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Ausgabe 2/2008 > Qi Gong
Qi Gong
Eine der 5 Säulen der Traditionellen Chinesischen
Medizin
Das Konzept von Leben, Gesundheit und Krankheit ist
in China und bei anderen asiatischen Völkern weit entfernt von den
Ansichten, die bei uns – den Menschen des Abendlandes – Geltung haben.
Oft wird hier nur das Greifbare, das Messbare anerkannt. Vielleicht ist
dies der Grund, weshalb im „Westen” erst seit zwei Jahrhunderten die
Medizin zur Wissenschaft „erhoben“ wurde.
In China gibt es die Medizin in Form der
Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) schon seit mehr als 3000
Jahren. Dort besteht eine enge Verbindung mit dem Daoismus, der
Naturphilosophie, und dem Konfuzianismus, der Staatsphilosophie, der
Chinesen. Analog der konfuzianischen Staatsordnung, d.h. Speicher in den
einzelnen Provinzen als Versorgungszentren und Transportwege als
Verteilungskanäle, sah man die im Körper liegenden Organe als Speicher
und die Leitbahnen als Transportwege an.
Auf diesen Leitbahnen fließt das Qi, vereinfacht
als Lebensenergie übersetzt, welches nach Ansicht der Chinesen nicht nur
im Menschen sondern auch in allen anderen Dingen und somit im gesamten
Kosmos enthalten ist. Ist Qi ausreichend vorhanden und fließt es
ungehindert im Körper, so ist der Mensch gesund. Fehlt Qi oder ist der
Qi-Fluss blockiert, so entsteht Kranksein.
Die Ursache für eine Qi-Stagantion kann z.B. in
äußeren Faktoren wie Hitze, Kälte, Wind, Trockenheit oder Feuchtigkeit,
in inneren Faktoren wie Emotionen, welche über einen längeren Zeitraum
und in starkem Maße auf einen Menschen einwirken, aber auch in Faktoren
wie Umweltbedingungen und Lebensstiel liegen.
So liest man im Su Wen (Einfache Fragen), einem
Klassiker der Chinesischen Medizin, in welchem Gespräche zwischen dem
legendären Gelben Kaiser Huangdi und seinem Leibarzt Qi Bo
niedergeschrieben sind, im ersten Kapitel „Die Methoden zur Erhaltung
der Essenz und Pflege des Geistes“ folgende Textzeilen:
Kaiser Huangdi fragt: Ich habe gehört, dass im
Altertum viele Menschen 100 Jahre alt wurden und noch keine Spuren von
Altersschwäche zeigten. Aber die heutigen Menschen werden nach nur etwa
50 Jahren altersschwach. Liegt der Grund dafür in der veränderten Zeit
und Umwelt oder darin, dass sie die Methode zur Gesundheitspflege nicht
kennen?
Qi Bo antwortet darauf: Menschen im Altertum, die
mit der gesunden Lebensführung bewandert waren, führten nach der Theorie
von Yin und Yang und den Naturgesetzmäßigkeiten ein geregeltes
Alltagsleben, wobei sie beim Essen und Trinken Maß hielten und die
Arbeits- und Pausenzeiten genau einhielten. Deshalb waren sie körperlich
und geistig gesund und vital und lebten lange. Heute sind die Menschen
nicht mehr so. Sie halten keine Arbeits- und Pausenzeiten ein; sie
saufen und führen im Suff ein exzessives Sexualleben; um der momentanen
Behaglichkeit und Bequemlichkeit willen erschöpfen sie oft ihre ganzen
Kräfte, was nicht der gesunden Lebensführung entspricht.
Gesunderhaltung oblag also in China schon immer der
Eigenverantwortlichkeit. Seit geraumer Zeit gibt es z.B.
„Erwachsenenspielplätze“ mit simplen Fitnessgeräten an fast jedem
Häuserblock oder in Parkanlagen. Neben dem morgendlichen traditionellen
Qigong-Übungen werden an diesen Geräten die Menschen dazu angehalten,
mittels einfacher Übungen ihre Beweglichkeit und Kraft zu verbessern.
Die TCM hat fünf Therapie-Säulen,
um diesen Qi-Fluss wieder zu regulieren
Die Akupunktur, das Nadeln bestimmter Punkte auf
den so genannten Leitbahnen oder Meridianen, hält derzeit auch im Westen
Einzug und findet immer mehr Anhänger.
Die Arzneimittelheilkunde, die häufigste
Behandlungsmethode in China, beruht auf der Erfahrung, dass alle
Pflanzen, ebenso wie tierische und mineralische Produkte bei innerlicher
oder auch äußerlicher Anwendung den Körper energetisch beeinflussen,
d.h., dass z.B. Kräuter nach Geschmack und der Fähigkeit den Körper zu
wärmen oder zu kühlen sowie nach den Affinitäten zu den Funktionskreisen
(Leitbahnen, Organe…) klassifiziert sind.
Ebenso verhält es sich mit der Diätetik.
Nahrungsmittel, welche grundsätzlich nicht so eine starke Wirkung wie
Kräuter haben, werden jedoch vom Menschen in größeren Mengen und über
einen deutlich längeren Zeitraum zu sich genommen. „Der Mensch ist was
er isst“, auch dieses Sprichwort hat in China Gültigkeit.
Bei Tuina handelt es sich um eine Massagetherapie,
welche in den Grifftechniken viele Parallelen zur westlichen Massage
zeigt, jedoch nicht darauf abzielt, Gelenke und Muskeln sondern
Leitbahnen und Akupunkturpunkte zu massieren. Übersetzt bedeutet der
Begriff „Tui“ schieben und „na“ greifen oder ziehen.
Um das volle Potenzial der obigen Methoden der TCM
auszuschöpfen, ist es jedoch wünschenswert und teilweise notwendig, eine
Diagnose nach Chinesischer Medizin in Form von z.B. Befragen, Betasten,
Zungen- sowie Pulsdiagnose durchzuführen. Wie schwierig dies jedoch ist,
zeigt die Tatsache, dass die TCM 28 verschiedene Pulsqualitäten kennt.
Da die TCM eine ganzheitliche Betrachtungsweise des
Menschen in den Mittelpunkt stellt, steht das subjektive Befinden im
Vordergrund und nicht wie in der westlichen Medizin objektiv messbare
Faktoren.
Qigong als fünfte Säule der TCM hat insofern eine
besondere Stellung, da es sich um ein eigenverantwortliches Übeverfahren
handelt.
Während es sich bei den anderen 4 Säulen der TCM
eher um einen „Eingriff“ (z.B. Nadeln) von Außen handelt, um den
Qi-Fluss im Körper zu regulieren, liegt es in der Eigenverantwortung
jedes einzelnen Menschen zu entscheiden, mit welcher Regelmäßigkeit, wie
lange und mit welcher Intensität er Qigong übt. Gong bedeutet „Erfolg
durch Ausdauer und Übung” und deutet auf den wichtigen Aspekt des
regelmäßigen und angemessenen Übens hin.
Der Begriff Qigong ist eine Sammelbezeichnung für
alle Übungsformen die das Qi vermehren und mobilisieren, d.h.
Qi-Blockaden im Körper lösen und den Qi-Fluss anregen. So
unterschiedlich die einzelnen Methoden sind, so haben sie jedoch
folgende drei Aspekte gemeinsam:
Gesundheitsfördernde Körperhaltung, die Übungen
werden stehend, sitzend oder liegend ausgeführt, und die Bewegungen
sollen bewusst ausgeführt werden und harmonisch, fließend und rund sein.
Atemführung, eine Regulierung der Atmung in Form
von natürlicher Atmung, Bauchatmung oder umgekehrter Bauchatmung und
wechselseitigen Anpassung von Atem- und Bewegungsfluss.
Aufmerksamkeitslenkung, die Gedanken werden an
einen bestimmten Ort des Körpers (z.B. Akupunkturpunkt) gelenkt oder
Vorstellungsbilder werden erzeugt, um in geistige Ruhe zu gelangen.
Der Methodenzyklus des DAOYIN YANGSHENG GONG
(Übersetzt: Führen des Qi und Dehnen der Glieder, um das Leben zu
nähren), wurde seit den siebziger Jahren von Professor Zhang Guangde an
der Sportuniversität Beijing entwickelt.
Im Jahre 1974 diagnostizierten Ärzte bei Prof.
Zhang eine schwere Krankheit, die aufgrund verschiedener anderer
Krankheiten und Allergien nicht mit herkömmlichen Medikamenten behandelt
werden konnte.
Er sammelte und systematisierte Material über
Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) sowie traditionelle Übungen zur
Gesunderhaltung und fasste diese mit modernen Theorien über Krankheiten
zusammen. Basierend auf diesen Kenntnissen und seinen Erfahrungen
erstellte er in den letzten zwanzig Jahren über 30 Übungsformen deren
Besonderheit darin besteht, dass diese Methoden die medizinischen
Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte mit der Grundkonzeption der TCM und
der Qigong-Praxis verbinden.
Hierfür erhielt er 1992 eine staatliche
Auszeichnung und im Jahre 1996 wurde der Methodenzyklus als einzige
Qigongmethode in das Nationale Chinesische Gesundheitsprogramm
aufgenommen.
Das Innen nährende Qigong (Neiyanggong) von Frau
Liu Yafei (Qigong-Klinik Beidaihe)
Frau Liu Yafei ist Ärztin und Vizedirektorin der
Qigong-Rehabilitations-Klinik in Beidaihe VR China. Die Klinik wurde
1956 von Dr. Lui Guizhen, dem Vater von Frau Liu Yafei, gegründet. In
Beidaihe wurde zum ersten Mal und über einen langen Zeitraum Qigong
systematisch klinisch angewendet. Der Klinik angegliedert ist das
„Nationale Ausbildungszentrum für medizinisches Qigong der Provinz Hebei”.
Dieses Ausbildungsinstitut für Ärzte, die Qigong therapeutisch anwenden
wollen, hat in der Volksrepublik China die ersten gültigen
Anerkennungsrichtlinien für Qigong-Lehrer/innen entwickelt. Frau Liu
Yafei ist Leiterin des Ausbildungszentrums in Beidaihe und unterrichtet
die Methoden des „Neiyanggong”. Diese alte Methode des „Innen nährenden
Qigong” wurde von ihrem Vater in den dreißiger Jahren systematisiert und
erstmals schriftlich niedergelegt. Das medizinische Qigong besteht aus
verschiedenen Übungen des Stillen Qigong (jing gong) und Qigong in
Bewegung (dong gong).
Philosophischer Teil der Ausbildung
Qigong basiert vornehmlich auf den Prinzipien des
philosophischen Daoismus, wie sie einmal im klassischen Orakelbuch des
„I Ging” und zum anderen in den Werken des Laotse und Zhuangtse
vorliegen. Der Grad des Könnens in dieser Bewegungskunst lässt sich
daran messen, wie weit es gelungen ist, diese Prinzipien des Dao,
symbolisiert im Bild des Wassers; des Yin und Yang sowie des „Wu Wei”,
des Nicht-Tuns, in die eigene Bewegungspraxis zu integrieren. Die
Lektüre des Daodejings und Zhuangtses „Buch vom südlichen Blütenland”
dient in diesem Sinne keiner reinen intellektuellen Erbauung, sondern
einer Theorie-Praxis-Orientierung, da sie uns den Weg zeigt, auf welchem
diese Kunst praktiziert werden soll. Mit Nachdruck betont sie, dass
diejenigen, welche den Weg des Dao unter dem Aspekt eines äußerlichen
Erfolgs- und Machtstrebens beschreiten, kaum die Chance haben,
Fortschritte zu machen; dass Geschmeidigkeit, Sanftheit, Mühelosigkeit
sowie innere Kraft und Ausdauer denen beschieden sind, die immer mehr
durch unnötiges Tun entstandene Blockierungen loslassen und intuitiv
erspüren können, wann der richtige Zeitpunkt des Handelns gekommen ist.
Weitere Informationen
Taiji-Dao e.V.
Tel. 0212-244 3567; Fax 244 3652
taiji-Dao@t-online.de
www.Taiji-Dao.de
Im Taiji-Dao e.V. werden seit fast 10 Jahren
berufsbegleitende Ausbildungen zum/zur Qigong-Lehrer/in angeboten. In
NRW werden seit dem Jahr 2005 die Gebühren für die Ausbildung vom
Europäischen Sozialfond mit 50% bezuschusst.
Der Verein wurde 1998 am Philosophischen Seminar
der Deutschen Sporthochschule Köln von Dozenten und Absolventen der
Hochschule gegründet. Neben Dozenten und Absolventen der Deutschen
Sporthochschule Köln unterrichten im Rahmen der Ausbildungen
Gastdozenten/innen der Qigong-Klinik Beidaihe und der Sportuniversität
Beijing.
Weiterhin organisiert der Taiji-Dao e.V. seit dem
Jahr 2000 jährliche Studienreisen in die VR China in Verbindung mit
Qigong- und Taijiquan-Unterricht (Tai Chi) an der Qigong-Klinik Beidaihe
und der Sportuniversität Beijing.
Das Erlebnis an der Quelle Qigong und Taijiquan zu
lernen, mit Chinesen frühmorgens in den Parkanlagen zu üben, die
Vielfalt der Chinesischen Küche zu genießen, einen Hauch der alten
Chinesischen Kultur zu kosten und sich vor Ort von der Therapiekompetenz
des Klinikpersonals zu überzeugen, hat schon vielen Teilnehmern/innen
den Einstieg in ein eigenverantwortliches und gesünderes Alltagsleben
erleichtert.
Quelle: BALANCE 2/2008

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