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Die Edelstein-Apotheke

aktuell wie vor 2000 Jahren

Fast schwarz schimmert der rund geformte Stein. Plötzlich fällt Licht auf ihn. Und da ist es, als hätte sich ein noch tiefblauer Abendhimmel mit tausend kleinen Sternen überzogen. Das Licht wird aus der Tiefe des Steines heraus golden zurückgeworfen. Jahrhunderte lang hat man gerätselt, ob dieser Stein echt sei, und manche haben behauptet, ihn gefunden zu haben: den Goldfluss. Er heißt so, weil er bei hohen Temperaturen wie Gold zu glitzern und zu fließen beginnt. Tatsächlich wird er nach einem heute noch geheim gehaltenen, aus dem 16. Jahrhundert stammenden Rezept von italienischen Mönchen hergestellt. In seiner Härte, Dichte und Zusammensetzung gleicht der Goldfluss einem gewachsenen Edelstein. Aber er hat noch eine Besonderheit: Viele Menschen glauben, dass er, als Kette getragen, eine positive Lebenseinstellung fördert.

„Heilsteine“ sind in. Es gibt eine richtige Welle. Nicht nur in Esoterikläden, auch in Steinboutiquen, häufig an Urlaubsorten, aber auch in großstädtischen Kaufhäusern gibt es ein Steinangebot. Ist es die Flucht in den Mythos und postmoderne Rationalitätsverdrossenheit, das „Sich-dem-angeblich-Vernünftigen-einfach-Verweigern“, weswegen viele ihren Stein in der Tasche tragen?

Die Steinheilkunde ist nicht neu, und bemerkenswerterweise ist sie in Europa immer als Teil einer erfahrungsbezogenen Naturheilkunde angesehen worden, auch im Mittelalter, an dessen Ausgang es geradezu eine Steineuphorie gegeben hat, mit einem Buch als „Trendsetter“, dem damals schon nicht mehr ganz neuen, aber ungeheuer verbreiteten „Steinbuch“ des Marbod von Rennes (1035-1123), einem Bischof der nordfranzösischen Stadt und Erzdiözese. Auch Hildegard von Bingen hat, Jahrzehnte nach Marbod, ein Steinbuch geschrieben, das seit 1991 als Teil ihres größeren Werkes „Physica“ auch in deutscher Übersetzung zugänglich ist. Der große Gelehrte der frühen Neuzeit, Nikolaus von Kues, war wie seine Zeitgenossen der Überzeugung: „Magna virtus inest lapidibus“ – Es ist den Steinen eine große Kraft inne.

Noch heute gehört zu unserer Sprache die Wendung, jemand habe „den Stein der Weisen“ noch nicht gefunden. Nach ihm gesucht haben nicht nur Harry Potter, sondern schon die mittelalterlichen Alchemisten. Einer ihrer wichtigsten Texte war ein lateinisch geschriebenes Buch, von dem sie glaubten, es sei das Steinbuch des Aristoteles. Tatsächlich handelte es sich um die lateinische Übersetzung eines arabischen Werkes, verfasst von Ibn Sina (Sohn des Sinai). Der war Perser, 980 in Buchara geboren, Leibarzt persischer Fürsten und deshalb an Informationen zur Heilwirkung von Steinen besonders interessiert. Die arabische Originalversion dieses Werkes hat der deutsche Orientalist Julius Ruska 1912 ins Deutsche übersetzt. Ibn Sina, die Lateiner nannten ihn Avicenna, war ein ausgezeichneter Chemiker, der vieles über die Gefahren und Heilwirkungen der von ihm beschriebenen Stoffe wusste. Beispielsweise hätte man bei ihm seit Jahrhunderten nachlesen können, dass die Aufbewahrung oder Zubereitung von Speisen und Getränken in frisch hergestellten Messing- und Kupfergefäßen gefährlich ist. Von der Zubereitung zahlreicher Salben mit Steinpulvern und dem Auflegen von Steinen zu Heilzwecken ist die Rede.

Für die mittelalterlichen Gelehrten waren die Mineralien und Metalle ein Teil von Gottes verborgener Schöpfung: eine der für uns noch geheimnisvollen, weil nicht durchschaubaren, „stillen“ Reserven an Schönheit und Heilkraft der Natur. Für Okkultes war in dieser Tradition kein Platz.

Wenn der hl. Albert der Große (ca. 1200 -1280) in seinem umfangreichen wissenschaftlichen Werk über die Mineralien (1983 von Günther Goldschmidt ins Deutsche übersetzt) die Heilwirkung der Steine behandelt und dabei erzählt, dass ein Magneteisenstein (Fe304), wenn man ihn der Ehefrau unters Kopfkissen schiebe, diese zur liebkosenden Umarmung veranlasse, wenn sie treu sei, bei untreuen Ehefrauen aber dafür sorge, dass sie aus dem Bett fielen, dann schreibt er an dieser Stelle sozusagen als Schriftsteller, der sein Publikum mit Augenzwinkern nicht nur belehren, sondern auch unterhalten will. Auch für die Methode, einer Jungfrau mit Gagat angesetztes Steinwasser zu trinken zu geben, will Altert seine Hand lieber nicht ins Feuer legen. Nach der Überlieferung, die ihm vorliegt, würde eine Jungfrau, die keine mehr ist, das so verabreichte Wasser nicht lange halten können. „Fertur“, sagt Albert, „wie man sagt.“, und sein alphabetisches Steinlexikon ist voll von solchen „Wie-man-sagt-Bemerkungen“. Als Wissenschaftler hält Albert viel davon, schon in der Sprache anzuzeigen, wann es sich um wirkliches Wissen handelt und wann nicht. Wenn er von einer Sache überzeugt ist, sagt er „expertum est“ – „wie die Erfahrung gezeigt hat“. Dass zerriebene Koralle (also Kalk) als Düngemittel taugt, davon ist er überzeugt. Im Einklang mit heutigen Steinheilkundigen glaubt er, dass der zartgrün schimmernde Chrysopras als Pulver eingenommen bei schweren abstruktiven Lungenerkrankungen (Asthma) Atemnot lindernd wirkt (spiritualia vonfortat, propter quod tritus asmaticis datur). Im übrigen kennt der hl. Altert schon die heute noch üblichen Anwendungsformen der Heilsteine als „Handschmeichler“ (manu gestatus), Halskette und Anhänger (collo suspensus), als innerlich oder äußerlich anzuwendendes Steinpulver (pulverisatus, tritus) oder Steinwasser (lotura).

Bestechende Schönheit

Auch der Skeptiker muss zugeben, dass der ästhetische Reiz der Steine groß ist. Ich weiß bis heute kein sanfteres Blau als das eines himmelblauen Calcits, kein dunkleres Grün als das eines Aventurins und kein geheimnisvolleres Rot als das eines Karneols. Es gibt Ketten aus Bergkristall, Azurit-Malachit und Blauquarzperlen, in der  weißer Bergkristall das Blau der anderen Steine wunderschön zum Leuchten bringt. Ich habe noch nie eine so schöne Kette gesehen, wie eine neulich entdeckte aus tiefblauen, golddurchzogenen Lapislazuli. Eine andere aus weißem Achat schimmert mindestens so schön wie eine echte Perlenkette, ist  aber in guter handwerklicher Ausführung eher zu erschwingen. Für Hautprobleme gibt es eine ganze Reihe von Steinen, unter denen sich ein Botswana-Achat für die Hautdurchblutung und Citrin gegen Jodallergie hervorheben. Das Wasser des blauen Calcits soll Knochen und Knochenmark stärken. Das des grünen Calcits hilft einigen Lungenkrebskranken, ihren Husten zu dämpfen. Eine Azurit-Malachit-Kette soll bei viralen Erkältungen helfen, Karneol steht im Ruf, blutdrucksenkend zu sein. Der Glaube an solche Heilwirkungen hält sich seit Jahrhunderten.

Bei nüchterner Betrachtung wird man zugeben müssen, dass die behauptete Wirkung nicht in jedem Fall und nicht einmal in den meisten Fällen („ut in pluribus“, wie Aristoteles es sagte) eintreten wird. Nach unserem Modell von Wissenschaft sind die Beobachtungen mit Heilsteinen deshalb für die Wissenschaft wertlos. Aber verblüffenderweise tritt die Wirkung in einigen Fällen ein, auf Grund welchen Zusammenhanges auch immer.

Und warum soll mein Fall nicht dazugehören? Es ist also nicht irrational, es einmal zu probieren, und derjenige, dem bisher nichts geholfen hat, wird um so geneigter sein, das zu tun. Der Allgemeinmediziner Ingfried Hobert schreibt 1997 in seinem „Handbuch der natürlichen Medizin“ über Heilsteine: „Die Heilkraft der Steine ist geeignet bei Befindungsstörungen und zur Unterstützung des spirituellen Wachstums. Sie ist auch sinnvoll als Begleittherapie, wenn die wahre Ursache der Erkrankung feststeht.“

Die Kraft der Edelsteine

Auch der Trendsetter der modernen Heilsteineuphorie war ein Buch: 1994 erschien im Methusalem Verlag „Das große Lexikon der Heilsteine, Düfte und Kräuter.“ Mit unglaublicher Ausführlichkeit und ohne billige Versprechungen wird hier über Erfahrungen mit der Heilwirkung von 240 Edelsteinen berichtet, eine Heilwirkung auf Körper und Seele. Michael Giengers „Die Steinheilkunde“ erschien 1995. Gute Bücher für wissenschaftlich orientierte Liebhaber und Steinsammler sind Dietrich Schelhas’ Nachschlagewerk „Die Vielfalt edler Steine“ und das im Klagenfurter Kaiser-Verlag erschienene „Große Buch der Mineralien und Edelsteine“, wobei besonders letzteres dem Anfänger viel Wissen und Spaß zu vermitteln vermag. Schließlich erschien 1996 die inzwischen leider vergriffene Übersetzung des englischen Steinbuches von Raymond J.L. Walters. Er verfolgt „Die Kraft der Edelsteine“ anhand historischer Fakten und Legenden über Jahrtausende zurück, wodurch ein ungemein vielseitiges Bild über die Edelsteine und ihre Beziehungen zum Menschen entsteht. Konfuzius und Marco Polo, Shakespeare und Heine werden zitiert, und es wird klar, dass neben der Huldigung, die man Edelsteinen immer entgegengebracht hat, auch stets deren Wirkungen auf Körper und Seele beachtet wurde.

Altes Wissen wiederbelebt

Das wiederbelebte Wissen über Edelsteine ist inzwischen für viele zum Anreiz geworden, eigene Erfahrungen mit Steinen und ihren Wirkungen, welcher Art sie auch immer seien, zu sammeln.

Hört man einmal herum, so ist man verblüfft, wie viele Freunde und Bekannte sich bereits mit Steinen befassen. Die Antworten lauten von „Ich trage meinen Monatsstein“ bis „Ich habe eine ganze Batterie Steinwasser zu Hause stehen.“ Im Zuge der Rückbesinnung auf natürliche Heilmethoden und Selbstheilungskräfte des eigenen Körpers ist das durchaus nachahmenswert und entspricht einer alten Einsicht: „Medicus curat, natura sanat“ – Der Arzt hilft, aber es heilt die Natur. Die Steine können die Natur vielleicht wirkungsvoll unterstützen. Aber niemand sollte ihretwegen die rechtzeitige ärztliche Diagnose und Behandlung schwerwiegender Krankheiten hinauszögern

Dagmar Braunschweig-Pauli

 

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Quelle: BALANCE 1/2004

 

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