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Startseite > Ausgabe 3/2007
> Innere Freiheit
Heute ist ein neuer Tag
Schritt für Schritt zur inneren Freiheit
Die Nacht hatte ausgeschlafen. Die
Dunkelheit lichtete sich und ein neuer
Morgen brannte darauf, mich zu begrüßen
– ein besonderer Morgen. Es war
der erste Morgen meines neuen Lebens.
Ein guter Tag, um Neues zu beginnen, so
glaubte ich zu wissen. Nur nicht so, wie
ich es bisher allzu häufig, aber dennoch
ohne länger währenden Erfolg versucht
hatte. So viel stand fest. „Ich höre auf zu
rauchen, ich treibe mehr Sport, ich ernähre
mich gesünder, ich arbeite nicht mehr
bis zum Umfallen, ich sehe weniger fern“
und wie die anderen Glieder einer endlosen
Kette willensstarker Absichten sonst
noch so hießen – alle zweifellos gut gemeint,
aber meist nur von kurzer Wirkung. Nein,
diesmal sollte mein Entschluss anders lauten:
„Ich höre auf, aber nur für den heutigen
Tag. Nicht für immer. Nein, nur
heute.“ Das schien machbar. Was morgen
sein wird – ich wusste es nicht. Aber
heute wollte ich es anders machen, als
bisher. In diesem Zuspruch an mich steckte
Versöhnliches. Der Überdruck, den ich
durch meine „ich-breche-alle-Rekorde dieser-
Welt-und-zwar-allein-und-fürimmer-
und-unnachahmlich“-Haltung
angestaut hatte, entwich aus meinem
Geist mit einem lauten Zischen. Heute ist
ein neuer Tag, dachte ich, und ich bin
endlich frei – frei für einen Tag.
Wer kennt das nicht, was diese Geschichte
uns erzählt? Wer will das nicht –
sich frei fühlen, glücklich und zufrieden
und voller Frieden und Freude durch das
Leben gehen, immer mit einer großen
Portion Unbeschwertheit im Reisegepäck?
Wir alle sehnen uns danach: Nach
einem Leben in Unabhängigkeit, voller
Gelassenheit und Lebenslust. Schon zum
Zeitpunkt unserer Geburt – und womöglich
noch weit davor – schwingt in uns
dieser uralte Menschheitstraum, diese
Vision von innerer Freiheit, Leichtigkeit
und Zufriedenheit. Meist jedoch werden
wir alsbald und oftmals ein Leben lang an
seiner Verwirklichung gehindert. Denn
wir unterliegen vielfältigen Missbräuchen,
Manipulationen und sonstigen schwerwiegenden
Beeinträchtigungen unserer
wahren Natur. Letztlich aber – und das ist
von entscheidender Bedeutung – stehen
wir uns dabei selbst im Weg – und unsere
eigenen untauglichen Lebenskonzepte.
Die vielen kleinen Lebenskrücken
Kennen wir sie nicht alle – die vielen kleinen
ebenso alltäglichen, wie untauglichen
Lebenskrücken, die wir gerne immer
wieder aufs Neue dazu einsetzen,
um unser Leben vermeintlich lebenswerter
zu machen? Sie haben viele Namen:
Alkohol, Drogen, Nikotin, Adrenalin, Sex,
Glücksspiel, Arbeit, Macht, Geld, Beziehungen,
Romantik, Stress, die Probleme
anderer Menschen, Kontrolle, Ärger,
Sorgen, Opferhaltungen, Melancholie,
Essstörungen, Kaufen, Depressionen,
Tabletten, Zucker, Fernsehen, Koffein,
Rage, Internet, Sport, undsoweiter, undsoweiter.
Die Liste der stofflichen und
nichtstofflichen Lebensverhinderer ist
lang. Und allzu gerne setzen wir sie,
meist unbekümmert, ein und machen uns
dabei vor, dass wir alles im Griff hätten,
dass es einfach normal sei, weil es doch
jeder so macht, und dass wir keine Probleme
damit hätten, weil sie einfach zum
Leben dazu gehören. Wir überschreiten
dabei oftmals gar nicht das Maß der Auffälligkeit
und sind dennoch in Abhängigkeiten
gefangen. Wir ersetzen ein schädliches
und unbrauchbares Mittel zur Lebensbewältigung
durch das nächste, tauschen
Sie untereinander aus und mischen
uns so unsere giftigen Lieblingscocktail,
unsere rosaroten Brillen – für jede Gelegenheit
eine andere und immer ein paar
in Reserve. Sie verhindern unseren klaren
Blick auf die Realität, wie sie wirklich ist –
nämlich schön, bunt, spannend, aber
auch unwägbar und überraschend und
nicht immer ohne Schwierigkeiten: eben
das Leben zu seinen Bedingungen.
Oft wollen wir nicht wahr haben, dass sie
uns das Leben nur schwer machen,
anstatt ihren ersehnten Zweck zu erfüllen,
nämlich, es uns zu erleichtern. Meistens
müssen wir erst an den Punkt kommen,
wo wir nicht länger die Augen vor
der Erkenntnis verschließen können, dass
nicht mehr wir es sind, die mit diesen
Krücken durch unsere Tage humpeln,
sondern sie uns längst im Griff und das
Kommando übernommen haben und
fortan die Richtung bestimmen, in die die
Reise gehen soll – bergab und zwar
immer schneller und unausweichlich. Wir
wollen aufhören und können es nicht.
Wir wollen frei sein und sind es nicht.
Es gibt Hoffnung: ein spirituelles Programm
Aber die Lage ist niemals ausweglos. Wir
alle, Sie genauso wie ich, sind keine hoffnungslosen
Fälle, unabhängig davon, wie
tief wir unser Lebensvehikel bereits in den
Straßengraben der Lebensverneinung
gesteuert haben – es ist egal, ob wir nur
einen Platten haben oder wir alltäglich
knapp am Totalschaden vorbeischlittern.
Wir müssen nicht erst am Boden liegen,
um etwas Neues auszuprobieren, einen
Weg zu entdecken, der uns hinaus führt
aus dem Dschungel unserer alt bekannten
Verstrickungen und Fallgruben. Den
Kompass dazu gibt es bereits seit vielen
Jahren: Im Jahr 1935 gründeten der
Finanzmakler Bill Wilson und der Arzt Dr.
Bob Smith die Selbsthilfegruppe der
Anonymen Alkoholiker. Das so genannte
Programm der zwölf Schritte, nach dem
ihre Mitglieder von ihrer Erkrankung genesen,
wurde im Laufe der Zeit noch von
vielen anderen Selbsthilfegruppen – in
leicht abgewandelter Form – übernommen
und hat seitdem Millionen Menschen
zu neuer Zufriedenheit und Freiheit
verholfen. Es ist nicht nötig, alkoholkrank
zu sein oder zu werden, um von den
Effekten zu profitieren, die uns eine eingehende
Auseinandersetzung mit diesem
Konzept offenbart. Wir alle können es
gebrauchen – wenn wir wollen.
Es besteht aus bestimmten Komponenten,
mit denen wir auf täglicher Basis unser
Leben verändern können. Die vielen
darin enthaltenen Facetten des Wachstums
und der Kraft können uns ebenfalls
ein neues, bisher nicht gekanntes positives
Lebensgefühl verschaffen, wenn wir
es wünschen, auch wenn wir zu wissen
glauben und felsenfest davon überzeugt
sind, noch meilenweit vom Vollbild einer
Abhängigkeitserkrankung entfernt zu
sein und es womöglich auch noch sind.
Unser Leben wird sich ändern. Wir werden
positive Wandlungsprozesse erleben
und können dann womöglich in einiger
Zeit mit Fug und Recht von uns behaupten:
„Ich bin glücklich, gelassen und
fühle mich frei!“. Der Weg dorthin ist
stets einfach, aber nicht immer leicht zu
gehen. Das liegt meist nicht an dem
Weg, sondern an einer Weigerung, ihm
zu folgen. Von einigen lieb gewonnenen
Gewohnheiten werden wir uns verabschieden
dürfen, Neues können wir ausprobieren.
Der Gewinn, der sich daraus
ergibt, ist ebenso großartig wie unbezahlbar.
Schritt für Schritt
in ein neues Leben
Am Beginn dieses „einfachen Programms
für komplizierte Menschen“ steht die
Erkenntnis, dass wir mit unseren bisherigen
Mitteln gescheitert sind. Wir geben
auf, strecken die Waffen und ergeben
uns. Wir werden uns all unserer vielen
Alltagsdrogen, Pflästerchen und Hängematten,
die wir nun schon geraume Zeit
missbrauchen, um uns dem Leben und
den Gefühlen, die es in uns erzeugt nicht
zu stellen, bewusst und hören auf, sie zu
benutzen. Leichter gesagt, als getan, meinen
Sie? Ich gebe Ihnen Recht – aber es
ist die einzige Möglichkeit, endlich doch
noch Frieden zu schließen, mit uns, unseren
Mitmenschen und allem, was unser
wertvolles Dasein ausmacht. Und nach
dieser täglichen Kapitulation hört die
Hilfe bei weitem nicht auf. Wir erkennen
nämlich schon bald, dass wir zunächst weder mit, noch ohne unsere Mittelchen
auskommen können. Wir brauchen also
Hilfe. Am besten von einer Kraft, die wirkungsvoller
ist, als unsere bescheidenen
Möglichkeiten und Gewohnheiten der
Lebensbewältigung. Was liegt da näher,
als zu einem Glauben zu finden, dass
diese Hilfe längst schon existiert, und
zwar schon immer und für alle Zeit, und
zuzugeben, dass wir uns bisher nur
wenig bis gar nicht dafür interessiert
haben. Wir können dann nämlich all
unsere Schwierigkeiten, die kleinen und
großen Hindernisse und Unwägbarkeiten
eines jeden Tages, in die Obhut einer liebevollen,
fürsorglichen Kraft geben, die
sich darum kümmert, wenn wir sie darum
bitten. Wir müssen jedoch nicht religiös
oder Mitglied einer wie auch immer gearteten
Religionsgemeinschaft sein, damit
der beschriebene Weg gangbar ist.
Hilfreich wird es sicherlich dennoch sein,
an etwas zu glauben, das unsere eigenen
menschlichen und damit beschränkten
Möglichkeiten um Längen überragt. Und
manchmal drückt sich dieses »Etwas«
schon in der Hilfe aus, die uns durch
unsere Mitmenschen zuteil wird.
Selbsterkenntnis, Bereitschaft
und die Weitergabe der
Botschaft – es funktioniert
Und wenn erst mal ein wenig Ruhe eingekehrt
ist in unseren zuvor so unruhigen
Alltag, wenn wir uns voll neu gewonnener
Hoffnung und Vertrauen der Wirklichkeit
stellen, nehmen wir uns vor, uns
einmal gründlich zu betrachten. Wir
schauen uns alle Facetten genau an, die
uns und unsere Persönlichkeit, unser
Verhalten, unser ganzes Sein ausmachen
– die positiven und auch die negativen
Aspekte. Wenn wir uns ihrer bewusst
sind, können wir uns damit zeigen und
dadurch lernen, uns so zu geben, wie wir
wirklich sind und immer schon gewollt
waren – einfach menschlich. Dann fällt es
uns auch leichter, die Schäden, die wir
durch unsere ungeeigneten Lebensrezepte
verursacht haben, wieder gut zu
machen, weil wir uns selbst verzeihen
können und uns selbst nicht mehr alles
grundübel zu nehmen brauchen. Wir
bleiben täglich am Ball unseres neuen,
spirituellen Lebenskonzepts und etablieren
und pflegen seine Grundsätze zu
unserer vollen Zufriedenheit und Freude.
Und schließlich erlangen wir den Punkt,
den wir schon so lange herbeigesehnt
haben. Wir geben uns ganz dem Gefühl
der spirituellen Geborgenheit hin, dem
unbeschreiblich wohltuenden Zustand
der inneren Freiheit. Dadurch, dass wir
endlich erwacht sind aus unserem Tiefschlaf,
können wir unseren Mitmenschen
hilfreich das Licht des Lebens reichen und
damit den Weg erhellen, hin zu einem
erfüllten Dasein. Und wir tun es – von
Mensch zu Mensch und von ganzem
Herzen.
Michael Kuhn
Quelle: BALANCE 3/2007
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Michael Kuhn: "Heute ist ein neuer Tag"
Schritt für Schritt zur
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Hardcover,
168 Seiten,
Verlag Via Nova
ISBN: 978-3-86616-065-1
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www.kuhn-coaching.de
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