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Bewusstes Atmen

Ein Weg nach innen

Als ich klein war und mir manchmal das Knie aufriss oder irgendein anderes Wehwehchen hatte, sagte meine Mutter oft zu mir, „Och Schatz, komm mal her, atme und entspanne dich“. Dann hielt sie mich und streichelte mein Knie oder was auch immer wehtat, und sang eine kleines Liedchen für mich; das ging ungefähr so:

Heile, heile, kleines Knie
Hinter dem Mond da wohnt ein Mann,
der alle Kniechen heilen kann.
Schon vorbei... schon vorbei... Hurrah

Meist war es wie ein Wunder: die Magie meiner Mama funktionierte. Wenn ich zurückdenke, hatte meine Mutter, wie die meiste Mütter, ein intuitives Wissen darüber, wie Heilung wirkt. Scheinbar wusste sie, wie unsere Gedanken unser Fühlen beeinflusst. Sie muss das Liedchen hunderte Male für mich – ich kletterte gern auf Bäume – gesungen haben.

Nach dem Abitur wollte ich meinem Traum folgen und auf die Tanzakademie gehen. Mein intellektueller Bruder war damit gar nicht einverstanden. So eine Ausbildung könne meiner Entwicklung schaden und mich auf einen ‚schlechten Weg‘ führen. Ich solle auf die Uni gehen und studieren, wie meine Geschwister  auch. Mein Vater aber war der Meinung, dass ich, wenn ich unbedingt einen ‚schlechten Weg‘ beschreiten wolle, das sowieso tun würde, Tanzakademie hin oder her. Er vertraute mir und meinen Intentionen; ich sollte tun, was ich wirklich tun wollte.

Auf der Tanzakademie lernte ich über viel über den Atem. Ein Hauptfach war moderner Tanz im Martha Graham Stil. Bei dieser Tanzform sind die Bewegungen stark vom Atem gesteuert; das Einatmen streckt den Köper und das Ausatmen lässt ihn kontrahieren. Das Ausatmen initiiert tatsächlich jede Bewegung. Einatmen symbolisiert eher Kraft und sich der Welt präsentieren, durch das Ausatmen entwickelt sich die Bewegung natürlich und bietet die Gelegenheit, sich selbst und seine Gefühle klar auszudrücken.

Von meinen Eltern lernte ich viel über Vertrauen, heilsame Gedanken und die Kraft des Heilens. Als ausgebildete Tänzerin bekam ich zwar eine tiefere Beziehung zu meinem Körper, meine Gefühle und mir selbst, aber die Beziehung zwischen Atem, Denken und Fühlen war mir damals gar nicht bewusst klar.

Ist es nicht merkwürdig, wie ich das alles ‚vergessen‘ konnte? Ich musste der Atemarbeit mit dem verbundenen Atem begegnen um mich das Wissen zu ‚erinnern‘, das tief in mir verborgen lag – ein Wissen, das meine Eltern mir ganz einfach gegeben hatten, indem sie mich liebevoll und aufmerksam erzogen.

Atemarbeit – ein wenig Geschichte

Seit Jahrtausenden nimmt Atemarbeit in der spirituellen Praxis in verschiedener Form einen essentiellen Platz ein. Wir finden sie im Buddhismus, in anderen östlichen Religionen,  in Meditationstechniken, in der christlichen Religion und in der Heilungsarbeit. Wir finden sie im Yoga in den Haltungen und Bewegungen.

Atemarbeit – Breathwork – und speziell der verbundene Atem war und ist immer noch ein wunderbares ‚Werkzeug‘ um uns tiefer in uns selbst hinein zu führen und andere Bewusstseinszustände zu erreichen.

Die Bedeutung der Atemarbeit als therapeutische Methode in der psychologischen Praxis ist aber relativ neu und wird heute in verschiedenen modernen Therapiemethoden angewandt.

Die ursprüngliche Technik des bewussten Atmens – das Rebirthing – wurde in den frühen siebziger Jahren von Leonard Orr entwickelt. Rebirthing war und ist einfach, kraftvoll und effizient. Doch dadurch, dass die Rebirthing-Technik in einigen Fällen von sehr unerfahrenen Menschen missbraucht wurde, bekam sie einen schlechten Ruf.

Heute, vierzig Jahre später, existieren verschiedene Zweige des bewussten Atmens, die weltweit praktiziert und in guten Ausbildungen unterrichtet werden, z.B. Holotropic Breathwork (Stanislav Grof, USA), Vivation (Jim Leonard, USA), Free Breathing (Russland), und Ganzheitliche Integrative Atemtherapie (Tilke Platteel-Deur & Hans Mensink, Deutschland).

Was ist Atemarbeit?

Auch das verbundene Atmen ist sehr einfach, natürlich und äußerst kraftvoll. Uns allen steht der Atem zur Verfügung, um uns in unser tiefstes Innere hinein zu führen. Das verbundene Atmen kann alte Traumata heilen, nicht mehr nützliche Überzeugungen transformieren und unterstützt uns darin, neue Sichtweisen zu entwickeln, die mehr Wahlmöglichkeiten und Freiheit bieten. Es ist eine Methode, die es uns ermöglicht, uns mit all unseren Gefühlen in unserem Körper vollkommen sicher zu Fühlen.

Wir Menschen begeben uns auf den Weg der inneren Entwicklung, weil wir ein tiefes Verlangen nach mehr Lebendigkeit, Freude und Bewusstsein verspüren, nach mehr Verbindung mit uns selbst und mit dem, das größer ist als wir. Wir suchen nach uns selbst und kommen mit unserem Denken nicht dahin.

Unsere tiefsten Überzeugungen – unsere Glaubenssätze – kreieren unsere Wahrnehmung. Sie entstehen ganz früh im Leben, schon bei der Geburt und in den Jahren danach. Sie sind wie eine Blaupause des Lebens, die wir selbst geschaffen haben.

Wir alle haben während der Geburt, die ja ein sehr einschneidendes Ereignis war, und in den Jahren danach viel erfahren, was uns geprägt hat. Viele Erfahrungen waren schön und so manche waren zu schmerzhaft, um wirklich gefühlt zu werden. Deswegen haben wir sie abgewehrt, unterdrückt, unbewusst nein dazu gesagt und irgendwo im Inneren versteckt als ‚unfertig gefühltes Material‘. Und wenn etwas passiert, das uns unbewusst an dieses Material erinnert, sagen wir erneut ‚nein‘ dazu. Aus unseren ‚Neins‘ entstehen die Urteile und Überzeugungen – die Beschränkungen – die unser Leben bestimmen.

Das Leben will jedoch gelebt werden und zwar ganz! Erfahren können wir es aber nur mit dem Körper und den Sinnen. Alles was wir abgewehrt haben, scheint zwar ‚weg‘ zu sein, es wartet aber im unbewussten Innern auf die Chance, endlich zu Ende gefühlt und damit abgerundet zu werden. Dann ist es kein ‚Störsender‘ mehr. Dann ist es integriert.

Verbundenes Atmen zur Verbindung mit uns selbst

Eine reguläre therapeutische Atemsitzung bedeutet immer eine ganz persönliche Erfahrung von mehr Bewusst- und Gewahrsein, wobei über eine längere Periode bewusst, verbunden und voll geatmet wird. Der ‚Atmer‘ entspannt sich immer mehr, atmet verbunden – kreisförmig – und bleibt auf alles fokussiert, was passiert; Empfindungen im Körper, Gedanken, Emotionen und Erinnerungen. Sie kommen und gehen wieder.

Diese Phänomene erfährt und akzeptiert er ohne Urteil und ohne Interpretation, wobei der Therapeut ihn unterstützt, verbunden zu atmen, zu entspannen und alles passieren und ‚gehen zu lassen‘. Der Klient entwickelt dabei mehr Bewusstsein für seine Innenwelt. Er erfährt sich und seine Gedanken und Emotionen aus einer anderen Perspektive, der Perspektive des Zuschauers. Es entsteht ein Gefühl von Frieden und Ruhe, wenn er seine Glaubenssätze und Urteile aufgibt und sich dadurch wieder mit seinem wirklichen Wesen verbunden fühlt.

Das, was er früher abwehren musste, darf nun wieder zu ihm gehören. Es ist gefühlt, abgerundet, integriert. Die Energie, die benötigt wurde, um das ‚Material‘ zu unterdrücken, wird wieder freigesetzt. 

In der Atemarbeit, suchen wir also immer nach Wegen, die es den Klienten ermöglichen, ‚Ja‘ zu sagen, wo sie früher ‚Nein‘ sagten. Ein Nein macht eine Erfahrung unsichtbar, ein Ja macht sie uns bewusst, sichtbar und fühlbar. Dadurch wird Integration möglich, dem Körper steht wieder mehr Energie zur Verfügung und die Herzenergie wird freigesetzt. Die Aufmerksamkeit ist komplett im Hier und Jetzt und wir ‚landen‘ wirklich im Körper.

Das verbundene Atmen schafft auch eine Verbindung zwischen Körper und Geist, Oben und Unten, Himmel und Erde. Zwischen Ein- und Ausatmen sind wir als Wesen erfahrbar.

Selbst-Verständnis und Akzeptanz

Atemarbeit wird getragen von der Idee, dass persönliches Wachstum und Transformation durch Selbst-Verständnis und Akzeptanz geschieht. Körper, Geist und Seele sind miteinander verbunden, und Veränderung in einem löst auch eine Veränderung in den anderen Teilen aus. Weil Atemarbeit eine natürliche und ganzheitliche Therapie ist, gehe ich davon aus, dass jeder Mensch die Ressourcen hat, um ein kreatives, glückliches und spirituell erfülltes Leben zu führen. Weiterhin glaube ich fest daran, dass der natürliche Seinszustand jedes Individuums im tiefsten Wesen Gleichmut ist, innerer Frieden und seelisches Gleichgewicht. Das Aufarbeiten von ‚unfertig gefühltem Material‘, und das Erschaffen einer inneren Akzeptanz dem Leben und seinen immer währenden Veränderungen gegenüber unterstützen uns sehr darin, diese innere Haltung von Gleichmut wieder zu entwickeln. Und noch wichtiger ist die Entwicklung von Bewusstsein über das ‚Selbst‘, einem Bewusstsein, das an Persönlichkeit und Ego vorbeigeht.

Mit Vergangenem abschließen

Wenn ein Klient also atmet, sich entspannt und bewusst in einer inneren Haltung von Akzeptanz bleibt, wird ein Raum geschaffen, in dem unterdrücktes ‚Material‘ hochkommen kann. Solch verstecktes ‚Material‘ bis zu seinem natürlichen Ende zu durchfühlen, wird genauso schmerzen wie es damals geschmerzt hat, als es unterdrückt wurde. Aber ein verbundener Atemrhythmus ist imstande, uns durch diese Erfahrung hindurch zu leiten. Mit dem verbundenen Atem können wir einen Kontext schaffen, in dem wir uns größer fühlen, als der Schmerz es ist. Die Emotionen, die wir in der Vergangenheit blockiert haben, können an die Oberfläche kommen, in Sicherheit gefühlt werden und so abgeschlossen werden.

Während der Atem immer weiter fließt, kreisen Gedanken und Erinnerungen durch das Körper/Geist-System und schmelzen dahin. Emotionen und Gefühle werden ausgedrückt und integriert. Einsichten entstehen spontan. Der Atem öffnet sich, er wird weiter und strömt leichter, voller und spontaner.

Der Weg zur inneren Verbindung und Ganzheit

Atemarbeit vermag aber viel mehr als nur psychologische Klärung. Der Atem, wenn er sich befreit, macht die spirituelle Welt erreichbar. Wir werden fähig, unsere eigene innere Verbindung zur Essenz, zur Quelle oder Gott herzustellen, so dass sie für uns greifbar und zu einer physischen Erfahrung wird.

Atemarbeit fördert und unterstützt diesen Prozess auf eine sehr wirksame Art. Der Atem hat die Macht, das Transportmittel zu sein, das den Geist in den Körper befördert. Er hat die Kraft, uns das Tor zu einer tiefen spirituellen Erfahrung zu öffnen. Es wird möglich, sich mit einer Dimension von Spiritualität zu verbinden, wie man sie noch nie zuvor erlebt hat. Am Ende einer Sitzung scheint es, als würde der Atem ganz ‚von selbst‘ atmen. Er wird vollkommen leicht und befreit. Der Körper erinnert sich daran, auf natürliche Weise zu atmen. Alle Anstrengung ist vorbei. Die Grenzen des Körpers scheinen sich auszudehnen und ‚das Selbst‘ fühlt sich, als würde es in Licht und Weite baden. Da ist Licht! Es ist eine spirituelle Erfahrung, die auf der physischen Ebene erfahren wird.

Persönliches

Seit mehr als zweiunddreißig Jahren arbeite ich nun als Trainerin und Therapeutin. Ich habe viele Menschen in den Trainings und als private Klienten kennen gelernt. Sie kommen aus allen Schichten der Bevölkerung und haben ganz unterschiedliche Berufe. Aber eins haben sie gemein: sie sind mit Begeisterung und Leidenschaft auf dem Weg zu sich selbst, zu mehr Freude, mehr Leben, mehr Verbindung mit sich und mit anderen. Sie suchen die Verbindung mit ihrer Spiritualität. Sie entwickeln eine neue Lebenshaltung. Sie sind auf dem Weg zu ihrem Ich.

Ich bin zutiefst dankbar, diese Arbeit schon so lange und hoffentlich noch viele Jahre, tun zu dürfen.

Tilke Platteel-Deur

Das Buch zum Thema

Tilke Platteel-Deur
Die Kunst der
integrativen Atemtherapie
Die Vergangenheit auf Seelenebene heilen

Buchbestellungen unter:
www.tilkeplatteel.nl

Weitere Informationen unter:
www.atemarbeit.com

 

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