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Hörverarbeitungsstörungen

und ihre Behandlung mit der Hörtherapie
von Prof. Dr. Tomatis
 

Nachdem wir im letzten Heft die großen Leistungen unserer Ohren dargestellt und einige Hörverarbeitungsstörungen beschrieben haben, wollen wir uns jetzt der Behandlung zuwenden.

Ursachen

Über Ursachen einer Hörverarbeitungsstörung ist man oft auf Vermutungen angewiesen, da zwischen dem Erkennen einer Hörverarbeitungsstörung und dem zugrunde liegenden Auslöseprozess oft viele Jahre liegen. Aber es gibt doch einige Situationen, die sich in den Krankengeschichten immer wiederfinden und die als Ursache in Frage kommen. – Das gilt z. B. für wiederholt durchgemachte Mittelohrentzündungen eines Kindes in der Zeit des Sprechenlernens oder für einen, während der Geburt aufgetretenen Sauerstoffmangel. Auch von Krankheiten der Mutter während der Schwangerschaft ist bekannt, dass sie das Ungeborene schädigen können.

Ebenso kommen Beeinträchtigungen des psychischen Wohlbefindens der Schwangeren als Ursache in Betracht. Stellen Sie sich eine Frau vor, die sich auf ihr Kind freut und dann die Nachricht vom Tode eines geliebten Menschen erhält. Sie wird traurig sein,  ihre freudige Erwartung dem Kind nicht mehr vermitteln können, und dieses wird selbstverständlich den „Mangel an Liebe“ wahrnehmen. Da die Erfahrung der Mutterliebe prägend für das Verhältnis eines Menschen zu seinen Mitmenschen ist, ist nachvollziehbar, dass ein solches Kind als mögliche Folge verschlossen sein wird und sich weigert zuzuhören. Natürlich geschieht diese Verweigerung nicht bewusst, und selbstverständlich kann nicht nur das Zuhören verweigert werden.

Prof. Dr. Tomatis

Alfred A. Tomatis, französischer HNO-Arzt und Linguistikprofessor, hat mit seinen Forschungen gezeigt, dass Hörverarbeitungsstörungen erfolgreich behandelt werden können. Ich will nicht die Forschungsgeschichte von Prof. Tomatis erzählen – dazu empfehle ich Ihnen sein Buch „Das Ohr und das Leben“ – aber, zum besseren Verständnis seiner Hörtherapie, einige wichtige Ergebnisse seiner Forschungen vorstellen:

Heute ist allgemein bekannt, dass ein Kind bereits im Mutterleib hört. Doch als Tomatis dies in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts ausgesprochen hatte, stieß das damals bei den meisten Ärzten auf Unverständnis und Widerspruch.

Seine These, dass das Kind im Mutterleib vornehmlich die Stimme der Mutter hört, und davon nur die hohen Frequenzen über ca. 4 000 Hertz, wird von vielen Medizinern noch heute verneint. Das ist insofern verständlich, als man nicht erklären kann, wie diese hohen Frequenzen an das Ohr des Fetus gelangen (was aber nicht beweist, dass Tomatis unrecht hat). Messungen haben ergeben, dass die weiblichen Beckenknochen wie ein Resonanzkörper wirken und die Stimmen der Frau um den Faktor 2,5 verstärken.

Das Lauschen des Fetus auf die Mutterstimme ist für den Wunsch zu kommunizieren und für die spätere Entwicklung der Sprache äußerst wichtig.

Ausgehend von diesen Erkenntnissen hat Tomatis seine Hörtherapie entwickelt. Deren Prinzip ist, das Hörenlernen von Anfang an zu wiederholen und so die fehlerhafte Hörverarbeitung zu korrigieren. Damit gelingt es, den Wunsch zu kommunizieren (neu) zu wecken und den Hör- und Gleichgewichtssinn störungsfrei zu integrieren. Das Kind erlangt die Kontrolle über sein Hören, kann richtig sprechen lernen, lernt zu kommunizieren, hat die Möglichkeit, Schulen erfolgreich zu besuchen, und und und... Kurz, seine Chancen für sein Leben in und mit der Gesellschaft werden größer.

Die Bedeutung der Mutterstimme während der Schwangerschaft ist wichtig. Doch sollte dies nicht den Gedanken aufkommen lassen, an den Störungen des Kindes sei immer die Mutter schuld! Um es ganz klar und unmissverständlich auszudrücken: Es geht hier nicht um Schuld! Es geht einzig und allein um die Frage, wie man den Betroffenen helfen kann! Eltern kranker Kinder machen sich schon genug Sorgen und oft auch Selbstvorwürfe, so dass Schuldzuweisungen absolut fehl am Platz sind.

Die „Tomatis-Gesetze“

Auch die drei „Tomatis-Gesetze“ wurden anfangs belacht und abgelehnt, aber in einer Arbeit der „Academie Nationale de Medecine“ im Jahre 1957 wissenschaftlich bestätigt:

1. In der Stimme eines Menschen erscheinen nur die Obertöne, die das Ohr hört

2. Gibt man dem Ohr die Möglichkeit, unzureichend wahrgenommene Frequenzen wieder zu hören, erscheinen diese umgehend und unbewusst wieder in der Stimme

3. Über bestimmte Zeit wiederholte akustische Stimulation führt zur endgültigen (dauerhaften) Veränderung des Gehörs und folglich auch der Stimme

Für wen kommt die Tomatis-Therapie in Frage

  • Kinder mit Entwicklungsstörungen oder -verzögerungen. Dabei sind häufig die Motorik und die Sprache betroffen
  • Frühgeborene. Bei einem Frühgeborenen ist die Zeit der Hörerfahrung im Mutterleib verkürzt, was eine mögliche (wahrscheinliche?) Ursache für eine Hörverarbeitungsstörung darstellt. Interessant: Frühchen im Brutkasten entwickeln sich deutlich besser, wenn man ihnen hochfiltrierte Mutterstimme vorspielt
  • Schulschwierigkeiten, z.B. Lese- Rechtschreibschwäche, Probleme mit Mathematik
  • Konzentrationsstörungen
  • Hyperkinetischem Syndrom, Überaktivität
  • Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS)

  • Viele Störungen der Haltung, der Beweglichkeit
  • Verhaltensstörungen, die ja oft Folge von Kommunikationsstörungen sind, die ihrerseits häufig auf Hörstörungen beruhen
  • Einige Formen von Autismus
  • Schüchternheit, Hemmungen, Ängstlichkeit, Aggressionen, soweit sie Folgen gestörter Kommunikation sind
  • Stottern. Eine Hörtherapie bei Stottern ist schwierig. Sie gelingt umso besser, je jünger der Patient ist
  • Auch bei Störungen, die im späteren Leben erworben wurden, kann die Tomatis-Therapie viel bewirken, z. B. bei
  • Schlaganfall
  • Schädel- Hirn- Verletzungen

In beiden Fällen sind unter anderem Störungen des Hörens, der Sprache und der Motorik therapierbar

  • Tinnitus (Ohrgeräusche) – In manchen Fällen hilft eine Hörtherapie überraschend schnell und vollständig, in anderen wird nur eine mehr oder weniger große Linderung erreicht
  • Meniere Krankheit (Schwindelkrankheit)
  • Weitere Anwendungsgebiete für eine Tomatis-Therapie:

  • Erlernen von Fremdsprachen. Jede Sprache hat ihr eigenes, bevorzugtes Frequenzspektrum. Die Tomatis-Therapie hilft, sich auf die neue Sprache einzustimmen, was ihr Erlernen deutlich erleichtert (Das Lernen von Grammatik und Vokabeln wird dadurch allerdings nicht überflüssig!)
  • Stimmtraining für Sänger und Redner

Die vorstehende Aufzählung mag zu der Auffassung verführen, die Tomatis-Therapie sei ein Tausendsassa oder – wie die Bayern das nennen –  eine eierlegende Wollmilchsau. Das ist sie bestimmt nicht! Die Hörtherapie nach Prof. Tomatis wirkt auf das „Hör-Ohr“, auf das „Gleichgewichts-Ohr“, und auf das dazugehörige Nervensystem. Alle angeführten Störungen lassen sich auf Fehlfunktionen des Ohres oder der damit zusammenhängenden Nerventätigkeit erklären.

Also: Eine Hörtherapie ist weder ein Wunder-, noch ein Allheilmittel, aber in vielen Fällen kann sie den betroffenen Menschen ein bedeutendes Stück weiterhelfen.

Zwei Beispiele mit besonders guten Behandlungsergebnissen möchte ich Ihnen vorstellen.

Fall A.: Bei einem Jungen kam es durch einen Geburtsstillstand zu einem erheblichen Sauerstoffmangel. Die Entwicklung des Kindes war stark beeinträchtigt und verzögert, so dass es mit neun Jahren noch nicht in der Lage war, einfache Sachen verständlich auszusprechen. Nicht einmal die Eltern verstanden immer, was der Junge sagen wollte. Natürlich versuchten die Eltern jede Behandlungsform, von der sie erfuhren. Leider ohne großen Erfolg. Dann erfuhren sie von der Tomatis-Therapie. Zugegeben, Professor oder Nobelpreisträger ist der Junge nicht geworden, aber er hat es zu einem eigenen Taxiunternehmen gebracht.

Fall B.: Ein Mann erlitt bei einem Verkehrsunfall schwere Gehirnverletzungen. Nach längerem Intensivstationsaufenthalt und diversen Anschlussheilbehandlungen, Kuren und vielen ambulanten Therapien blieb unter anderem eine Sprachstörung zurück. Er konnte immer nur ein einzelnes Wort aussprechen. Auch noch 17 Jahre nach dem Unfall. Dann begann er eine Hörtherapie nach Tomatis, und 2 Jahre später hielt er einen Vortrag.

Natürlich darf man solche Beispiele nicht verallgemeinern, aber sie zeigen, welche Erfolge möglich sind.

Praxis der Hörtherapie nach Tomatis

Vor jeder Therapie steht ein „Psychologischer Hörtest“. Dieser liefert ein Bild der Fähigkeiten des Patienten und ist ein wichtiger Faktor für die Entscheidung, ob eine Hörtherapie nach Tomatis in Frage kommt und, wenn ja, wie sie begonnen werden soll. – Solch ein Hörtest wird während der Therapie regelmäßig wiederholt; er informiert über den Erfolg der bisherigen Behandlung und über die weitere Form der Therapie.

Was der Patient über einen, speziell für diese Therapie entwickelten Kopfhörer zu hören bekommt, richtet sich nach seiner Krankengeschichte und dem Ergebnis seines Hörtests.

Zur Behandlung werden benutzt:

  • Die Stimme der Mutter
  • Musik von Mozart
  • Gregorianische Choräle, alternativ dazu, Liturgische Musik, Messen etc.

Leider reicht das Hören von Mozartmusik oder Gregorianik nicht aus, um eine Hörverarbeitungsstörung zu behandeln. Notwendig ist ein elektronisches Gerät, das die Mutterstimme oder die Musik so verändert, dass ein „neu Hörenlernen“ möglich wird.

Die Behandlung erfolgt in Höreinheiten zu je einer halben Stunde. Begonnen wird mit einer Vorbereitungsphase, in der der Patient die Musik ungefiltert zu hören bekommt (ungefiltert heißt, es werden keine Frequenzanteile herausgefiltert. Immer jedoch werden Mozartmusik, Gregorianik und auch die Mutterstimme durch die Elektronik verändert). Anschließend (Phase 2) wird mit dem Filtern begonnen. Zuerst werden alle Frequenzen unter 1000 Hertz herausgefiltert, dann alle unter 2000 Hz und so weiter, bis zu der gewünschten Filterstufe. Dann wird (Phase 3) die Musik durch die Mutterstimme ersetzt (soweit vorhanden und therapeutisch sinnvoll), d. h. jetzt wird das Hörenlernen im Mutterleib wiederholt. In Analogie zur Geburt spricht man von der „akustischen Geburt“, wenn in der nächsten (der vierten) Phase die Filterung stufenweise zurückgenommen wird. Wurden z. B. in Phase 3 von der Mutterstimme alle Frequenzen unter 8000 Hz entfernt, werden schrittweise alle unter 6000 Hz, dann unter 4000 Hz, 3000 Hz, 2000 Hz usf. entfernt, bis zuletzt die ungefilterte Version gehört wird. Nach der Geburt hört der Mensch nicht mehr nur die hochfrequenten Anteile der Mutterstimme, sondern alle Frequenzen. Alle Phasen bis zum Ende der akustischen Geburt zählen zum passiven Teil der Therapie, in denen der Patient nur (passiv) hört (im Mutterleib spricht ein Kind nicht). Nun folgt der aktive Teil. Jetzt kommen Höreinheiten hinzu, in denen der Patient aktiv werden muss. Je nach Lebensalter und Therapieerfordernis singt er Lieder oder Vokalisen nach,  spricht Silben oder Wörter nach, oder er liest laut aus einem Buch. Immer wird dabei seine Stimme von einem Mikrofon aufgenommen, im elektronischen Gerät verändert und über den Kopfhörer dem Patienten zurückgeschickt. Über den Höreindruck wird die eigene Stimme kontrolliert und korrigiert (entsprechend der drei Tomatis-Gesetze).

Therapie-Dauer

Das Prinzip der Hörtherapie nach Tomatis besteht darin, das Hörenlernen erneut zu durchlaufen. Wenn wir berücksichtigen, wie lange es dauert, bis ein Kind sprechen kann, dann werden wir verstehen, dass eine Hörtherapie nicht mit einer handvoll Höreinheiten möglich ist. Die Dauer der einzelnen Phasen wie auch der gesamten Behandlung ist abhängig von der Individualität des Patienten, vom Ausmaß der Funktionsstörung und von der Dauer ihres Bestehens.

Wichtig ist die Diagnostik vor Beginn einer Therapie. Eine Sprachstörung, die durch eine Störung der Sprechmuskulatur bedingt ist, wird sich durch eine Hörtherapie nach Prof. Tomatis ebensowenig bessern, wie eine Schwerhörigkeit, die ihre Ursache in einer Zerstörung von Strukturen des Innenohres hat. Keine Therapie kann ein zerstörtes Innenohr heilen, auch keine Hörtherapie. Sprachstörungen, die nicht auf Hörverarbeitungsstörungen beruhen, sind mit anderen Therapien besser und gezielter zu behandeln. – Wenn bisweilen Schwerhörige von einer Besserung ihres Hörens durch eine Hörtherapie nach Prof. Tomatis berichten, heißt das nicht, dass das zerstörte Innenohr wieder funktioniert, sondern dass die Informationen, die das Ohr noch an das Gehirn liefert, besser verarbeitet werden können.

Nirgendwo in der Medizin gibt es eine Therapie, die in 100% der Fälle erfolgreich ist. Auch bei der Hörtherapie nach Tomatis gibt es keine Erfolgsgarantie. Bei der Behandlung von Kindern muss man in 10 bis 15 % der Fälle mit einem nicht befriedigenden Behandlungsergebnis rechnen. Bei ca. 70% ist das Ergebnis gut, bei 15-20% sehr gut.

Ich danke Ihnen für Ihr Interesse. Sollten Sie Fragen haben oder weitere Informationen wünschen, sind Sie herzlich eingeladen, sich über den Verlag an mich zu wenden.

Dr. med. Wolfram Linn

 

Quelle: BALANCE 4/2004

 

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