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Traumatherapie zur
Auflösung von
Zahnarztängsten
Es war Dienstagmorgen 11.20 Uhr und ich hörte von meinem
Zahnarzt, was ich schon befürchtet hatte: der Eckzahn sei nur noch durch eine
Wurzelspitzenresektion (operatives Entfernen der Wurzelspitze) zu retten. Ein
mulmiges Gefühl überkam mich und viele Erinnerungen an wenig erfreuliche
Erlebnisse auf dem Zahnarzt- und Kieferchirurgenstuhl wurden wieder wach. Aber
es gab keinen anderen Weg, meine Zahnschmerzen los zu werden, und so wurde zwei
Tage später ein Operationstermin beim Kieferchirurgen vereinbart.
Für den Nachmittag desselben Tages stand „zufällig“ eine
SE-Sitzung an. Die SE- (Somatic Experiencing)-Trauma-Therapie nach Levine ist
eine von dem Amerikaner Dr. Peter Levine entwickelte Therapie zur Behandlung
posttraumatischer Belastungsstörungen – ein neurobiologischer Ansatz, der aus
der Beobachtung an wild lebenden Tieren entstanden ist. Dieser neue und in
Europa noch wenig bekannte Therapieansatz hat sich als sehr erfolgreich bei der
Behandlung von Symptomen, wie sie nach Unfällen, Operationen, Verletzungen oder
Erfahrungen von Gewalt auftreten können (Ängste, Panikattacken, Rückblenden,
vegetative Störungen, Schlafstörungen), erwiesen.
Man arbeitet in dieser Therapie nicht direkt mit dem
traumatischen Ereignis, sondern nähert sich vorsichtig den Randschichten der
traumatischen Erinnerungen und pendelt immer wieder zu stärkenden Ressourcen
(Kraftquellen, angenehme Vorstellungen etc.).
Großer Wert wird dabei auf die bewusste Wahrnehmung
körperlicher Reaktionen gelegt. Spannungen im Nervensystem, die sich während
eines traumatisches Ereignisses aufgebaut haben, können sich während der
Behandlung in kleinen Schritten lösen und die auftretenden Symptome vermindert
werden. Was die Methode sehr sanft und angenehm macht ist die Tatsache, dass ein
nochmaliges Durchleben des traumatischen Ereignisses nicht notwendig ist.
Dass ich für diesen Nachmittag eine SE-Sitzung vereinbart
hatte, erwies sich als Glück „im Unglück“, denn ich hatte dadurch die
Gelegenheit, die anstehende Operation prohylaktisch „durchzuspielen“.
Während ich im Korbsessel saß, ging ich Schritt für Schritt
den mir so gut bekannten Verlauf der Behandlung beim Zahnarzt bzw.
Kieferchirurgen durch. Vom Platz nehmen auf dem Behandlungsstuhl, der ersten
Begegnung mit dem Arzt, Abwägen des Vertrauens zu Arzt und Helferin.
Die ersten Ängste und damit verbundenen körperlichen
Reaktionen entstanden. Doch parallel dazu machte ich mir hilfreiche Ressourcen
bewusst und beobachtete ihre Wirkung auf meine Angstreaktionen.
Interessante Bewegungsimpulse tauchten auf: Eine
Abwehrbewegung meines linken Arms gegen die Instrumente des Arztes. Der Impuls
wegzulaufen. Ein wichtiger Hinweis der SE-Therapeutin war: „Du kannst stopp
sagen, darauf achten, das es dir nicht zu schnell geht in der Behandlung.“
Schon meine Lage auf dem Behandlungsstuhl war ein wichtiger
Aspekt, denn je horizontaler sie war, desto mehr fühlte ich mich hilflos und
ausgeliefert (biologisch betrachtet werden Flucht oder Kampf in Rückenlage fast
unmöglich). Eine auditive Ressource, die sich zwei Tage später als äußerst
hilfreich erwies, war die Vorstellung vom Brandungsgeräusch des Meeres. Mit dem
lauten Brausen des Meeres, wenn auch nur in meiner Vorstellung, konnte ich das
ekelhafte Geräusch des Bohrers dämpfen und so meine Stressreaktionen mildern.
Hilfreich war ebenfalls, dass ich mir die Behandlung bis
zum Ende und darüber hinaus vorstellte. Viele „Entladungen“ in meinem
Nervensystem konnte ich beobachten. Ein leichtes Zittern und/oder Anspannung in
bestimmten Muskeln und dann den erschöpften aber angenehmen Zustand von: „Ich
hab´s hinter mir“. Spürbare Entspannung im Körper, besonders in der Nacken- und
Rückenmuskulatur (eine Streckung im Nacken und leichte Kopfbewegungen
signalisieren in der SE-Methode das Wiederkehren von Orientierungsreaktionen –
ein Tier schaut sich nach überstandenem Angriff vorsichtig nach allen Seiten
um).
Zwei Tage später dann konnte ich meine theoretischen
Erfahrungen in die Praxis umsetzen. Schon auf der Fahrt zum Kieferchirurgen war
ich wesentlich ruhiger, als ich es sonst vor Eingriffen dieser Art war. Da war
ich oft so verwirrt, dass ich mich verfuhr und erst in letzter Minute abgehetzt
in der Praxis ankam. Diesmal kam ich pünktlich und ruhig an.
Nach der Anmeldung wurde ich ins Behandlungszimmer geführt
und nahm auf dem Behandlungsstuhl Platz. Die erste Begegnung mit Arzt und
Helferin verlief positiv. Deren Kontakt war freundlich, und der fachlich
kompetente Arzt erklärte mir genau, was er machen würde.
Dann kam der erste Angst auslösende Moment für mich, das
Setzen der Betäubungsspritze. Ich habe keine Angst vor Spritzen, wenn es um
Blutabnehmen oder Injektionen geht, aber bei Zahnarztbetäubungsspritzen habe ich
die Erfahrung gemacht, dass ich, besonders wenn mehrmals gespritzt wird, in
Panik gerate. Lange hielt ich diese Unruhe im Körper und die panische Angst für
eine rein emotionale Reaktion, bis ich erfuhr, dass sich in der Spritze neben
dem Betäubungsmittel auch noch Adrenalin befindet. D.h. der Körper wird auf
chemisch-hormonellem Weg in Kampf- oder Fluchtbereitschaft versetzt, ohne
Möglichkeiten zum Ausagieren zu haben.
Als ich die Unruhe im Körper spürte, die nach dem Setzen
der Spritze entstand, stand ich vom Behandlungsstuhl auf und ging einige
Schritte im Raum hin und her. Zum Glück war niemand im Zimmer, weil ich mir
dabei etwas komisch vorkam, aber es half! Das Kribbeln in den Beinen und die
damit verbundene Angst ließen nach.
Während der anschließenden Operation half es mir, mich
immer wieder an meine Ressourcen zu erinnern. Die Hände auf meinen Bauch zu
legen, mich in kleinen Behandlungspausen so gut wie möglich bei jedem Ausatmen
zu entspannen und mir das Brausen des Meeres als Gegengeräusch zum Bohrer
vorzustellen. Es ging schneller vorbei, als ich erwartet hatte, und ich freute
mich, als ich vom Behandlungsstuhl aufstehen und mit einer kalten Kompresse auf
der Backe die Praxis verlassen durfte.
Die für mich spürbaren positiven Effekte der SE-Prophylaxe
waren:
- Ich fühlte mich
direkt nach der OP wacher und fitter als sonst und hatte weniger akute
Nachwirkungen wie Benommenheit, Verwirrtheit, motorische Unruhe, Zittern oder
Unsicherheit und
- erholte mich in
den Tagen nach der OP sehr schnell, hatte keine Alpträume (wie sonst häufig),
keine depressiven Verstimmungen und weniger Muskelverkrampfungen (bes. Nacken-
und Rückenmuskulatur)
- Aus der oben beschriebenen eigenen Erfahrung kann ich die
prophylaktische Anwendung von SE vor Zahnarztbehandlungen oder Operationen sehr
empfehlen, besonders für Menschen mit stärker werdenden Angst- und
Stressreaktionen
SE scheint das
Auftreten von traumatischen Stresssymptomen, wie sie oft unvermeidlich bei
solchen Behandlungen entstehen, deutlich zu verringern.
Bei dem oben
beschriebenen Ereignis handelte es sich um eine Verknüpfung von akutem Stress
und Erinnerungen an ähnliche traumatische Ereignisse, die in der Vergangenheit
erlebt wurden. Hier konnte die SE-Methode vermutlich alten im Körper
gespeicherten Stress abbauen und somit verhindern, dass kleine Trigger
(Auslöser) wie eine Spritze oder Bohrgeräusche zu neuen starken
Stressreaktionen führten.
Vigyano Bert Schulte
Vigyano Bert Schulte ist Heilpraktiker und arbeitet in
seiner Praxis in Düsseldorf mit Trauma Therapie nach Levine und anderen
körperorientierten Heilverfahren.
www.bert-schulte.de
e-Mail: bertschulte@web.de
Quelle: BALANCE 2/2005
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