthese nicht gleichgesetzt mit der Person oder Persönlichkeit.  Person kommt von „Personare“, was durchtönen bedeutet. Mit der Persönlichkeit, die wir haben, zeigen wir uns in der äußeren Welt, drücken uns aus durch die vielen Arten von Kommunikation, durch unser Verhalten und durch unser äußeres Erscheinungsbild.   

Eine Persönlichkeit besteht aus vielen Teilen, die auch Teilpersönlichkeiten genannt werden. Diese Teilpersönlichkeiten bilden die Struktur unserer individuellen Persönlichkeit. Dazu gehören zunächst einmal die Rollen, die wir im Leben darstellen und in denen wir uns auch unterschiedlich verhalten: im Beruf, in der Familie, in Beziehungen etc.  

Die Persönlichkeit wird sowohl von den eigenen Talenten wie auch  durch das Umfeld, in dem man aufgewachsen ist,  geprägt. Da sind bestimmte Verhaltensmuster, die sich entwickelt haben und sehr dominant im Leben wirken. Auch sie werden im Modell der Psychosynthese als Teilpersönlichkeiten bezeichnet. Man kann ihnen Namen geben, wie z.B. Perfektionist, Kritiker, Kontrolleur, Helfer usw. 

Den meisten Teilpersönlichkeiten  liegen  bestimmte Qualitäten zugrunde, die für unser Leben  sehr nützlich sind.  Wer möchte z.B. auf die Fähigkeit verzichten, Dinge und Situationen kritisch bewerten und beurteilen zu können oder mit einer gesunden Skepsis etwas zu hinterfragen? Auch das Streben nach Vollkommenheit, das als Qualität dem Perfektionisten zugrunde liegt, ist eine Qualität, die zu unserer Entwicklung beiträgt. – Diese Teilpersönlichkeiten können aber auch einengen und sehr viel  Lebensfreude nehmen. Das ist dann der Fall, wenn sie zu dominant werden oder ein schwaches Gegenüber haben.  So steht zum Beispiel dem „Skeptiker“ als Polarität der „Vertrauensvolle“ gegenüber. Wenn ein Teil zu sehr überwiegt, beginnt das Problem. Mit einer ständigen Skepsis enge ich  Möglichkeiten und Chancen in meinem Leben ein, mit zu viel Vertrauen kann ich leicht Schaden erleiden.  

Umwelt und Erziehung haben meistens diese Übertreibung eines Verhaltensmusters  bewirkt. In der Schule haben wir dann Anerkennung und gute Noten bekommen, wenn wir Dinge und Zusammenhänge richtig bewertet und beurteilt haben. Da unser Verhalten auch sehr stark auf Anerkennung von außen ausgerichtet ist, kann z.B. ein ständiges Bewerten, Beurteilen und Interpretieren dadurch zu einer dominanten Teilpersönlichkeit werden. Dieses Verhaltensmuster kann zu einem Zwang werden, so dass diesen Menschen es häufig unmöglich ist, das Gesehene oder Gehörte wirklich erst einmal aufzunehmen und sich daran vielleicht auch zu erfreuen.  

Der Kritiker 

Die Teilpersönlichkeit „Kritiker“, die eng mit dem „Bewertenden“ verbunden ist, ist wohl jedem vertraut. Sie hat bei Freud einen eigenen Namen bekommen. Er nennt sie das Über-Ich. Mit diesem „Kritiker“ ist überwiegend  Negatives  verbunden. In Kooperation mit dem „Perfektionisten“ kann der „Kritiker“ nahezu alles vermiesen. Es ist nie gut genug, da ist immer noch „ein Haar in der Suppe“.  Der „Kritiker“ ist meistens nicht nur kritisch gegenüber seiner Umwelt und anderen Menschen, sondern ganz besonders auch zu sich selbst. Wer sich stark mit diesem „Kritiker“  identifiziert,  hat es nicht leicht im Leben. Der Umgang mit sich selbst ist meistens nicht sehr erfreulich und auch in zwischenmenschlichen Beziehungen hat diese Persönlichkeit ihre  Probleme. Da Anerkennung und Lob kaum zum Zuge kommen, wird auch die eigene Wertschätzung, die man auch Selbstwertgefühl nennt, negativ beeinflusst. Der „Kritiker“ wird in dem psychologischen Modell der Transaktionsanalyse auch mit dem „Eltern-Ich“ verbunden.  

Das „Innere Kind“ 

Eine andere häufig sehr dominante Teilpersönlichkeit ist unser „Inneres Kind“.  Da gibt es einmal die positiven Seiten des Kindes wie Lebendigkeit, Spontaneität, Unbekümmertheit, Verspieltheit, Albernheit und Begeisterungsfähigkeit. Das „Innere Kind“ steht aber auch für unsere Bedürfnisse nach Bestätigung, Anerkennung, Liebe, Beachtung etc. Es steht für unsere Verwundbarkeit und unsere  Ängste, zurückgewiesen und/oder verletzt zu werden, nicht liebenswert oder nicht gut genug zu sein.  Wenn das „innere Kind“ eine dominante Rolle in einer Persönlichkeit einnimmt, kann dieser Mensch sehr leicht abhängig oder manipulierbar werden. Um diese negativen Aspekte zu überwinden, ist es erforderlich, diesem „inneren Kind“ einen „inneren Erwachsenen“ als Teilpersönlichkeit gegenüber zu stellen. Das bedeutet, mit dieser Teilpersönlichkeit die besonderen Merkmale des Erwachsenen stärker ins Leben einzubringen. Hierzu gehört vor allem die Fähigkeit, selbst die Verantwortung für sein Leben und damit auch für die Erfüllung der Bedürfnisse des  „inneren Kindes“  übernehmen zu können. Voraussetzung hierfür ist, sich seiner  grundsätzlichen Freiheit als Erwachsener wirklich bewusst zu werden. Aus dieser inneren Freiheit können auch Beziehungen reifer und problemloser werden, da häufig die unerfüllten Bedürfnisse des „inneren Kindes“ zu Ansprüchen  an den Partner  werden.  

Auch in der  „Transaktionsanalyse“ finden wir neben dem „Eltern-Ich“ das „Kind-Ich“ und „Erwachsenen-Ich. (Die Problematik des „Inneren Kindes“ wird sehr überzeugend in dem Buch „Aussöhnung mit dem Inneren Kind“ von Erika J. Chopich und Margaret Paul aufgezeigt.)  

Was ist nun zu tun, wenn mir das alles einleuchtend erscheint und ich dies nun auch in meinem Leben umsetzen möchte?  

Ich HABE eine Persönlichkeit 

Der erste wichtige Schritt ist es zu verinnerlichen, dass ich die Persönlichkeit mit all ihren Facetten, Rollen und Verhaltensmustern habe und nicht bin. Bei der oben sich vorgestellten Quizfrage kann nur die Antwort heißen, das Selbst hat den Verstand und die Gedanken, es hat Emotionen und Gefühle und es hat einen Körper mit seinen Empfindungen. Der Kern der Psychosynthese ist der Leitgedanke von Assagioli, dass „der Mensch eine Seele ist und eine Persönlichkeit hat“. 

Erkennen von Teilpersönlichkeiten 

Als nächstes gilt es, ganz besonders die Teilpersönlichkeiten zu erkennen, die zu dominant sind, mich einengen  und  Lebensfreude nehmen. Sie in ihrem Einfluss  auf ein vernünftiges Maß  zu reduzieren, ist die Aufgabe. Assagioli hat das „Ich“ verglichen mit einem Dirigenten, der die einzelnen Solisten seines Orchesters in eine harmonische Ganzheit zu führen hat. Der Dirigent fordert häufig einzelne Solisten mit Handbewegungen auf, lauter oder auch leiser zu werden. Aus dem „Ich“ heraus, dem Dirigenten, die Teilpersönlichkeiten, die Solisten, gemäß ihrer Qualität einzusetzen, wenn sie gebraucht werden, ist der Weg zu einer harmonischen Persönlichkeit. Dann  wird das „Personare“ zu einem wohltuenden und harmonischen Klang.   

Disidentifikation führt zur inneren Freiheit 

Im meinem „Ich“, kann ich zu meinen Gedanken, Gefühlen und Empfindungen in Distanz gehen und mich davon disidentifizieren. Assagioli sagt hierzu, dass „alles, mit dem ich mich identifiziere, mich hat, und alles von dem ich mich  disidentifizieren kann, ich habe.“ Das lässt sich auch sprachlich z.B. bei einem Gefühl ausdrücken. Ich kann sagen „ich bin wütend“ oder auch „ich habe Wut“. „Wenn ich die Wut habe, kann ich Distanz zu ihr bekommen und sie so beobachten.  

Das hat nichts mit Unterdrückung oder Verdrängung von Gefühlen zu tun. Das Gegenteil ist der Fall. Ich nehme diese Gefühle wirklich an und spüre sie auch. Sie dürfen da sein. Das gilt für alle Gefühle wie auch für Gedanken. Wenn ich dazu Distanz schaffe und mich nicht damit identifiziere, bleibt das „Ich bin“ übrig.    

Meditation als Üben von Gewahrsein  

Bewusst da zu sein muss wieder geübt werden. Die äußere Welt mit ihren Reizen  wie auch die innere Welt mit ihrem ständigen Gedankenfluss an Erinnerungen, Zukunftsprojektionen und ihren Ängsten machen es sehr schwierig, in meinem „Ich“  zu sein. Wir werden häufig von den in uns  wirkenden einprogrammierten Verhaltensmustern aus dem Unbewussten wie ein Roboter gesteuert. Statt im „Ich“ zu sein, sind wir mit Teilpersönlichkeiten identifiziert. Dadurch machen wir so vieles unbewusst, ohne uns dessen bewusst zu werden. Bewusstheit setzt Achtsamkeit voraus.  

Wir haben hier besonders in den letzten Jahrzehnten sehr viel von östlichen Philosophien  gelernt, die das Üben von Achtsamkeit zu einem zentralen Anliegen und Thema des Lebens machen. Eine gute Möglichkeit des Übens bieten hier gegenstandlose Meditationen wie Zen- und Vipassana.     

Der Weg zur transpersonalen Ebene 

Wer regelmäßig meditiert, findet allmählich zu einer tiefen Stille in sich. Der Beobachter, der auf der personalen Ebene hilfreich ist, wird zum stillen Zeugen einer Erfahrung. Das ist die Überschreitung unseres  rationalen Bewusstseins zur transrationalen oder transpersonalen Ebene. Hier komme ich mit dem, wie die Psychosynthese es nennt, „Überbewussten“ und „Transpersonales Selbst“ in Kontakt. Es ist unsere innere Quelle von  Kreativität,  Intuition und Inspiration. Hier erfahren wir die Einheit, Verbundenheit und Geborgenheit, nach der wir uns seit unserer Geburt so sehnen. Die Qualität des „Selbst“vertrauens erfährt hier eine andere Dimension. (Mehr über diese Ebene wurde in den Artikeln der letzten BALANCE-Ausgaben „Psychosynthese, eine Psychologie mit einer Seele“, „Liebe und tue was Du willst!“ sowie „Der Guru in dir!“ ausgeführt.) 

Die Aufforderung „Erkenne dich selbst!“ wie auch das „Werde was Du bist!“ der Psychosynthese bezieht sich so auf zwei  Ebenen unseres Seins. Einmal ist es die personale Ebene mit ihrem „Ich“, das in diesem Leben eine Persönlichkeit mit ihren vielen Facetten und einem Potenzial hat, das nach Entwicklung drängt. Die andere Ebene ist die transpersonale Ebene mit dem „Transpersonalen Selbst“  oder unserer „unsterblichen Seele“, wie wir es traditionell auch nennen.  

Wenn man in den Tempel von Delphi, auf dessen Tür „Erkenne dich selbst!“ stand, hineinging, fand man eine Ergänzung zu dieser Aufforderung, die lautete „Dann findest du Gott!“ Dies ist es, was alle Mystiker verkünden: Nur in der Erfahrung meines „Selbst“ kann ich auch Gott erfahren.  

Hans Piron

Nähere Informationen u.a. über Workshops auf der Basis der Psychosynthese unter: Tel./Fax 02634-4296
www.zentrum-fuer-psychosynthese.de
h.piron@krw-online.de

 

Quelle: BALANCE 1/2003

 

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