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Beziehungskrisen als Heilungschancen

Warum Trennung keine Lösung ist

„Liebe dich selbst und es ist egal, wen du heiratest“ lautet der provokante Titel, des gerade erschienen Buches von Eva-Maria Zurhorst. Seine mutige These „Die meisten Scheidungen sind überflüssig!“ scheint den Nerv der Zeit getroffen zu haben: Nur zwei Monate nach Erscheinen geht das bewegende Buch bereits in die dritte Auflage.

Für die ehemalige Journalistin ist das nicht einfach nur ein Erfolg als Autorin. Ihr eigener Weg in eine erfüllende Ehe war alles andere als leicht. „Mein Mann und ich schienen wahrlich nicht zum Traumpaar geschaffen." Mutig und offen erzählt Eva-Maria Zurhorst, die heute in Wuppertal als Beziehungscoach arbeitet, wie die beiden es trotzdem schafften, die Liebe zu retten.

Ihre eigene Geschichte ist Anschauungsbeispiel für den Weg aus der Ehekrise und Mutmacher zugleich. Wohl kaum eine Beziehungsalltagssackgasse, die sie nicht in ihrer leichten, bildreichen Sprache beschreibt. Kaum eine, in der man sich selbst nicht wieder finden könnte. Nach zehn Jahren Ehe ist sie überzeugt, dass sich alles um 180 Grad drehen und zwei Menschen wieder zusammenfinden können.

„Es gab wenig Klippen, von denen mein Mann und ich nicht verzweifelt heruntergeschaut haben", sagt die 42-Jährige. Nach einer Zeit der Stille kamen die beiden wieder ins Gespräch miteinander. Ehrlich und unverblümt setzten sie sich damit auseinander, was sich beide wirklich vom anderen wünschen und wie es zu Enttäuschungen gekommen war. Ein hartes Stück Arbeit, das beiden viel Verständnis abverlangte, aber auch zu wohltuenden Einsichten führte.

 „Liebe dich selbst", wurde dabei zu Eva-Maria Zurhorsts Credo für eine erfüllte Partnerschaft. Eine Erkenntnis, die sie heute in ihrer Praxis auch ihren Klienten vermittelt. Bei sich selbst anzufangen, Verantwortung für das eigene Wohlbefinden zu übernehmen: Das bedeutet diese Selbstliebe. Nachdem sie reichlich Einblick in den Rosenkrieg vieler Paare hatte, räumt sie gründlich auf mit der Erwartung, beim nächsten Partner werde alles anders. Partnerschaft ist für sie ein ebenso anspruchsvoller wie lohnender Entwicklungsweg und ein Ort tiefer persönlicher Heilung.

Eine tiefe Beziehung und Liebe sind auch dort möglich, wo die Hoffnung vielleicht schon aufgegeben wurde. Das folgende Interview ist genau wie ihr Buch eine Liebeserklärung an die Ehe. Entgegen aller gesellschaftlicher Trends hält es ein leidenschaftliches Plädoyer für das Abenteuer Beziehung.

Frau Zurhorst, alle Welt lässt sich scheiden – seit Anfang der 90er Jahre mit kontinuierlich steigender Tendenz. Mittlerweile endet hierzulande jede dritte Ehe vor dem Scheidungsrichter. In den Ballungsgebieten sogar jede zweite. Und jetzt schreiben sie eine Lobeshymne auf die Institution Ehe und preisen deren unerschöpfliche Möglichkeiten für alle die, die durchhalten und bei ihrem Partner bleiben.

Mein Buch soll kein Bis-dass-der Tod-euch-scheidet-Manifest sein. Ich plädiere hier nicht für Zusammenbleiben und Durchhalten um jeden Preis. Wenn ich wirke wie eine PR-Managerin für die gute alte Ehe, dann nur, weil es mir um Lebendigkeit, Spaß und Leidenschaft geht. Ich will zeigen, dass die Ehe weitaus mehr ist, als der Raum für eine kurze Romanze und ein anschließendes Tal der Langeweile. Ich behaupte zwar nicht, dass es leichter ist, zusammen zu bleiben als sich zu trennen – aber es ist auf Dauer erfüllender. Nirgendwo bietet uns das Leben so viele Wachstums- und Entwicklungsmöglichkeiten, wie in einer intimen, langfristigen Beziehung. Wenn zwei sich einander wahrhaft verpflichten, dann kann das spannender und leidenschaftlicher werden als jede Affäre.

„Liebe Dich selbst, und es ist egal, wen du heiratest“. Das meinen Sie doch nicht ernst, dass wir einfach irgend jemanden x-beliebigen heiraten und mit ihm glücklich werden könnten?

Mit meiner These möchte ich natürlich auch provozieren. Aber wer sie in seiner tieferen Aussage versteht, den kann sie von dem Beziehungs-Irrglauben schlechthin befreien: Nämlich dass Schuld an allem Elend nur der falschen Partner hätte. Dass wir eben einfach nur den Richtigen bräuchten zum Glück. Wenn eine Ehe zäh, ausgezehrt oder gar hoffnungslos scheint, dann sagt sie demjenigen, der es in ihr nicht mehr aushält, vor allen Dingen etwas über das, was er zu wenig in sie hinein gibt. Wenn sie eine Scheidung vermeiden wollen, dann hören sie auf, über ihren Partner zu stöhnen und zu jammern, sondern beschäftigen sie sich ab sofort mit sich selbst.

Der Partner nicht als Übel sondern als Spiegel?

Ja, so ungefähr. Ihr Partner wird schon seinen Teil zum Elend beigetragen haben. Aber was ich meine: Ihr Partner ist genauso wie der Zustand ihrer Partnerschaft vor allem ein Spiegel für ihren eigenen Zustand. Aus meiner Praxis kenne ich genügend Menschen, die sich schon mehrmals getrennt und mit ihren neuen Partnern doch wieder die gleichen Schwierigkeiten erlebt haben. In diesem Sinne ist es egal, wen sie heiraten. Aus diesem Grunde können sie meiner Erfahrung nach auch ruhig bei dem Partner bleiben, bei dem sie gerade sind – egal wie unangenehm es ihnen dort erscheint. Gerade da, wo es sich besonders festgefahren, kalt, wutgeladen, hasserfüllt oder abstoßend anfühlt, gibt es eine Menge zu tun – und zwar an ihnen selbst. So behaupte ich, dass die meisten Scheidungen überflüssig sind, dass Trennung keine Lösung ist, sondern in den meisten Fällen das Problem nur vertagt.

Hört sich nicht gerade nach romantischem Märchen an...

Ich bin daran gewöhnt, dass meine These am Anfang alle möglichen Widerstände hervorruft. Zumal wir alle von den Gebrüdern Grimm und ihren Nachfolgern in Hollywood die Geschichte mit dem Prinzen und der Prinzessin, die, wenn sie nicht gestorben sind, noch heute glücklich und zufrieden leben, gelernt haben. Meistens enden die Märchenbücher am Tag der Hochzeit. Mein Buch fängt am Tag danach an.

Und was passiert am Tag danach?

Sie sollten sich einfach die Ausführlichkeit meines Buches gönnen, um zu verstehen, wie manchmal aufregend, manchmal zu Tränen rührend und manchmal göttlich befreiend die tiefe Begegnung mit Ihnen selbst ist. Mit all meiner Leidenschaft und meiner eigenen Krisenerfahrung beschreibe ich, welche wundersame Wandlung jede Partnerschaft durchlaufen und wieviel neue Lebendigkeit und Verbindung entstehen kann, selbst wenn auch nur einer von beiden sich auf diesen Weg begibt.

Sie scheinen in doppeltem Sinne krisenerfahren zu sein...

Ich habe viel gelernt – von meinen Lehrern nicht mehr als von meinen Klienten. Aber die größte Lernaufgabe war meine eigene Beziehung: Mein Mann und ich, wir waren vom ersten Tag an nicht verdächtig, ein Traumpaar zu sein. Es gab Zeiten in unserer Ehe, da hätte niemand darauf gewettet, dass wir das nächste Jahr gemeinsam überstehen. Und heute kann ich mir nichts besseres vorstellen, als mit meinem Mann verheiratet zu sein. Meine wahre Überzeugungskraft für diese Arbeit ziehe ich nicht aus meinem therapeutischen Wissen sondern aus der Wandlung meiner eigenen Ehe. Ich weiß, dass es geht... Ich weiß, dass sich alles um 180 Grad drehen und zwei Menschen wieder zusammenfinden können, weil es wenig Klippen gibt, von denen mein Mann und ich nicht verzweifelt herunter geschaut haben. Aber heute treffen wir uns häufig oben auf dem Gipfel.

Und wenn sie nicht gestorben sind...

Wir sind beide unendlich dankbar für unsere Ehe, aber wir sind immer noch kein ideales Paar. Ich bin sowenig eine Prinzessin wie mein Mann ein Prinz ist. Bei uns schlagen immer wieder die Wellen hoch. Wir haben nur mittlerweile gelernt, dass wir uns besser nicht gegen sie stellen, sondern mit ihnen gehen und von ihnen lernen. Ich glaube, wir wissen jetzt einfach besser, worum es eigentlich geht in einer Ehe. Ich glaube, unsere Verbindung ist nach zehn Jahren Hadern, Zaudern, Suchen, Kämpfen mittlerweile so außergewöhnlich erfüllt und nah, weil wir in ihr das wahre Wesen der Liebe entdeckt haben.

Was ist das wahre Wesen der Liebe?

Jeder von uns hat jeden Tag auf´s Neue die Wahl: Wir können uns entscheiden, bis zum Sankt Nimmerleinstag vergeblich auf der Suche nach Mr. oder Mrs. Perfekt umher zu irren. Oder wir können uns entscheiden, den anderen hier direkt vor unserer Nase zu lieben – und dass, obwohl wir wissen, dass wir es mit einem überaus durchschnittlichen, fehlerhaften Wesen zu tun haben. Das faszinierende daran ist: Je öfter sie sich dafür entscheiden, den anderen zu lieben, desto liebenswerter und einzigartiger wird er. Robert Redford sagt im Pferdeflüsterer: „Ich liebte sie nicht, weil wir zueinander passten. Ich liebte sie einfach.“

Was ist ihr wichtigster Rat?

 

Bleiben sie bei sich, lernen sie Geduld und vertrauen sie auf Führung. Dazu möchte ich die allerletzten Zeilen meines Buches zitieren: „All die Liebe, die in uns verschüttet ist, wiederzuentdecken und zu befreien, ist in dieser verwirrten, unwissenden Zeit nicht leicht. Aber wenn sie wirklich Mut und Ehrlichkeit aufbringen und wenn sie von ganzem Herzen einen anderen Weg voller Erfüllung und Liebe ersehen, dann werden sie vom Leben auf diesem Weg sicher geführt werden. Aber schauen sie wachsam darauf, von wo tatsächlich Antworten auf ihre innersten Fragen kommen. Vertrauen sie auf das, was hilft und heilt und nicht auf das, was von anderen als hilfreich und heilsam anerkannt wird. Wenn er uns begegnet, sieht Gott selten aus wie der weise Mann mit dem grauen Bart. Und wenn die Liebe uns begegnet, trägt sie selten Flügel.

In welcher Form und Gestalt uns auch immer die Hilfe auf unserem Weg erscheint – wir müssen uns entscheiden, sie anzunehmen. Am Ende sind immer wir selbst gefordert, unseren Frieden zu finden mit der Welt, so wie sie ist. Am Ende geht es eben auch nicht darum, die passenden Partner zu finden - am Ende geht es darum, unser Leben für uns zurückzuerobern. Niemand anderes kann dies für uns tun. Aber wenn wir darum bitten, können uns alle Kräfte zwischen Himmel und Erde bei dieser größten unserer Aufgaben unterstützen.“

Weitere Informationen erhalten Sie direkt bei der Autorin:

Eva-Maria Zurhorst

Goebenstraße 16

42115 Wuppertal

Tel. 0202-747 10 92

www.liebedichselbst.de

Das Buch "Liebe dich selbst" von Eva-Maria Zurhorst, bei AMAZON

Quelle: BALANCE 01/2005

 

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