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Wahre Liebe lässt frei
Warum Männer und Frauen sich so oft täuschen und
daher enttäuscht werden
von Robert Betz, Dipl.Psych.
Von einer Partnerschaft erwarten viele Menschen heute alles: Liebe
und Achtung, Sicherheit und emotionales Versorgtsein, Treue und
Leidenschaft, Freundschaft und ekstatische Sexualität, Zärtlichkeit und
spirituelles Wachstum. Ganz schön viel, was hier – meist unbewusst –
verlangt wird; zuviel, wie der Autor meint. Ein paar grundlegende
Täuschungen am Beginn und in Partnerschaften seien hier skizziert.
Irrtum: Ich brauche einen Partner
Heute gibt es zwar viele Singles, aber die meisten glauben, unbedingt
einen Partner haben zu wollen und brauchen zu müssen. Das Allein-Leben
wird nicht als ‚gesunder Normalfall’ betrachtet und gewürdigt. Das
Bewusstsein der Masse urteilt: ‚Mit der/dem ist was nicht in Ordnung.’
Der eigene Verstand urteilt oft: ‚Ich bin nicht beziehungsfähig, ich
sollte in einer Partnerschaft leben.’ Ist das wirklich wahr?
Nein, es ist ein unwahrer Gedanke, der viele Menschen ins
Beziehungsleid führt.
Unser Verstand hat keine Ahnung davon, wie wir leben ‚sollten’. Denn
er kann nur rückwärts schauen; in unserem Kopf befindet sich nur
Vergangenheit und wie die aussieht, das haben wir jetzt lange genug
erfahren. Es gilt heute, aus alten Denkmustern, aus dem, was andere,
insbesondere Medien als ‚normal’ und ‚gesund’ oder ‚richtig’ bezeichnen,
auszusteigen.
Vor dem Allein-Sein graut immer noch vielen Menschen und sie
verbinden es mit Einsamkeit. Mit sich selbst glücklich allein sein zu
können, ist jedoch die Basis für Glück im Leben und für erfüllende
Beziehungen. Wenn jemand heute mit 50 immer noch ‚Single’ ist, ist dies
kein Unglück. Wer sich anmaßt, hierüber zu urteilen, darf aufpassen,
dass ihn sein Urteil nicht selbst trifft. Wer die Zeiten des
Allein-Lebens als ‚Notstandszeiten’ betrachtet, verpasst die große
Chance dieser Lebensform. Nur wer glücklich mit sich sein kann, wer sich
selbst genügt und sich selbst ein liebender, ermutigender Begleiter ist,
der „braucht“ und missbraucht seine Mitmenschen nicht. Denn jedes
‚brauchen’ wird in Beziehungen schnell zum Missbrauchen.
Irrtum: Ich muss mich anstrengen,
den Richtigen zu finden
Es gibt keinen ‚falschen’ Partner. Denn im Leben gibt es keine
Fehler. Der Partner an Ihrer Seite ist immer der ‚Richtige’. Jetzt im
Moment ist er das, sonst wäre er einfach nicht da. Und wenn Sie noch
keinen haben, keine Sorge, der ‚Richtige’ kommt, wenn er kommen soll.
Und wenn er nicht kommt, genießen Sie das Leben. Entspannen Sie sich und
kümmern Sie sich nicht darum, wo er auftaucht. Je mehr sie sich darum
kümmern und sorgen, desto später kommt er zu ihnen.
Und wer glaubt, schon mal an einen ‚falschen Partner’ geraten zu
sein, der darf spüren, wie sich das in ihm anfühlt. Mit solch einem
unwahren Gedanken sind immer Gefühle des Bedauerns, des Grolls, der Wut,
der Scham oder andere verbunden.
Wer seine vergangenen Beziehungen und Partner noch nicht dankbar
würdigt und ehrt, der programmiert sich auf Wiederholungen in seinem
Beziehungsleben. Sie nehmen im Feinstofflichen die alte Beziehung mit
allen Wunden und unwahren Gedanken und nicht gelösten Emotionen mit in
die neue hinein. Der alte Partner klebt Ihnen sozusagen noch am Bein.
Irrtum: Der Partner/die Beziehung
soll mich glücklich machen
Das ist der große Klassiker unter den Beziehungsirrtümern. Dies ist
unmöglich; sich glücklich zu machen, ist Ihr eigener Job. Wer sich
selbst nicht glücklich machen kann, wer nicht mit Freude und
Zufriedenheit allein und für sich sein kann, der wird auch in einer
Beziehung nicht besonders weit kommen. Und auch innerhalb einer
Beziehung sorgt derjenige am besten für das gemeinsame Glück, der mit
Achtsamkeit und Selbst-Zentriertheit gut für sich sorgt und die
Verantwortung übernimmt für seine Gefühle, seine Stimmungen und seine
Gesamtbefindlichkeit. Wer glaubt, er sei vom Verhalten seines Partners
psychisch oder anderswie abhängig, befindet sich noch im Labyrinth
unwahrer Gedanken und nicht angenommener Emotionen und erzeugt Leiden in
sich und im Partner.
Irrtum: Partnerschaft befreit mich aus meiner Einsamkeit
Ein einsamer, bedürftiger Partner zieht nur immer einen anderen
Einsamen an. Und zwei Einsame machen sich gegenseitig so unglücklich,
wie sie es allein nie geschafft hätten; zwei Bettler, die sich
gegenseitig in die Tasche greifen und überrascht feststellen, dass der
andere auch nichts hat, wie es Osho so schön formuliert hat.
Irrtum: Eine harmonische Beziehung
ist in Ordnung, eine disharmonische nicht
Nein, die meisten Beziehungen müssen disharmonisch verlaufen, voller
Krach, Enttäuschungen und Schmerz – bis wir zu harmonischen Beziehungen
fähig sind. Warum? Weil Beziehungen einer der wirkungsvollsten Wege der
Selbsterkenntnis und des Wachstums sind. Keiner spiegelt uns besser das,
was wir an uns selbst verdrängen und noch nicht sehen können wie unser
Partner (und unsere Kinder). Denn unsere erste Lebenshälfte verleben wir
fast immer unbewusst, bis das Leben uns weckt: durch Krisen,
Krankheiten, Verlusterfahrungen, Trennungen, Unfälle und Todesfälle.
Diese Krisen sind segensreich, weil wir ohne sie weiterschlafen würden.
Unsere Partner aber sind wie kaum ein anderer in der Lage, unsere
‚Knöpfe’ zu drücken. Durch viele Wiederholungen von schmerzhaften
Erfahrungen mit dem oder den Partnern dämmert es uns allmählich, dass
wir selbst es sind, die dieses Leid erzeugen. Wenn der Partner uns
ablehnt, enttäuscht, nicht respektvoll behandelt, fremdgeht oder uns
verlässt, haben wir die Chance zu erkennen, dass wir all dies auch uns
selbst gegenüber tun. Was der Partner da im Außen macht, das tun wir uns
selbst schon lange im Innern an. Was den meisten Menschen nicht bewusst
ist, ist die tiefe Ablehnung und der Hass auf sich selbst nebst einem
unheilvollen Emotions-Cocktail von Angst, Scham, Schuld, Wut & Ohnmacht,
den sie selbst in sich über viele Jahre der Kindheit und Jugend in sich
zusammengebraut haben.
Irrtum: Partner sollten viel über ihre Beziehung reden
‚Über’ die Beziehung zu reden, ist oft der Ersatz für die eigentliche
Beziehung nach dem Motto: Ihre Beziehung bestand in Diskussionen
darüber, ob sie überhaupt eine Beziehung hätten bzw. was für eine
Beziehung sie wohl hätten. Da können Sie lange reden. Kommunikation
zwischen Paaren ist nicht unwichtig, aber zunächst sollten wir
vielleicht mit uns selbst reden und uns selbst zuhören. Wenn in unseren
Köpfen keine Klarheit besteht, dann kann auch aus meinem Mund keine
Klarheit kommen. Und solange wir noch keine Verantwortung für die uns
plagenden Emotionen wie Ärger, Wut, Angst, Schuld, Scham usw. übernommen
haben, ist die Wahrscheinlichkeit extrem hoch, dass diese jede
Verständigung unmöglich machen. Wer spürt, dass akuter Ärger und Wut in
ihm steckt oder während des Gesprächs hochkommt, der sollte tief
durchatmen und das Gespräch zunächst beenden und sich selbst um diese
seine Gefühle kümmern („Du, ich brauche jetzt erst mal Zeit für mich.
Vielleicht können wir morgen weiter sprechen.“). Denn wer voller Ärger
und Wut steckt und noch nicht begreift, wie er sie selbst erzeugt hat,
der geht mit Verurteilungen auf den anderen los und redet nur dummes
Zeug.
Kommunikation zwischen Paaren, die auf Verständigung und liebende
Gemeinschaft zielt, benötigt Bewusstheit, Respekt und Struktur. Und vor
allem ein liebendes Herz.
Oft genug reden hier zwei verletzte Kinder miteinander und prügeln
aufeinander ein. Statt viel und oft über die Beziehung zu reden,
empfiehlt es sich eher, einmal pro Woche zwei, max. drei Stunden sehr
strukturiert darüber zu sprechen. Hierbei sollte abwechselnd jeder eine
halbe Stunde Zeit haben zu sprechen und der andere hört nur zu ohne
Kommentar. Zuhörer und Sprecher werden in der Intensität dieser halben
Stunde schnell spüren, wie es mit ihrer Liebe steht, d.h. ob sie
Liebende sind oder Bedürftige, ob sie ‚Braucher’ sind oder sich
Beschenkende.
Irrtum: Partnerschaft und Sex gehören zusammen
Diese Forderung setzt viele Partner, die keinen oder kaum Sex
miteinander haben, unter großen Druck und verursacht viel Leid.
Lebenspartnerschaft hat mit Sex erst mal gar nichts zu tun. Die meiste
Zeit in der Geschichte waren Lebenspartnerschaft und Sexualpartnerschaft
zwei paar Stiefel. Vielleicht können wir von unseren Ahnen lernen?
Viele Menschen in längeren Partnerschaften leiden darunter, dass Sex
nur noch selten stattfindet oder nur noch sehr routiniert und wenig
prickelnd. Das romantische Liebesideal suggeriert uns, mit einem
Menschen alles teilen zu müssen und zwar exklusiv. Hierüber werden
unsere Nachfahren (vermutlich schon unsere Kinder) milde lächeln.
Natürlich gibt es Paare, bei denen es im Bett auch nach zwanzig Jahren
noch funkt. Aber das kann nicht der Maßstab sein. Alle Welt, d.h. fast
in jeder Beziehung geht heute einer von beiden fremd, mal öfter, mal
seltener, aber fast immer mit schlechtem Gewissen und Angst, der andere
könne es erfahren. Neben der Lebenspartnerschaft werden wir in Zukunft
wieder Sexualpartnerschaften haben und würdigen, in denen Menschen
zusammenkommen, weil es sie körperlich zueinander drängt. Der Eros lässt
sie ‚heiß’ aufeinander sein, eine Hitze, die sie bei ihrem Lebenspartner
oft seit Jahren nicht mehr spüren. Denn Sexualität lebt und wird belebt
durch das Neue, durch Distanz und Neugier, durch das Unbekannte und
Verlockende, das noch nicht Erlebte. Dies gilt nicht nur für Männer,
sondern auch für Frauen. Zugleich ist in uns auch ein Bedürfnis nach
Beständigkeit in der Gemeinschaft, nach Vertrauen und Sicherheit. Diese
Wünsche erfüllt die Lebenspartnerschaft. Und in beiden Partnerschaften
wirkt die Liebe.
Irrtum: Die ideale Partnerschaft soll ewig halten
Unsinn. Jede Partnerschaft ist auf Zeit angelegt. Unser Verstand kann
den Wert einer Partnerschaft nicht wirklich schätzen. Eine zweijährige
Partnerschaft kann weit erfüllter und lebendiger sein als eine
zwanzigjährige. Jede Beziehung ist wertvoll, ob kurz oder lang, ob
schmerzhaft oder harmonisch. Das ganze Leben ist identisch mit
Veränderungen, denn alles bewegt sich in uns und um uns herum
unaufhörlich. Dies macht Vielen Angst. Das Leben ist wie ein Fluss, der
uns auffordert zu schwimmen und zu spüren, wie er uns trägt. So viele
Menschen aber halten sich ängstlich am Ufer aus, wollen sich festhalten,
anhalten, ja aussteigen. Dieses Festhalten wollen erzeugt jedoch nur
Schmerz.
Irrtum: Die Beziehung besteht aus Geben und Nehmen
Dieser Gedanke wird meist von Menschen geäußert, die das Gefühl
haben, zu kurz zu kommen. Kein ‚Geber’ spricht diesen Gedanken in einer
Beziehung aus, nur ‚Bedürftige’. Das Geben/Nehmen-Schema verbindet Liebe
mit konkreten Erwartungen und macht die Beziehung zur kleinen
Handelsgesellschaft: „Ich liebe dich, solange du mich liebst. Ich gebe
dir was, wenn du mir auch was gibst.“ Ich nenne diese Beziehungen eine „GGBB“,
Gesellschaft zur gegenseitigen Befriedigung von Bedürfnissen. Mit Lieben
hat das nichts zu tun. Wer in einer Beziehung geben, soll geben um der
Freude am Geben willen, ohne jede Erwartung. Das Geben aus Liebe macht
dem Gebenden soviel Freude, da braucht nichts zurückkommen. Geben und
Empfangen ist daher ein und dasselbe. Unser Ego-Kopf jedoch trennt beide
und verursacht Leid in der Beziehung.
Irrtum: Wer liebt, der muss leiden
Mein Herz und mein Verstand sagen mir beide: Von der Liebe und vom
Lieben kann nie Schmerz oder Leid kommen. Das ist eine Verunglimpfung
der Liebe. Wo Liebe ist, da ist kein Leid. Und wo das Leid (noch) ist,
da ist (noch) keine Liebe, da wird etwas noch nicht geliebt. Allerdings
ist offensichtlich: Auf der Suche nach dem Glück, auf der Suche nach der
Liebe begegnen wir häufig dem Schmerz. Wir erleben fast nirgends soviel
und so tiefen Schmerz, wie in unseren Erfahrungen mit sog.
Liebespartnern, ob in heterosexuellen oder homosexuellen Beziehungen. So
oft, wenn wir uns einließen auf eine Beziehung, auf einen Menschen, hat
es weh getan, manchmal nach kurzer Zeit, manchmal erst viel später.
Nicht erst dann, wenn es auseinander ging, haben wir gelitten, aber dann
meist am heftigsten. Aber niemand hat je wegen der Liebe gelitten,
sondern am zuweilen schmerzhaften Prozess des Aufwachens. Wir leiden an
unseren eigenen Ängsten, Angst vor Zurückweisung, vor Verlassenwerden,
vor Versagen u.a. Wir sind Süchtige nach Liebe, Anerkennung und
Bestätigung und es tut weh zu erkennen, dass der andere mich nicht satt
machen und mich von dieser Sucht nicht befreien kann. Nur wir selbst
können das. Wie? Indem wir wieder erkennen und anerkennen, dass wir von
Natur aus unendlich geliebte Wesen sind. Gott, der das Leben ist, liebt
uns bedingungslos und beschenkt uns täglich. Nur wir selbst haben uns
verlassen und unser Herz verraten.
Wer wirklich liebt
– sich selbst und die anderen – der leidet nicht!
Robert Betz hält von Oktober bis April jeden Jahres zahlreiche
Vorträge in ganz Deutschland. Ausführlich nimmt er zu den oben genannten
Thesen Stellung in seinen Vorträgen „Wahre Liebe lässt frei!“ und „Wer
liebt, der leidet nicht!“, die es – neben weiteren 40 Vorträgen auf CD
gibt. Von Mitte April bis Mitte Oktober lebt und arbeitet er auf der
griechischen Insel Lesbos und führt dort eine Vielzahl von
Urlaubs-Seminaren durch unter dem Titel „Mich selbst und das Leben
lieben lernen“.
Robert Betz
Mehr unter:
www.robert-betz.de
Quelle: BALANCE 2/2008

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