Balance1
Balance2

Leben im Jetzt

Doris Iding sprach mit Eckhart Tolle

 

Wir sind nicht unsere Gedanken. Wir sind weitaus mehr als der ewige Strom von inneren Dialogen und zahllosen Wünschen, die uns an die Vergangenheit binden oder uns von der Zukunft träumen lassen. Unsere eigentliche Identität ist ein unendlich tiefer Friede, gepaart mit natürlicher Intelligenz. Zu finden im JETZT, im gegenwärtigem Moment. Dies behauptet zumindest Eckhart Tolle.

Mit 29 Jahren erlebte Eckhart Tolle eine tiefgreifende spirituelle Erfahrung, die ihn von der Qual seiner destruktiven Gedanken und seines Ego befreite. In einer einzigen Nacht verschwand sein mit der Vergangenheit identifiziertes Ich und zum Vorschein kam ein tiefer, nicht enden wollender Friede, gepaart mit unglaublicher Wachsamkeit und wundervollem Humor. Die darauf folgenden Jahre verbrachte Eckhart Tolle zunächst mit der Integration dieser Erfahrung, bevor er zum spirituellen Lehrer wurde und heute  Einladungen aus aller Welt erhält.

Kaum einem anderen Erwachten ist es bislang auf so präzise und klare Weise gelungen zu vermitteln, dass das Geheimnis zur vollkommenen Erfüllung nirgendwo anders liegt als HIER und JETZT, im gegenwärtigen Moment. – Sein erstes Buch „The Power of Now“ (Canada 1997) ist mittlerweile in 15 Sprachen übersetzt worden.

Doris Iding: Die Botschaft Ihres Buches „JETZT – Die Kraft der Gegenwart“ beinhaltet, dass die Möglichkeit zur Beendigung des eigenen Leids und Erlangung vollkommener Erfüllung nur im gegenwärtigen Moment möglich ist. Theoretisch hört es sich sehr einfach an, aber wie kann ein Familienvater von vier Kindern, mit einem anstrengenden Beruf und vielen hohen Fixkosten im JETZT entspannen?

Eckhart Tolle: Es hat schon immer Menschen gegeben, die eher zufällig realisierten, dass ein Leben frei von Leiden möglich ist. Auch heute noch kommen Menschen nicht nur durch spirituelle Lehren, sondern zufällig mit diesem Wissen in Kontakt. Meistens geschieht dies in Lebenssituationen, die von außen betrachtet unerträglich erscheinen, z.B. Menschen, die im Gefängnis eingesperrt sind oder an einer unheilbaren Krankheit leiden und nicht wissen, wie lange sie noch leben werden. In einer solchen Situation, in der man scheinbar nicht länger mit dem eigenen körperlichen oder seelischen Schmerz leben kann, ist die Chance für spirituelle Transformation besonders groß. Das Leid, das ein Mensch in einer solchen Situation empfindet, liegt aber nicht an dem Lebensumstand selbst, sondern daran, dass er den gegenwärtigen Moment, so wie er ist, nicht annehmen will, deshalb vor ihm wegläuft oder ihm inneren Widerstand entgegen setzt.

Ich möchte näher erklären, warum dieser innere Widerstand auftaucht. Menschen beginnen bereits als Kleinkinder, sich mit bestimmten Gedankenstrukturen und -formen zu identifizieren. Die erste Identifizierung ist der Name, dann der Besitz „mein Spielzeug“. Dabei ist das Spielzeug selbst nicht entscheidend, sondern der Gedanke von „meinem“ Spielzeug. Das heißt, Kinder fangen an, sich mit dem gegenständlichen Bewusstsein zu identifizieren. Darüber hinaus nimmt das Kind noch viele weitere Identifikationen aus der eigenen Kultur auf. Es wird durch seine Eltern, Lehrer und die Gesellschaft konditioniert und identifiziert sich im Laufe seines Lebens meist vollständig mit gesellschaftlichen Rollen. Diese Rollen – als Mutter, Vater, nicht gut genug, arbeitslos, erfolgreich – hält es für seine wahre Identität, ohne zu erkennen, dass es sich dabei lediglich um Gedankenformen handelt. Jede Rolle ist nur eine Gedankenform. Die meisten Menschen sind mit diesem Selbst, das aus den Gedankenformen entstanden ist, vollständig identifiziert. Sie kennen den Teil, der über dieses Selbst als „Ich als meine Rolle“ hinaus geht, gar nicht.

Dieses begrenzte Bewusstsein beinhaltet ein tiefes Gefühl von „noch nicht genug zu haben“ und „noch nicht vollkommen zu sein“ und das Gefühl, für die eigene Vollkommenheit noch etwas zu benötigen. Darum versuchen Menschen alle möglichen Dingen anzuhäufen, um mehr sie selbst zu sein und vollkommener zu werden.

Doris Iding: Beinhaltet es auch das Gefühl, „mehr“ spirituelle Erfahrungen zu benötigen, um vollkommen bzw. erleuchtet zu werden?

Eckhart Tolle: Es beinhaltet ein „mehr“ auf allen Ebenen. Es beinhaltet auch, dass ich glaube, die Zukunft zu benötigen, um mich wohl zu fühlen. Der Mensch ist mit sich selbst und seiner eigenen vergangenen Geschichte unzufrieden. Kommt es zu einer Befriedung – wie zum Beispiel, wenn man verliebt ist – dann ist sie kurzlebig. Es entsteht das Gefühl, dass ich erst durch die Person, in die ich mich verliebt habe, vollkommen werde. Nach einiger Zeit stellt sich aber heraus, dass dieses Gefühl eine Illusion war. Dann entsteht erneut der Glaube, einen anderen Menschen zu brauchen, der einem in der Zukunft begegnen könnte und einem das Gefühl der Vollkommenheit vermitteln wird.

Dieses Selbst, das aus den Gedankenformen entstanden ist, lehnt den gegenwärtigen Moment ab, denn es ist nur an der Vergangenheit und der Zukunft interessiert. Dadurch ist der Mensch verdammt – es herrscht ein permanenter Zustand von Unzufriedenheit: bei dem Familienvater mit seinen vier Kindern, dem Gefangenen oder bei dem erfolgreichen Geschäftsmann, der kurz vor einem Herzinfarkt steht. Jeder kämpft auf die eine oder andere Art und Weise.

Doris Iding: Wenn ich eine anscheinend aussichtslose Situation annehme, kommt das nicht einer Resignation gleich?

Eckhart Tolle: Viele Menschen sehen in dem JETZT, in dem gegenwärtigen Moment, nur einen Stolperstein. Sie glauben, dass sie in einem zukünftigen Moment glücklicher sein werden als im JETZT. Dabei handelt es sich bei der Zukunft nur um eine Gedankenform, denn keiner hat die Zukunft jemals getroffen. Wenn sie kommt, dann ist sie wieder der gegenwärtige Moment. Aber das realisieren die meisten Menschen nicht, egal in welchen Lebensumständen sie sich befinden. – Wenn ich den gegenwärtigen Moment vollkommen annehme, nimmt das JETZT, das nichts anderes als das Leben selbst ist, auch mich vollkommen an. Manchmal ändert sich dann auch die äußere, scheinbar schwierige Situation wie von selbst. Dinge, die man schon fast als Wunder bezeichnen könnte, geschehen. Manchmal geschehen sie spontan aus der Person selbst heraus. Etwas, was du vorher nie hättest tun können, und plötzlich weißt du ganz genau, was zu tun ist. Oder es sind äußere Umstände, die sich wie von selbst plötzlich ändern.

Wenn man mit dem Bewusstsein des gegenwärtigen Moments verbunden ist, realisiert man, dass der gegenwärtige Moment, das JETZT immer der Gleiche ist und sich nur die Form des Momentes ändert. Es ist nicht der gegenwärtige Moment, der uns unglücklich macht, sondern der Widerstand, mit dem wir dem JETZT begegnen. Der Widerstand dem JETZT gegenüber sind die Gedankenformen, die das JETZT ablehnen, es kritisieren, sich darüber beschweren, die damit unglücklich sind und die Emotionen, die damit einhergehen, wenn wir es beurteilen. Im JETZT selbst ist nichts gut oder schlecht, aber unsere Gedanken machen es dazu. Der jetzige Moment ist, wie er ist. In einigen sehr extremen Lebenssituationen ist ein einziges Ja genug, um eine tiefe Transformation mit sich zu bringen.

Ein Gefängnisinsasse hat mir einen Brief geschrieben. „Ich habe Ihr Buch gelesen, und ich bin in den Zustand der Stille – oder wie immer man es bezeichnen will – eingetreten, und ich bin frei.“ Dieser Mann ist trotzdem noch im Gefängnis. So etwas passiert, wenn das Nein dem JETZT gegenüber durch ein Ja ersetzt wird. Dann entsteht plötzlich eine Verbindung zum Leben selbst.

Die Veränderung des Bewusstseins findet im JETZT statt. Es vollzieht sich ein Bewusstseins-Shift, in dem plötzlich realisiert wird, dass es entscheidend ist, mit dem gegenwärtigen Moment zu leben. Für einige Zeit sind manche Menschen dann in diesem Zustand des JETZT, und das Leben fällt ihnen wesentlich leichter. Dann fallen sie wieder in das Nein zurück. Dann geht der Shift vor und zurück. Aber das neue Bewusstsein entsteht trotzdem.

Doris Iding: Wenn ein Mensch einmal mit diesem JA und der tiefen Qualität von Frieden in Kontakt gekommen ist, wie kann er dann in dieses NEIN zurückfallen?

Eckhart Tolle: Das Nein ist seit vielen Jahrtausenden tief im kollektiven menschlichen Bewusstsein verankert. In einem bestimmten Moment kommt es dann zurück wie eine Welle, eine Bewegung des mentalen und emotionalen Neins, die noch sehr viel Kraft besitzt. JETZT entsteht offensichtlich ein globales, neues Bewusstsein. Noch fallen die Menschen immer wieder in das alte Bewusstsein zurück, und dann wechseln sie wieder in das neue Bewusstsein. Aber wenn das neue Bewusstsein einmal aufgetaucht ist, gibt es kein Zurück mehr. Es kann zwar zeitweilig verschwinden, aber es kommt immer wieder zurück.

Doris Iding: Viele Menschen haben Angst, den Verstand zu verlieren, wenn sie sich dem JETZT ganz hingeben und ihren Verstand loslassen. Wie kann diese Angst überwunden werden?

Eckhart Tolle: Niemand wird seinen Verstand verlieren, wenn er sich dem JETZT hingibt. Das Wundervolle am transformierten Bewusstsein ist, dass man den Verstand immer noch sehr gut verwenden kann. Man benutzt den Verstand in den Momenten, in denen es notwendig ist. Normalerweise denken wir nicht, sondern die Gedanken denken uns. Im JETZT hingegen wird man nicht länger vom Verstand beherrscht, nicht mehr vom Verstand benutzt.

Doris Iding: Was passiert noch im JETZT?

Eckhart Tolle: Das vom Verstand kreierte Selbst verschwindet. Die Vergangenheit ist zwar noch da, man erinnert sich daran, aber man identifiziert sich nicht mehr mit ihr. Die Identität, die dann auftaucht, stammt von einem viel tieferen Ort, einem Gefühl des Seins, einem Gefühl der Lebendigkeit, einem Gefühl des vollkommenen Friedens. Das ist untrennbar mit dem verbunden, was wir sind. Du bist DAS. Man könnte auch sagen: Du bist das JETZT, in dem alles passiert. Wir sind nicht die Gedanken und Emotionen, die kommen und gehen, sondern die Ruhe, der Raum, in dem es passiert.

Doris Iding: Sie sagen, dass spirituelle Transformation für Menschen in schwierigen Lebenssituationen leichter ist. Sind z.B. die Menschen in Afghanistan, die tagtäglich viel Leid erfahren, der Erleuchtung näher als der durchschnittliche spirituell Suchende, der ausgeschlafen und nach einem ausgiebigen Frühstück in Ihr Seminar kommt?

Eckhart Tolle: Es gibt viele verschiedene Formen von Leiden. Es gibt in unserer sogenannten fortschrittlichen Welt unter der glänzenden Oberfläche des glitzernden, schillernden Lebens genauso viel Leid wie in so genannten Entwicklungsländern oder Kriegsgebieten. Der einzige Unterschied ist die Ausdrucksform des Leidens.

Wenn Sie durch Indien reisen, können Sie zum Beispiel einen Bettler sehen, dem ein Arm fehlt und der sehr darunter leidet. Danach begegnen Sie einem Bettler, der weder Arme noch Beine hat und sich kaum bewegen kann. Aber er lächelt Sie an und aus seinen Augen erstrahlt ein Licht, und Sie können sehen, dass die Transformation durch dieses Leiden passiert ist. Ich habe behinderte Menschen getroffen, die im Rollstuhl saßen oder unheilbare Krankheiten wie Krebs hatten, und trotzdem war kein Funke von Unglück mehr in Ihnen zu sehen, sondern sie wirkten lebendig, sie blühten. Gelegentlich sieht man auch alte Menschen, die dem Tod nahe sind und es strahlt ein Licht aus ihren Augen, wenn sie in den Zustand kommen, in dem kein Widerstand mehr herrscht.

Doris Iding: Wie komme ich dem neuen Bewusstsein, dem JETZT am nächsten?

Eckhart Tolle:  Indem man sagt: Das neue Bewusstsein ist schon hier. Sagen Sie nicht: Ich muss es erst noch erreichen. Für die Änderung des Bewusstseins braucht man keine Zeit. Dieser Gedanke ist das größte Hindernis. Das heißt, Sie brauchen nirgendwo hinzugehen. Sie brauchen nur vollkommen Ja zum gegenwärtigen Moment, zum JETZT, zu sagen.

Doris Iding Vielen Dank!

 

Weiterführende Literatur:

 

Eckhart Tolle: Jetzt - Die Kraft der Gegenwart, Kamphausen Verlag Bielefeld, 2000

Eckhart Tolle: Leben im Jetzt, Goldmann Verlag München, 2002

Quelle: BALANCE 2/2003

 

Kontakt

BALANCE Heft-Abo
Medientipps
Leserbriefe
Verteilerstellen
Impressum
Anzeigenpreise

aktuelles Heft

Heft 1/2012
Heft 1/2012
Seit 1997 zeigen
wir neue Wege auf.

Haftungsausschluss

Datenschutzerklärung

Copyright BALANCE ® online, 2001 - 2012

Balance-unten