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Ausgabe 4/2007 > Kerala
Gute Reise:
Dorfalltag im südindischen Kerala
Wer etwas für Leib und Seele tun möchte, ohne
abgeschottet im Wellness-Ressort untergebracht zu sein, der wird sich in
Sreekandamangalam im Süden Indiens wohl fühlen. Das Dorfprojekt mit
Ayurveda-Bereich wurde 2002 auf der ITB für herausragende Bemühungen um
sozial verträglichen Tourismus ausgezeichnet. Die Reise kommt nicht nur
den Gästen, sondern auch dem Gastland zu Gute. Also eine rundum gute
Reise. Die Autorin berichtet von ihrem vierwöchigen Aufenthalt.
Indien ist 2007 Gastland der Internationalen
Tourismusbörse (ITB) in Berlin. Ich hatte viel gelesen über seine
Mischung aus Mythos, Magie und Moderne, aber auch über die
Schattenseiten. Dies war meine erste Annäherung an Indien und mir
schwebte ein sanfter Einstieg in den Subkontinent vor. Die vielen
Berichte über Ayurveda (das Wissen vom gesunden Leben) gaben den
Ausschlag, mich endlich auf den Weg zu machen. Die Aussicht, in den
Genuss ganzheitlicher, asiatischer Heilmethoden zu kommen, verbunden mit
einer intensiven interkulturellen Erfahrung, erleichterten mir die
Entscheidung für diese Reise.
Kerala – Land der Palmen
„Kerala“, an der südlichen Spitze Indiens, steht
für „Land der Palmen“. Vom Flugzeug aus schien sich unter mir ein
riesiges Waldgebiet auszubreiten, tatsächlich sind es Palmen und
Gummibäume und auf den grünen Lichtungen dazwischen wachsen Reis und
Tee. Das indische Kastenwesen ist in Kerala stark ausgeprägt. Kirchen,
Moscheen und Synagogen zeugen von der religiösen Vielfalt des Landes.
Jeweils 20 Prozent Christen und Muslime und 60 Prozent Hindus leben dort
friedlich nebeneinander.
Brückenbauer in Sreekandamangalan
Sreekandamangalan steht für „Ort Shivas“. Die
Übersetzung des Wortes „Shiva“ aus dem Sanskrit lautet „der Gütige“,
„der Gnädige“ oder auch „der Freund“. Ein passender Name für den Ort, an
dem Dr. Mathew Moozhiyil (Landwirt) und seine Frau Leela
(Krankenschwester) nach ihrer Rückkehr aus Deutschland das Projekt BASIS
International ins Leben gerufen haben. Ziel von BASIS International ist
die Förderung gegenseitiger Akzeptanz. Besucher - überwiegend aus
Deutschland – erfahren am Beispiel dieses Dorfs und seiner Region von
Problemen und Lösungen des Alltagslebens. Und durch ihre Anwesenheit
fördern die Gäste die einheimische Bevölkerung wirtschaftlich..
Zum Dorf gehören und BASIS Projects sind zusätzlich
zum Ayurveda-Trakt die Bereiche Landwirtschaft und Tierhaltung, Näh- und
Strickschule, Malen und Siebdruck in einer Kunstschule, Buchbinderei,
die Herstellung von Möbeln, Werkzeugen und Schmuck sowie Tanz und
Hauswirtschaft; für den eigenen Bedarf und den der Gäste, aber auch zum
Verkauf. Bisher wurden mehr als 1.000 Menschen aus der Region in den
unterschiedlichen Handwerken ausgebildet. Eine dieser Ausbilderinnen ist
meine wunderbare Masseuse Mallika (34), die selbst in einer großen
anerkannten Ayurveda-Klinik gelernt hat, heute zu BASIS-Projects gehört
und dort ihr Wissen an jüngere KollegenInnen weitergibt. Ein
Kindergarten betreut den Nachwuchs der Mitarbeiter und kümmert sich auch
um Kinder der Umgebung und gewiss bald um Mallikas Sohn, der 2006
geboren wurde.
Ayurveda – Das Wissen vom gesunden Leben in
natürlicher Umgebung
Nach langem Flug, Zeitumstellung und Klimawechsel,
entspannte mich die herzliche und freundliche Begrüßung von Mathew und
Leela in fließendem Deutsch. Beide strahlten wohltuende Ruhe aus. Auf
dem sicheren Gelände des Projektdorfs stören weder Handy, noch
Fernseher, Radio oder Autos die friedliche Atmosphäre. Dass hier die
Natur den Ton angibt, bringen Grillen, Frösche, exotische Vögel,
dazwischen Hähne, Ziegen und Kühe lautstark zum Ausdruck. Alle Gebäude
sind in traditioneller Holzbauweise errichtet mit Terrasse oder Hof, vor
den Fenstern kein Glas, sondern Moskitogitter, die Räume liebevoll im
keralesischen Stil eingerichtet – sogar mit Leselampe am Bett – was in
Indien nicht selbstverständlich sein soll. Das Projektdorf verfügt über
eine gut sortierte deutsche Bibliothek, von indischen Märchen bis zur
Landeskunde. Dazwischen gleich dreimal der Bestseller-Roman „Der Gott
der kleinen Dinge“ von Arundhati Roy, der in dieser Region spielt.
Das Dorf Sreekandamangalam liegt am Rande einer
Backwaterregion. Diese bietet sich an für Spaziergänge entlang von
Reisfeldern, Lagunen und Kokosnusshainen. Dabei öffnen sich immer wieder
Einblicke auf traditionelle handwerkliche Familienbetriebe. An den
Sonntagen, wenn keine ayurvedischen Behandlungen stattfinden, machen wir
Ausflüge in die Umgebung: in Tierparks, zu Tempelfesten, mit dem Boot
auf den Backwaters.
Das Ayurvedazentrum selbst ist von einem grünen
Erholungsareal umgeben, in dem ein großer Teil der Pflanzen wächst, die
wir während unserer Ayurvedakur verzehren oder für Massagen und Medizin
benötigen. Jede der rein vegetarischen Mahlzeiten wird tagesfrisch
hergestellt und enthält alle Pflanzenteile von der Blüte bis zur Wurzel.
Auf dem Feld vor den Häusern wächst der medizinische Reis für die
Massagen. Unsere Köchin sehen wir immer wieder Früchte pflücken, Kräuter
sammeln und sich in der Natur bedienen, um mit ihrer frischen Ernte
gleich wieder zum Herd zurück zu kehren. Schaukeln und Liegen in ruhigen
Nischen laden zum Meditieren oder Ausruhen nach den Massagen und den
Mahlzeiten ein.
Eine traditionelle Kur dauert drei bis vier Wochen.
Gäste mit hartnäckigen Leiden, wie zum Beispiel Asthma oder Arthrose
können bis zu drei Monate bleiben. Auffallend viele Ärzte suchen für
sich und ihre Beschwerden Heilung und damit wohl einen anderen Weg, als
den, den sie bei uns beschritten hatten.
Tage, wie Perlen auf der Schnur
Bis auf die sonntägliche Unterbrechung verlaufen
die Tage ruhig und gleichmäßig. Jeder Einzelne hat Zeit, zu sich zu
kommen und los zu lassen, was aus der fernen Heimat noch an ihm hängt.
Nach Yoga und Atemübungen morgens um sieben Uhr auf einer erhöhten
Terrasse mit Blick über den Dschungel, wartet ein ausführliches,
reichhaltiges Frühstück mit frisch zubereiteten Köstlichkeiten, von
denen wir in unseren Breiten nur träumen: Obst und Früchte in Hülle und
Fülle, frisch geraspelte Kokosflocken, selbst gebackenes Brot,
Erdnussbutter, köstliche Marmeladen und Honig, nicht zu vergessen der
Milchtee mit Cardamom und etwas Ingwer. Dazu Käse und Yoghurt aus
ebenfalls eigener Herstellung. Überall auf dem Gelände verteilt und in
den Räumen erinnern Kessel mit heißem, gekochtem Ingwerwasser daran,
über den ganzen Tag reichlich zu trinken. Das Essen ist vegetarisch,
Alkohol gibt es nicht, Raucher haben einen schweren Stand. Keralas
Regierung hat seinen Bürgern verordnet, was hierzulande immer noch
umstritten ist: ein rauchfreies Leben.
Während des vormittags Massagen, jede etwa eine
Stunde lang, und in der Form, wie sie der Ayurveda-Arzt für die
verschiedenen Gästen und ihr Befinden empfohlen hat: Mit Öl oder Reis
oder heißen Kräutern. Danach Ausruhen bis zum Mittagessen oder vorher
noch ein Gang zu den Werkstätten des Basisprojekts. Alle Mahlzeiten
werden mit einer Glocke angekündigt. Auch der Nachmittags-Tee mit selbst
gemachtem Gebäck oder Bananen im Teig, zu dem die Gruppe von maximal
zehn Ayurveda-Gästen meistens schon aus allen Richtungen automatisch an
dem Holztisch zusammen gekommen ist, bevor die Glocke geläutet hat.
Viele kleine Rituale geben Sicherheit, schaffen Vertrauen und
Geborgenheit. Am späten Nachmittag ein kleiner Spaziergang in das
Nachbardorf oder eine 20-minütige Fahrt mit dem TuckTuck
(Motorrad-Rikscha) in den nächst größeren Ort. Im Projektdorf wird viel
gelesen und geschrieben, von den einzelnen kleinen Versammlungsorten mit
Korbstühlen und Liegen kommt Murmeln oder Lachen von Gesprächsgruppen,
in einer anderen Ecke sitzen Schachspieler.
Vor und nach den Mahlzeiten erscheint der
„Medizinmann“, häufig in Gestalt des Hausherrn Mathew selbst, und
verabreicht in kleinen Töpfen die vom Ayurveda-Doktor individuell
verschriebenen Arzneien. Es ist nicht immer leicht, diese „Wohltaten“ zu
schlucken, denn einige sind scharf, bitter, oder schmecken ganz einfach
scheußlich. Abends geht der Moskito-Mann mit Weihrauchverdampfer durch
die Räume. Für mich überraschend, dass in meiner Wohnung in der Nähe des
Rheins mehr Mücken auftauchen und auch bei meiner Freundin aus der
Toskana, die mit mir reiste, als hier in Südindien.
So fließt ein Tag nach dem anderen wie Perlen auf
der Schnur dahin. Der anfängliche Gedanke, vier Wochen in diesem
Gleichklang kaum aushalten zu können, ist nach einer Woche verflogen und
nach 14 Tagen beneide ich die Gäste, die sechs oder acht Wochen bleiben.
Loslassen empfiehlt mir Mathew von Zeit zu Zeit. Und schließlich habe
ich es geschafft: Losgelassen, mich entspannt, bin einfach da gewesen.
Zurück in Deutschland fühle ich mich innen und
außen aufgeräumt, bereichert und voll der Gewissheit, dass ich mir diese
wunderbare Zeit noch einmal gönnen werde. Ein gutes Gefühl für mich
zusätzlich, dass ich mit dieser Reise einer sehr liebenswerte Region
dieser Welt unter die Arme greife und mein finanzieller Einsatz nicht
ausländischen Hotelinvestoren zugute kommt, sondern in Indien bleibt.
Helga Bienfuß
Reisezeit: von August bis März
Reisedauer: drei Wochen bis drei Monate
Anreise: ab Düsseldorf oder Frankfurt über Colombo
oder Dubai nach Cochin in Südindie
Sprache im Projektdorf ist Deutsch
Max. Gästezahl im Ayurveda-Bereich 10
Veranstalter: neue wege
www.neuewege.com
Telefon 02255-95910
Quelle: BALANCE 4/2007

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