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> Geistheilung Umarmungen, die Wunder wirken
Eine Begegnung mit Amma
Die indische Heilige Mata Amritanandamayi bescherte
im November 2002 auf ihrer Reise durch verschiedene Kontinente wieder
zehntausenden von Menschen zahlreiche Momente des tiefen Glücks und die
Zuversicht, dass alles gut ist, so wie es gerade ist. Und das alleine durch ihre
herzliche Umarmung.
Es regnet. Ein kalter Samstagmorgen, an dem man am
liebsten im Bett bleibt. Aber das Interview mit Mata Amritanandamyi, auch Amma
(Mutter) genannt, ist für 10:30 h angesetzt, weil dann „noch nicht so viel los
sei“. Auf dem Parkplatz vor der Münchner Rudi Sedlmeier Halle tut sich hingegen
schon einiges. Ganze Familien laufen mit Picknickkörben und Isomatten zur Halle.
Auch am Eingang herrscht bereits um neun Uhr, anderthalb Stunden vor Beginn des
öffentlichen Darshans, der Begegnung mit einem Guru, reges Treiben. Alle
Besucher haben ihre Schuhe am Eingang abgegeben und stellen sich in der Reihe
an, in der „Darshan-Tickets“ verteilt werden. Tickets, die man für eine
persönliche Begegnung mit Amma benötigt. Denn die Zahl derer, die von ihr in die
Arme geschlossen werden wollen, ist groß. So groß, dass ihre Besuche
durchorganisiert werden, um Chaos zu vermeiden. Schätzungen zufolge sind es
mittlerweile rund 21 Millionen Menschen, die Amma weltweit bereits empfangen
hat.
Gerade wird die Nummer 98 verteilt. Zwei Stunden später
die Nummer 1000 – und damit die letzte für den Vormittag. Der Rest der Trost
suchenden muss bis zum Abend warten. Dann aber ist eine Umarmung gewiss, denn
Amma geht erst, wenn sie den letzten Besucher gesehen hat, egal ob es morgens um
drei oder um sieben Uhr ist.
Pünktlich auf die Minute um halb elf betritt Amma, eine
kleine 49-jährige Frau in einem weisen Sari, die Arena. Sie ist umgeben von
einem Stab enger Schüler, ebenfalls in weiß gekleidet. Auch einige imposant
wirkende Brahmanen, indische Priester, begleiten sie. Einer von ihnen wird als
Dolmetscher dienen, denn Amma spricht kein Englisch, sondern nur Malayalam, ihre
südindische Muttersprache.
Das kalte Neonlicht und die leeren Ränge nehmen dem
ganzen Ereignis jedoch etwas von der Atmosphäre, die ich erwartet hatte. Für
Rockkonzerte ist die Halle ein idealer Platz, für die Begegnung mit einem Avatar
meines Erachtens aber ein ungewöhnlicher Ort. Ein Avatar ist ein Heiliger. Eine
Inkarnation des Göttlichen. Ein Mensch, dessen Ego vollkommen vernichtet wurde
und bei dem alle Spuren der Identifikation mit einem individuellen Selbst
ausgelöscht sind. Amma gilt als solch ein Avatar und zwar als weiblicher Aspekt
dessen. Als Ausdruck der bedingungslosen Liebe. Kleinere und somit gemütlich
wirkende Hallen im Umland sind allerdings zu klein, um all die Gläubigen zu
fassen, die mit der Göttlichkeit in Kontakt kommen möchten. Und die Zahl ihrer
Anhänger steigt. Alleine im Oktober verzeichnete die Amma Homepage Europa zum
ersten Mal über eine Millionen Zugriffe – und zwar gleich 1,7 Millionen!
Zu Beginn des Darshans setzt Amma sich wie alle anderen
Anwesenden zur Meditation auf den Boden. Danach auf einen mit weißen Laken
bedecktem Sessel. Sie braucht keine Überhöhung, keinen Thron. Weder hier in
Europa noch in ihrem Ashram in Indien.
Die Menschen, die stundenlang vor ihr auf dem Boden in
einer Reihe sitzen – sei es in München, Paris oder London – empfängt Amma alle
gleich offen. Stundenlang, ohne eine Pause für einen Imbiss, fasst die
korpulente Frau mit ihren kleinen weichen Händen nach dem Nächsten in der Reihe,
betrachtet ihn kurz und zieht ihn dann zu sich an ihre Brust. Etwas, was ihr in
Indien auch Feinde eingebracht hat. Im Hinduismus gibt es nämlich nichts
verwerflicheres, als wenn eine unverheiratete Frau fremde Männer umarmt.
Ungeachtet dessen schließt sie jeden in die Arme und wiegt ihn ein wenig darin.
Sie hört sich den Kummer von Müttern und Kranken an, lauscht tiefsten
spirituellen Sehnsüchten alter und junger Suchender, überschüttet einige mit
Blütenblättern, anderen gibt sie süßes Prasad (geweihte Opfergaben), und wieder
anderen flüstert sie etwas ins Ohr.
Auch während der Interviews umarmt Amma die Menschen,
weil sie keine Zeit verlieren möchte. Somit stehe ich neben ihrem Sessel, stelle
die Fragen, die der Dolmetscher dann für mich an Amma weitergibt. Dadurch habe
ich die Gelegenheit, in die Gesichter der Besucher zu schauen, die die heilige
Mutter, wie sie auch genannt wird, empfängt. Bei einigen ist Erleichterung
offensichtlich. So, als hätte Amma ihnen eine Last genommen. Andere wiederum
weinen in ihren Armen und wirken so, als würden sie am liebsten in ihrem Schoß
versinken. Aber in den Gesichtern der meisten macht sich ein Strahlen breit,
nachdem Amma sie nach sekundenlanger Umarmung wieder loslässt.
Nach einer kurzen Mittagspause setzt Amma ihre Umarmungen
fort. Am Sonntag Abend wird sie sogar bis zu zweitausend Menschen drücken. Erst
morgens um acht, nachdem sie den letzten Besuchern Mut, Zuversicht und Liebe
gegeben hat, verlässt sie erschöpft den Saal. Für einen Arzt, der sie auf ihrer
Welttournee begleitet hat, ist ihre körperliche Konstitution ein Wunder.
Normalerweise müsste ein Mensch, und dazu noch eine Diabetikerin wie sie, bei
all den Anstrengungen längst zusammen gebrochen sein.
Wunder waren es auch, die Menschen in Ammas Umfeld davon
überzeugten, dass es sich bei ihr nicht um ein gewöhnliches Mädchen, sondern um
eine Heilige handelt. Geboren wurde Amma, die eigentlich Sudhamani heißt, als
Kind sehr frommer Eltern. Auf Grund ihrer dunklen Hautfarbe, die besonders in
Südindien als Zeichen äußerster Armut gilt, wurde sie jedoch selbst von ihrer
eigenen Familie abgelehnt. Sie degradierten sie zur Dienstmagd und ließen sie
Hausarbeiten verrichten, statt sie in die Schule zu schicken. Dazu kam Ammas
außergewöhnliche Liebe dem Gott Krishna gegenüber. Diese missfiel ihren Eltern
und ließ diese sogar glauben, dass Amma geistesgestört sei. Denn bereits als
kleines Kind rezitierte sie unentwegt den Namen Krishnas, dichtete mit fünf
Jahren ihm zu Ehren viele Lieder und fiel bei ihren nächtlichen Meditationen
schnell in einen tranceartigen Zustand.
Erst als sich durch Wunderhandlungen und -heilungen ihre
wahre Identität offenbarte, wurde sie von ihrer Familie und von vielen
Skeptikern als Heilige anerkannt.
Wunder wirken ihre Umarmungen auch in finanzieller
Hinsicht. Die Veranstaltungen mit Amma sind kostenlos, aber viele Menschen, die
durch sie Trost und Zuversicht erfahren haben, spenden entweder Bargeld oder
erwerben von Amma gesegnete Devotionalien: Bücher, Videos, CDs, Puppen bis hin
zu Schmuck, den sie persönlich getragen hat. Der Erlös ist so groß, dass damit
ein Waisenhaus für über 500 Kinder eingerichtet wurde, fahrende Kliniken
gegründet wurden und Wohnhäuser für Obdachlose, Schulen, Lehrlingsprogramme,
eine Pensionskasse für Witwen, sowie viele andere allgemeinnützige Einrichtungen
finanziert werden können.
So ist es dann kein Wunder mehr, dass ihre bedingungslose
Liebe auch international mehr und mehr Beachtung, Lob und große Anerkennung
findet. Bereits 1993 wurde sie als Gastrednerin zum Weltkongress der Religionen
in Chicago eingeladen, und 1995 sowie im August 2000 war sie Gast bei der UNO.
Am 7. Oktober 2002 wurde ihr im Palais de Nations in Genf der angesehene
Ghandi-King-Preis für Gewaltlosigkeit verliehen. Ein Preis, der nach den
legendären Friedenskämpfern Mahatma Ghandi und Dr. Martin Luther King benannt
wurde, und vor Amma u.a. an Nelson Mandela vergeben wurde.
Ähnlich wie Mahatma Ghandi schont auch Amma sich auf
keiner Ebene. Sie packt mit an, wo es nötig ist. So klopft auch sie wie alle
anderen in ihrem Ashram Steine. Sie will bewusst, dass keine Aura von Heiligkeit
entsteht. Vielleicht hat sie gerade deswegen die kühle Rudi Sedlmeier Halle
gewählt. Aber auch Anbetung und Ergebung lehnt sie ab, sondern sie möchte, dass
jeder die Göttlichen in sich selbst entdeckt. Leichter gesagt, als getan.
Was aber nachhaltig – längst nachdem die Erinnerung an
das kalte Neonlicht erloschen ist – bei vielen Besuchern der Rudi Sedlmeier
Halle bleibt, ist das Gefühl, im tiefsten Innern von Amma berührt worden zu
sein. Einige Besucher hören auch noch Wochen später das leise „Mamamama“, das
sie ihnen während der Umarmung zugeflüstert hat. Und es bleibt ein Gefühl der
starken Ehrerbietung für die heilige Frau aus Indien, deren bedingungslose
Umarmungen Wunder wirken.

Quelle: BALANCE ®
3/2003
Doris Iding
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