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Reiki:
weniger ist oft mehr
Ich schreibe diesen Artikel noch ganz unter dem Eindruck
meines letzten „Ausflugs“ in die große und vielfältige Welt des REIKI (sprich:
Ree Kii).
Für alle, die bisher noch nicht über das nahezu
unübersehbare REIKI-Angebot auf dem Esoterik-Markt gestolpert sind: REIKI ist
eine natürliche Heilmethode aus Japan, die von einem Mann namens Mikao Usui im
Jahre 1922 begründet wurde und die sich nach seinem Tod im Jahre 1926 zunächst
schleichend, dann aber explosionsartig über den ganzen Erdball verbreitete.
REIKI fällt unter die Rubrik „Energiearbeit“ und geschieht im Wesentlichen durch
das Auflegen der Hände bei anderen oder einem selbst. Dabei soll REIKI, die
„universelle Energie“ (REI = Universum/universell, KI = Energie) die
Selbstheilungszentren im Körper aktivieren und auf allen Ebenen (körperlich,
seelisch, spirituell) Heilung, Harmonisierung und Wachstum unterstützen.
Als ich 1998 meine Einweihung in den ersten Grad erhielt,
glaubte ich noch, REIKI sei tatsächlich „universell“ und da, wo REIKI
draufsteht, auch ein und dasselbe drin ist. Erklärend hinzuzufügen, dass es
insgesamt drei, nein vier oder doch acht Grade gibt, lohnt sich nicht, weil
mittlerweile garantiert schon irgendein weiteres System mit neun oder zehn
Graden und verschiedenen Untergruppen existiert. Ja, das klingt zynisch und das
soll es auch!
Gehen Sie einmal ins Internet und geben das Suchwort „Reiki“
ein. Alleine eine bekannte deutsche Suchmaschine findet 7.910.000 Einträge!!!
Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt: Zen-Reiki, Schamanisches Reiki,
Intuitives Reiki, Radiance Technik, Usui-Reiki, Authentisches Reiki,
Karuna-Reiki, Gendai Reiki-ho, Reiki-Do, Rainbow-Reiki, Blue Star Reiki, Jinlap
Maitri Reiki, Lightarian System, Men Chho Reiki, Raku Kei Reiki, Tera Mai, Usui
Tibetian Reiki, Seichem Reiki, Reiki Grade 1-3 (3 a und 3b versteht sich), Reiki
Grade 1-4, Reiki-Großmeistergrade 5-9…
Bevor ein anderer Eindruck entsteht: ich habe durchaus ein
„energetisches Weltbild“ und empfinde mich als einen Teil des Universums und das
Universum als einen Teil von mir. Energie ist allgegenwärtig und überall:
elektrische Nervenimpulse im menschlichen Körper? Energie! Elektrizität, Funk
und Mikrowellen? Energie! Wir alle sind Teil einer riesigen Molekülsuppe mit
unterschiedlicher Dichte, wir alle sind Energie. Auch habe ich nichts gegen
Veränderung oder gar Weiterentwicklung!
Also wurde ich später auch REIKI-Praktizierende des zweiten
Grades und noch viel später Meisterin und Lehrerin. Und ich bin es gerne. REIKI
begleitet mich im Alltag, bei meiner Arbeit und ist für mich eine Art Lebensweg
geworden.
Wenn da nicht ständig die lockende Versuchung der immer
weiterführenden und „noch intensiveren“, ja, der einzig wahren Methoden und
Grade wäre…..
Eine Bekannte sagte einmal zu mir: „Die wenigsten Leute
können sich damit abfinden, dass nach der Meister-Einweihung Schluss sein soll“.
Aber was ist denn dann das Ziel des REIKI-Weges? Das Erlangen der Meisterschaft?
Den eigenen Heilungsweg zu beschreiten? Etwa das Erlangen der Erleuchtung? Oder
die Jagd auf immer wieder den nächsten Grad?
Nirgends ist es so einfach, die (beurkundete) Meisterschaft
zu erlangen wie im REIKI-System von heute: es bedarf lediglich einer Einweihung
(meist im Rahmen eines Wochenendseminars) und der nötigen finanziellen Mittel.
Doch selbst der Meister-Grad ist mittlerweile für Normalsterbliche
erschwinglich. Waren es Anfang der 80er Jahre noch um die 16.000 DM, liegt der
günstigste Kurs für eine Meister-Einweihung heute bei etwa 400 Euro. Es ist
sogar möglich, alle Grade bis zur Meister- und Lehrerschaft an nur einem
Wochenende zu erlangen. Zumindest auf dem Papier. Ohne große Mühe oder eine
lange Lehr- und Entwicklungszeit.
Das Erschreckende dabei (mal abgesehen von der gnadenlosen
Kommerzialisierung einer ursprünglich sehr einfachen und spirituellen
Heilarbeit) ist der Verlust des Bezuges zu den Wurzeln des REIKI. Worum ging es
dabei überhaupt? Es geht darum, die heilende Energie an andere weiter zu geben,
um ihnen damit zu helfen. – Usui-Sensei hat einmal gesagt: „ Das Ziel des Lebens
ist es, das wahre Glück zu realisieren“. Aber natürlich ist Glück ein
individuell sehr dehnbarer Begriff …
Usui hatte 1922 schon ein bewegtes Leben hinter sich.
Geboren 1865 im Dorf Yago in der japanischen Provinz Gifu, besuchte er
vermutlich eine Tendai-Schule und kam dort erstmals mit der buddhistischen Lehre
in Berührung. Er heiratete und hatte eine Tochter und einen Sohn. Nachdem er
sich in verschiedenen Berufen versucht und auf mehreren Reisen nach Europa,
Amerika und China seinen Horizont und sein Wissen erweitert hatte, sprechen die
Quellen von einer „dramatischen Wende“ in seinem Leben. Leider sind hier keine
weiteren Hintergründe bekannt. Fest steht aber, dass Usui schon immer an
spirituellen Hintergründen interessiert war und sich auch mit Medizin,
Psychologie, Religionen und Esoterik beschäftigt hatte.
Warum er sich im Jahre 1922 schließlich entschloss, auf dem
Kurumara-Berg (nahe Kyoto) einige Zeit zu meditieren, ist unbekannt.
Möglicherweise nahm er an einem so genannten „Isyu Guo“ teil, einem 21-tägigen
Zyklus aus Meditation, Gesängen, Fasten und Gebeten.
Dort soll er dann in einer Meditation zur Erleuchtung
gelangt sein. Die Legende sagt, dass er – ganz unter dem Eindruck des
Erlebnisses – den Berg hinunter rannte und sich dabei am Fuß verletzte. Als er
sich herunter beugte um die Wunde zu betasten, verschwand diese unter seiner
Berührung.
Er stellte fest, dass er mit seinen Händen heilen konnte
und dass er nun etwas besaß, das er anderen Menschen geben und ihnen damit
helfen konnte. Die Energie, die er empfangen hatte, nannte er REIKI –
universelle Energie.
Im April 1922 gründete er in Tokyo die „Gesellschaft für
die Usui-Reiki-Heilmethode – Usui Reiki Ryoho Gakkai“, die auch nach seinem Tod
im Jahre 1926 weiterexistierte und heute unter ihrem nunmehr siebten
Präsidenten, Masashi Kondo, weitergeführt wird.
Ein ehemaliger Schüler von Usui – Dr. Chujiro Hayashi –
brachte REIKI schließlich auch in den Westen, nach Hawaii. Er weihte Hawayo
Takata, eine Hawaiianerin japanischer Abstammung in den Lehrergrad ein. Frau
Takata verstarb 1980 und hinterließ 22 REIKI-LehrerInnen.
Ihre Nichte, Phyllis Furumoto, gründete 1982 die „REIKI-Alliance“
und versuchte 1997 die Begriffe „Reiki“, „Usui System“ und „Usui Shiki Ryoho“
für ihr eigenes Unternehmen, der Furumoto Inc., und zusätzlich auf ihren eigenen
Namen zu schützen. Sie sieht sich als letzte direkte Nachfolgerin der
traditionellen Usui Energie-Linie und nennt sich Großmeisterin – ein Titel den
Usui nie benutzt hat! Ihr Ersuchen wurde abgelehnt.
Einige der 22 Schüler von Frau Takata gründeten ebenfalls
ihre eigenen REIKI-Zentren und eine eigene REIKI-Energie-Linie.
Der REIKI-Lehrer William Rand schätze 1991, dass es
weltweit etwa 200.000 REIKI-Lehrer und vermutlich über 1 Million REIKI-Praktiker
geben müsste. Ob diese Zahl den Tatsachen entsprach, weiß niemand, da es darüber
bis heute keinerlei Erhebungen oder eine Organisation gibt, bei der alle „Reikianer“
registriert sind. Dies wird vermutlich auch noch lange so bleiben, weil viele
der einzelnen REIKI-Lager nach wie vor zerstritten sind. Der Streit beginnt bei
der Frage der geschichtlichen Fakten, reicht über die Frage der Authentizität
und der Verfahrensweisen und endet beim Thema Geld.
Usui bezeichnete sich selber als Begründer der
REIKI-Methode, nicht etwa als ihr Wiederentdecker oder gar als Großmeister.
„Usui war sehr warmherzig, einfach und demütig“, heißt es
auf seinem Grabstein auf dem Saihoji-Friedhof in einem Vorort von Tokyo. „Obwohl
er ein großartiger Mensch war, hatte er viel Pech. Doch er gab nicht auf und
lernte ausdauernd weiter“.
Und beutet wahre Meisterschaft nicht, das Leben zu
meistern? Ist nicht das die Antwort auf die Frage, was die Essenz von Usuis
Heilmethode ist?
Anstatt mich darauf zu konzentrieren, bin ich oft dem
Streben nach immer mehr und noch Höherem erlegen. Mit welchem Ergebnis? Mit
einem verwirrenden Durcheinander und der Erkenntnis, dass ich das, wonach ich
strebte, längst schon hatte bevor ich auszog um danach zu suchen…
Simone Weber
Heilpraktikerin – REIKI-Lehrerin
Naturheilpraxis.simone.weber@web.de
Quelle: BALANCE 2/2005
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