Balance1
Balance2

Nimm dir Zeit...
und nicht das Leben 

Die Zeit kann man nicht beeinflussen, aber den Umgang mit ihr

Der Mensch ist Schnittstelle von linearer Zeit und zyklischer Zeit. Wir sind eingebunden in die großen Lebenszyklen der Natur. Im Werden und Vergehen, im Wechsel  von Tag und Nacht, in der Folge der Jahreszeiten  ordnet sich unser Leben in regelmäßigen Kreisläufen. Durch die Dynamik unseres Stoffwechsels,  durch das Aufnehmen, Nutzen und Ausscheiden  von Nahrung, sind wir verwoben mit dem zyklischen Austauschprozess der Natur.

Gleichzeitig gehen wir von der Geburt bis zum Tod  eine irreversible Lebensstrecke, wir spuren unseren Weg, geben unserer Bewegung  Richtung  und verfolgen unsere Ziele, um weiter zu kommen und nicht auf der Stelle zu treten oder ständig im Kreis zu gehen. Wir sind unterwegs, haben Aufgaben zu lösen und Chancen zu nutzen, Gefahren abzuwehren und die uns gestellten Bewährungsproben zu bestehen.

Die Zeit kann nicht zurückgedreht werden, sie nimmt uns mit nach vorn, und wir müssen diesen Weg weitergehen, müssen erkennen, „was die Uhr geschlagen hat“. Und für jede Zeit, jeden Tag und jede Stunde, sollten wir dankbar sein, dass sie uns gewährt wurde.

Auch wenn wir noch so sorgsam mit unserem Körper umgehen, unsere Zeit währt nicht ewig, wir sind Alterung, Verfall und Vergehen unterworfen, und wir müssen uns immer wieder fragen, wie wir unsere Lebenskraft sinnvoll in der verbleibenden Zeit nutzen wollen, um Erfüllung und Glück zu finden. Zeit und Sinn, Quantität und Qualität sind miteinander gekoppelt. Wie können wir uns selbst managen, um die gegebene Fülle in Erfüllung zu verwandeln und dabei unsere Aufgaben zur Zufriedenheit aller erfüllen? Wenn wir unsere Zeit mit Aufgaben immer weiter anfüllen, uns von immer mehr Informationsflüssen ablenken lassen vom Wesentlichen und Wichtigen, wenn uns die Zeit immer schneller nur noch wie Sand durch die Finger zu rinnen scheint und die Anforderungen unsere Stunden, Minuten, von Augenblick zu Augenblick ohne Atempause aufsaugen, wenn wir uns immer schneller takten ohne Rücksicht auf unseren Energiehaushalt und unsere Bedürfnisse, wenn wir uns dazu zwingen, immer erreichbar und allzeit ansprechbar zu sein, geraten wir immer mehr ins Schleudern. Schließlich verlieren wir unsere Balance und unseren eigenen Rhythmus und laufen dann Gefahr, dass unser Lebensfluss verödet. Wenn wir unseren Körper, unser Bedürfnis nach Sinn-Erfüllung, unsere sozialen Beziehungen vernachlässigen und die vielen Quellen, die unsere Batterien auftanken, unpfleglich behandeln und austrocknen lassen, weil wir immer weniger Zeit erübrigen und alles auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschieben, geraten wir aus der Balance. Wenn wir unser Zeitkonto nur quantitativ managen und unser Energiekonto laufend überziehen, um so viel wie möglich so schnell wie möglich zu erledigen, sind wir bald selber erledigt, und es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann wir ins Stocken geraten, unser Leistungsstrom versiegt und wir unsere  Gesundheit auf Sand gesetzt haben. Wenn wir gestrandet sind, ist es zu spät, dann haben sich auch unsere Aufgaben erübrigt, und wir werden endgültig vom Platz gestellt.

Was sind das für Aussichten, wenn wir nicht auf uns hören, von unseren inneren Einsichten absehen, wenn wir links liegen lassen, was wir leise spüren und eigentlich immer schon gewusst haben, was nicht stimmt mit uns und was schief läuft.

Aufrichtig zur Kenntnis nehmen, wo man steht

Der erste Schritt beginnt damit, aufrichtig und mutig zur Kenntnis zu nehmen, wo wir stehen und worauf es hinaus läuft, wenn wir uns nicht neu ausrichten. Es ist seltsam, dass wir das unscheinbare „Jetzt“ oft so abwerten, die vergangenen Zeiten glorifizieren und die künftigen mit übermäßigen Hoffnungen und Erwartungen betrachten. Kosten wir dieses „Jetzt“ nicht aus, sondern erwarten wir alles von der Zukunft, dann besteht die Gefahr, dass wir auch in den kommenden Zeiten nur enttäuscht werden, weil wir die konkreten Angebote des künftigen Augenblicks auch nicht so erschließen, wie sie auf uns zukommen. So leben wir vermeintlich nie, sondern hoffen zu leben, und so ist es unvermeidlich, dass wir in der Bereitschaft, glücklich zu sein, es niemals sind.

Es geht darum, eine innere Lebendigkeit und Wahrnehmungsfähigkeit für das Besondere einer Stunde aufzubringen. Wie kann ich mich aber in der Fähigkeit einüben, die verborgenen Schätze des jeweiligen Moments wahrzunehmen? Eine Hilfe ist es schon, wenn ich auf meinen Körper achte: Jetzt werde ich vom Herzschlag am Leben gehalten, durchpulst mich das Blut, damit sich der ganze Organismus erneuern kann. Jetzt hebt und senkt sich der Brustkorb, Sauerstoff strömt in die Lunge, und wir stoßen den Atem wieder aus. Jetzt kann ich meine Augen und Ohren öffnen, eine Fülle von Eindrücken wird aufgenommen und verarbeitet, Gefühle steigen auf, Gedanken durchzucken mich.

Unerledigtes erzeugt negative Energien

Das Unerledigte und Aufgeschobene, das uns bedrängt und das wir immer wieder verdrängen müssen, kostet nicht nur Energie. Im gleichen Maße, wie wir Energie abziehen, laden wir negative Energie auf, indem unsere Gedanken immer wieder darum kreisen und wir vielleicht ein schlechtes Gewissen haben und uns mulmig fühlen. Den Körper kann man nicht belügen, er reagiert sofort auf psychische Belastungen, auf all das, was wir in uns hineinfressen und gerät unter Spannung. Mit viel Kraftaufwand versuchen wir unseren Körper in ständiger Anspannung zu halten, um das Gewicht all des Unerledigten tragen zu können. Wir müssen handeln, denn ab einem bestimmten Zeitpunkt wird Nichthandeln zur Vermeidung. Je schneller wir handeln, um so eher werden wir unsere Vitalität wiedergewinnen.

Persönliche Präsenz ist der Schlüssel zum Erfolg

Das komplizierte Leben, zu dem wir uns gezwungen glauben, macht es schwer, den Tag zu planen, viele Dinge zu bedenken, die Gewichtigkeit der einzelnen Aufgaben abzuwägen, die nächsten Termine schon im Blick zu haben. Das führt dazu, dass wir nicht mehr bei dem verweilen können, was wir gerade tun, weil immer schon die nächste Aufgabe wartet, eine weitere Tätigkeit ansteht. Also rationieren wir die Zeit, werden fahrig und nervös, vermengen die verschiedenen Bereiche, fühlen uns innerlich zerrissen und werden keiner Aufgabe mehr wirklich gerecht.

Vor der Vielfalt der Beanspruchungen können wir nicht mehr fliehen, aber wir können dafür Sorge tragen, dass diese Fülle verschiedener Aufgaben uns nicht zersprengt und zerstreut. Wenn wir durch das Übermaß an verschieden Aufgaben unter Druck geraten und im Wirrwarr der Anforderungen nicht mehr wissen, was wir tun sollen (und jedes Tun immer dadurch gestört wird, dass man noch andere wichtige Dinge ebenfalls tun müsste)  kann es  uns  helfen, das wir  innehalten. 

 

...Vielleicht ist der Umgang mit der Zeit ein Gradmesser unserer Lebenskunst, und unsere Übung des rechten Einklangs mit ihren Rhythmen ermöglicht uns die Verwirklichung unserer Existenz...

... Wer über die Zeit nachdenkt, der muss auch über die Vergänglichkeit nachdenken, er muss sich über die Wirkung der Zeit Gedanken machen.

Otto Betz

Durch diese kleine Übung kann sich die Verkrampfung  lösen und eine Entspannung eintreten, so dass es danach wie ein Lichtschein aufleuchtet und wir deutlich erkennen, was jetzt getan werden soll und welche anderen Aufgaben warten können. Das Auffinden der tieferen Bedeutung des Hier und Jetzt kann uns dazu verhelfen, die Unruhe der schwirrenden Gedanken loszuwerden. Es ist schwerer, als man denkt, ganz einfach bei der Sache zu bleiben, die man gerade tut.

Die durch notwendige Zwänge festgelegte Zeit nennt der Philosoph Blumenberg die „Musszeit“, die der freien Entscheidung überlassene und nutzbare Zeit nennt er die „Kannzeit“. Doch allzu schnell wird aus der „Kannzeit“ doch nur eine erweiterte „Musszeit“, und der Tagesablauf ist wieder festgelegt, ohne dass man recht weiß, wie das geschehen ist. Die „Kannzeit“ entpuppt sich oft als ein Zeitraum, der durch Konventionen und gesellschaftliche Bräuche schnell ausgefüllt ist. Jeder entwickelt seine eigenen Rhythmen und Gewohnheiten oder übernimmt die ungeschriebenen Vorschriften seiner Gesellschaftsschicht: was man lesen, wo man sich sehen lassen, welche  Einladungen man annehmen muss usw. (Hans Blumenberg / Lebenszeit und Weltzeit)

Wir haben 24 Stunden Zeit !

„Ich habe keine Zeit“ heißt vielmehr: meine Zeit ist bereits verplant!  Lothar J. Seiwert weist in seinem Buch „Wenn Du es eilig hast, gehe langsam“ darauf hin, dass Zeitmanagement eigentlich in sich einen Widerspruch bedeutet. „Wir können Zeit gar nicht managen, sondern nur uns selbst.“ Zeitmanagement  bedeutet Selbstmanagement. Denn die Zeit als konstante Größe verrinnt kontinuierlich, unerbittlich, unbeeinflussbar. Seiwert betont, dass Zeitmanagement als Selbstmanagement aktive Lebensgestaltung oder Live Leadership bedeutet.

Weil unsere Zeit durch die Berufsarbeit und festliegende Verpflichtungen tatsächlich weitgehend ausgebucht ist, müssen wir für die verbleibende Zeit immer wieder Prioritäten setzen, müssen jeden Tag Entscheidungen treffen, was uns wichtig ist und was nicht. Wir müssen unsere Karten auf den Tisch legen. Wofür habe ich keine Zeit, was erachte ich als Zeitvertreib, und wofür bin ich grundsätzlich nicht bereit, einen  Zeitraum zur Verfügung zu stellen?

In absehbarer Zeit wird die ungeteilte Aufmerksamkeit eines Menschen eines der wertvollsten Güter sein. Entsprechendes gilt für das Privileg, uns zurückzuziehen und abschalten zu dürfen.

Wir arbeiten effektiver, leben gesünder und glücklicher, wenn wir uns nicht gegen unsere natürlichen Körperrhythmen stellen und uns ab und zu den Luxus gönnen, „offline“ zu sein und eine Auszeit nehmen, um unsere Batterien aufzuladen. Das bekommt auch unserer Arbeit, der wir dann mit gefüllten Batterien wieder mit Freude die ungeteilte Aufmerksamkeit schenken können und  so effizienter Leistungen erbringen.

 

Nähere Informationen bei:

Robert Reschkowski

Coach und Kommunikationstrainer

Tel. 0172-215 74 77

mailto: Rrtual@aol.com

www.syntegron.de

 

klick hoch

Quelle: BALANCE 4/2003

 

Kontakt

BALANCE Heft-Abo
Medientipps
Leserbriefe
Verteilerstellen
Impressum
Anzeigenpreise

aktuelles Heft

Heft
Heft 4/2016
Seit 1997 zeigen
wir neue Wege auf.

Haftungsausschluss

Datenschutzerklärung

Copyright BALANCE ® online, 2001 - 2016

Balance-unten