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Der Glücksmuskel

Hingabe statt Anziehung

Ein alter Massai-Krieger saß mit seinen Enkeln am Lagerfeuer. Der Alte sagte nach einer Weile des Schweigens: „Weißt Du, im Leben ist es oft so, als ob zwei Löwen im Herzen miteinander kämpfen. Einer der beiden ist rachsüchtig, aggressiv und grausam. Der andere hingegen ist liebevoll, sanft und mitfühlend.“ – „Welcher der beiden gewinnt den Kampf?“, fragte ein Kind. „Der Löwe, den man füttert“, antwortete der Alte. (Verfasser unbekannt)

Früher kannte ich nur den Körper aus Fleisch und Blut. Heute weiß ich, dass der Mensch mehr als nur einen Körper hat. Um den materiellen Körper herum befinden sich diverse Lichtkörper, die der Mensch gemeinhin nicht sehen, aber spüren kann. Diese Lichtkörper bilden die Aura. In manchen, zumeist östlichen Traditionen hat jeder Körper einen Namen. Da gibt es den Astralkörper, den Mentalkörper und so weiter. Einer dieser feinstofflichen Körper wird Emotionalkörper genannt. Und so wie der materielle Körper verfügt auch der Emotionalkörper – im übertragenen Sinn – über Muskeln. Die Muskeln der Gefühle. Es gibt den Muskel der Freude und den Muskel des Ärgers, den Muskel der Traurigkeit und den Muskel der Dankbarkeit. Es gibt den Muskel des Vertrauens und den Muskel der Angst. Und es gibt den Muskel des Glücks. Denn auch Glück ist ein Gefühl.

Use it or loose it

Die Muskeln wollen eingesetzt werden. „Use it or loose it“ lautet ein Slogan, der besagt, dass die Muskeln verkümmern, die nicht mehr beansprucht werden. Wer jemals seinen Arm im Gipsverband tragen musste, weiß, wie schnell ein Muskel schrumpfen kann. Ebenso verhält es sich mit Gefühlen. Werden Gefühle zu lange unterdrückt, verliert man die Fähigkeit, sie in sich hervorzurufen. Als Kriminalbeamter habe ich viele Straftäter erlebt, die kein Mitgefühl für andere empfinden konnten, weil sie nie gelernt hatten, sanfte Gefühle in sich zu entwickeln. Umso ausgeprägter war bei ihnen die Fähigkeit, die „harten“ Gefühle in sich zu wecken. Sie konnten (jäh) zornig und wütend sein, spürten einen starken Willen, andere zu bekämpfen und zu besiegen und konnten oft über das normale Maß hinaus körperlichen Schmerz ertragen. Ich habe Schläger kennen gelernt, die vermeintlich schmerzunempfindlich waren. Sie alle waren bereits in der Kindheit von ihren Eltern geschlagen worden. Je mehr das Kind weinte, desto heftiger wurden die Schläge. Um sich zu schützen musste es lernen, den Schmerz und das Weinen in sich zu unterdrücken. Damit verbunden verschwand auch die Fähigkeit, den Schmerz anderer zu fühlen. Weil sie sich selbst gegenüber nicht mitfühlend sein durften, konnten sie später auch anderen gegenüber nicht mitfühlend sein. Auch die Muskeln des Emotionalkörpers verkümmern, wenn sie nicht mehr benutzt werden. Habe ich den Muskel der Freude zu lange vernachlässigt, kann ich mich an einem Leben nicht erfreuen. Ist mein Muskel des Glücks zu schwach, kann  ich mein Glück nicht fassen. Das Gewicht des Glücks ist zu schwer für mich. Es gibt viele Beispiele von Menschen, die zwar reich und gesund, aber dennoch nicht glücklich sind. Sie haben verlernt, glücklich zu sein. Sie haben den Muskel des Glücks in sich verkümmern lassen. „Use it or loose it“.

Die gute Nachricht ist: Jeder Muskel, der verkümmert ist, kann auch wieder aufgebaut werden. Kein Muskel verschwindet. Ebenso kann ein Mensch jederzeit damit beginnen, seine verkümmerten Emotionalmuskeln aufzubauen. Dafür ist es nie zu spät. Jeder Mensch besitzt die Fähigkeit, Freude, Traurigkeit, Wut, Dankbarkeit, Verzweiflung, Angst und Liebe in sich zu spüren. Und ebenso hat jeder Mensch das Potential, glücklich zu sein. Doch sind viele nicht in der Lage, dieses Potential in sich ganz auszuschöpfen. Vielleicht stehen Glaubenssätze im Wege, Prägungen aus der Kindheit, religiöse Vorstellungen, die einen hindern. „Wer hoch hinaus will, fällt tief“. „Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach“ und dergleichen Sprichwörter mehr lehren die Kinder, nicht zu viel zu wollen. Zufriedenheit reicht aus, Glück ist ein Anspruch, der beinahe schon anmaßend ist. Und so wie Muskeln sich verkleinern, wenn man sie nicht benutzt, nimmt die Fähigkeit, glücklich zu sein, ab, wenn man sie nicht anwendet.

Um meinen körperlichen Zustand zu verbessern, könnte ich in einem Fitnessstudio anrufen, Muskeln bestellen und anschließend auf der Couch in meinem Wohnzimmer auf die Lieferung warten. Meine Bestellung und mein Warten wären jedoch vergeblich. Das Fitnessstudio kann mir nur die Gewichte zur Verfügung stellen, mit denen ich trainieren kann.

Auch das Leben schickt mir kein Glück nach Hause. Es schickt mir Situationen und Begegnungen, mit denen ich glücklich (oder unglücklich) werden kann. Auch Reichtum ist ein Gewicht, das erst gehoben werden muss und auch der Traumpartner wird mich vor Herausforderungen stellen, die ich bewältigen muss. Die Ereignisse in meinem Leben sind die Gewichte, die mir das Fitnessstudio der Seele zur Verfügung stellt. Ich kann alles beim Universum bestellen: Reichtum, Gesundheit, meinen Traumpartner, mein Traumhaus und so weiter. Doch ist die Frage, ob diese Bestellungen, sofern sie denn geliefert werden, mich auch glücklich machen? Glück ist ein inneres Gefühl, kein äußerer Zustand. Wenn ich nicht fähig bin, in meinem Inneren das Glück zu fühlen, werden mich auch die bestellten Lieferungen nicht glücklich machen können. Und wenn ich fähig bin, das Glück in mir zu fühlen, stellt sich die Frage, ob ich manche Bestellungen dann noch brauche...

Das Gesetz der Anziehung – nur ein Paragraph im göttlichen Gesetzbuch

In den letzten Jahren sind gute Bücher erschienen, die den Menschen das fundamentale Gesetz der Anziehung wieder bewusst machen. „Wie innen so außen“ lautet die wahre Botschaft, die offenbar bei vielen in Vergessenheit geraten ist. Menschen, die bisher glaubten, Opfer willkürlicher Ereignisse und Umstände zu sein, konnten mit Hilfe dieser Bücher von ihren einschränkenden Glaubenssätzen befreit werden. „Du hast es selbst in der Hand“ lautet die wahre Botschaft, die auch ich in meinen Seminaren vermittle. Jedoch ist es nicht sinnvoll, seine Ausstrahlung zu verändern, um etwas zu erreichen. Das ist erfolgsorientiert und daher nicht immer gut. Ändere einfach deine Ausstrahlung, ohne Ehrgeiz und Erfolgsstreben und du ziehst an, was auch zu dir kommen soll, ist eine bessere Anwendung dieser Technik. Das Gesetz der Anziehung wirkt so, wie es in den Büchern beschrieben ist. Kein Wort darin ist falsch. Jedoch können viele damit nicht umgehen. Für manche ist es auch die falsche Medizin. Zum Beispiel für mich. Ich bin in manchen Bereichen sehr ehrgeizig. Dieser Ehrgeiz tut mir nicht gut. Die Technik, nun gewollt Dinge oder Erfahrungen anzuziehen, ist für mich Gift. Ich brauche eine andere Medikation, die auf den Prinzipien des Loslassens beruhen. „Kapituliere! Lass einfach geschehen.“ lautet meine Medizin. Es gilt, auch das Gesetz der Anziehung einfach geschehen zu lassen. Schließlich ist es nur ein Paragraph von vielen im Gesetzbuch des Göttlichen.

Neue Bilder stehen nicht in alten Katalogen

Wer mit Hilfe einer Technik etwas in sein Leben heranziehen möchte, richtet damit seine Achtsamkeit auf den Mangel. Auch wenn man so tut, als ob es schon da wäre, – wie es die Ratgeber empfehlen – weiß das Unterbewusstsein dennoch, dass es noch nicht da ist. Gerade der Versuch, so zu tun als ob, ist Ausdruck dessen, dass es in Wahrheit noch gar nicht da ist. Zudem beruhen die meisten Bestellungen beim Universum auf alten Bildern. Kaum jemand bestellt das Un­­bekannte. Jeder bestellt das, von dem er glaubt, dass es ihn glücklich machen würde. Richte ich meine Achtsamkeit auf alte Bilder, verharre ich in meiner  Vergangenheit. Mit meinen Vorstellungen blockiere ich die Zukunft. Die Bilder stehen vor mir und verhindern, dass ich weiter gehen kann. Die Sperre ist so wirkungsvoll, dass selbst das, was zu mir kommen will, nicht kommen kann. Dabei können nur neue Bilder mein Leben spannend machen. Und neue Bilder stehen nicht in alten Katalogen.

Das Gesetz der Anziehung wirkt zu meinem Wohle nur gemeinsam mit dem Gesetz der Hingabe. Hingabe ist ein anderes Wort für Leidenschaft. Wer etwas wirklich will, ist auch bereit, dafür Opfer zu bringen. Leidenschaft ist ein Gefühl. Mit schönen Gedanken allein kann ich meine Realität nicht erschaffen.

Zuerst muss der Drang da sein, der Drang, etwas zu tun, etwas zu erschaffen. Dann erst – im zweiten Schritt – entsteht aus dem Drang die Vision, das innere Bild. Nun kommt es darauf an, das Bild, die Vision nicht durch negative Gedanken zu zerstören. Wer die Vision hingegen mit befreienden Gedanken stärkt, „Ich will es, ich kann es, ich darf es“ bringt sie in Form. Die Vision formiert sich, manifestiert sich und wird zur Lebenserfahrung. Visionen ohne Gefühlsuntergrund sind reine Kopfbilder, die von dem Lebensziel der Seele wegführen und auch dann, wenn sie sich manifestieren sollten, den Menschen nicht glücklich machen können. Wer auf das Bekommen aus ist, lebt die nehmende Energierichtung. Buddha und Jesus lehrten ihre Schüler nicht das Gesetz der Anziehung (das sie zweifelsohne kannten), sondern brachten ihnen die Botschaft der Hingabe. Sie sagten, dass es nicht so sehr darauf ankommt, bestimmte Dinge oder Umstände in sein Leben heranzuziehen, sondern dass es vielmehr darauf ankommt, sich seinem Leben hinzugeben. Hingabe ist die Gegenrichtung der Anziehung. In diesem Sinne sind zurzeit auf der spirituellen Autobahn viele Geisterfahrer unterwegs. Hingabe ist die Bereitschaft, seine Lebensaufgabe anzunehmen und nicht gegen sie anzukämpfen. Das Gleichnis von Jesus in der Wüste handelt von der Versuchung. Der Teufel zeigte ihm alle schönen und prächtigen Reichtümer, die auf Jesus warteten. Er brauchte nur Ja zu sagen. Er hat aber nicht Ja gesagt zu der Möglichkeit, sich ein tolles Leben zu erschaffen, sondern hat Ja gesagt, sich seinem Leben hinzugeben. Dem Leben, für das er bestimmt war. Er hat Ja gesagt zu der Aufgabe, für die er die Reise in sein körperliches Leben angetreten ist. Und wenn du Ja zu der Aufgabe sagst, dann wird all das zu dir kommen, was für dich bestimmt ist. Die Lilien auf dem Feld leben das Leben, das für sie bestimmt ist. Und Gott sorgt für sie. Die Vögel am Himmel leben das Leben, das für sie bestimmt ist. Und Gott sorgt für sie. Kein Kaiser trägt schönere Kleider als die Lilien auf dem Feld, sagte Jesus.

Die Kaiser von damals sind die Erfolgsmenschen von heute. Viele werden nun bestärkt, nach noch mehr Erfolg zu streben. Mancher lädt mit Hilfe von mehr oder weniger geheimen Anziehungstechniken Gäste in sein Haus. Die Frage ist jedoch, ob die Gäste, auch kommen wollen? Ein Besucher, der nicht freiwillig da ist, wird dem Gastgeber keine wahre Freude bereiten können.

 

Peter Michael Dieckmann

 

 

Das Buch des Autors: „Ich bin berührt – Reiki oder die Schule des Lebens“ ist im Mai 2008 im Verlag Goldmann Arkana erschienen.

Taschenbuch, 320 S., € 7,95

ISBN: 978-3-442-21807-3

 

Weitere Infos unter:

www.gespraechemitjj.de

 

 

 

Quelle: BALANCE 4/2008

 

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