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Die mentale Technik des Reframing

Wer den Rahmen beherrscht, bestimmt die Rahmenhandlung

Bekanntlich kann ein Bild, das man anschaut, je nach Rahmen völlig anders auf einen Betrachter wirken und sehr unterschiedliche Assoziationen auslösen. Ähnlich kann eine bestimmte Situation ganz verschiedenartig wahrgenommen und erlebt werden, sobald man einen neuen „Bezugsrahmen“ für ein zu deutendes Verhalten anbietet. Denn die Be-Deutung, die einem Ereignis zugemessen wird, hängt wesentlich von dem „Rahmen“ ab, innerhalb dessen wir die Dinge betrachten. Als Reframing („neu rahmen“) wird das umdeutende Vorstellen eines neuen Bezugsrahmens für ein bestimmtes – meist als unerwünscht betrachtetes – Verhalten bezeichnet.

Wir können  z.B. die Bedeutung eines Verhaltens (gerade auch die eines anderen Menschen) dadurch verändern, dass wir einen Aspekt, den wir bisher übersehen haben, wahrnehmen und in die Neubewertung des vermeintlich störenden Verhaltens mit einbeziehen und damit die Bedeutung verändern, die das Verhalten für uns bisher hatte. In diesem Fall sprechen wir von einem Bedeutungsreframing. Z.B. „Immer wenn  mein Chef mit großen Augen direkt auf mich zukommt, bekomme ich Stress, weil er wieder etwas von mir erwartet. Ich werde verunsichert und kann mich nicht mehr konzentrieren.“

Veränderungsansatz: Wenn Ihr Chef so auf Sie zu kommt, könnte er doch auch zum Ausdruck bringen, dass er an Ihnen interessiert ist und sich Ihnen nähert, weil er Ihnen etwas zutraut und Ihnen die Chance geben möchte zu zeigen, was Sie drauf haben.

Die Technik des  Kontextreframing sieht so aus, dass wir für ein Verhalten einen neuen passenden Kontext finden, in dem sich die Bedeutung des Verhaltens alleine durch den neuen Kontext verändert. Beispiel: „In meiner Meditationsgruppe halten mich alle für hektisch, ich leide unter meiner Hektik.“ Veränderungsansatz:  „Seitdem ich im Kegelclub bin, habe ich kein Problem mehr mit meiner Hektik, alle Kegelbrüder schätzen mein spontanes und dynamisches Verhalten. Und seitdem ich meine Lebendigkeit beim Kegeln auslebe, werde ich in der Meditationsgruppe wegen meiner lebendigen Ausgeglichenheit anerkannt.“

Schauen Sie einmal bei sich nach, was es da alles umzudeuten gibt und welches Verhalten sich in einen anderen Rahmen schieben lässt, um sich wohler zu fühlen und nicht mehr davon beeinträchtigt zu werden.

Blockaden und das Konzept der Persönlichkeitsanteile

Solange der Regisseur die Rollen optimal besetzt und weiß, wer wann mit welchem Part auftritt, ist alles okay. Wenn sich die Teile jedoch verselbständigen, das Zusammenspiel vermissen lassen oder in Szenen auftreten, die nicht für sie geschrieben sind, hat der Regisseur eine schwierige Aufgabe.

Gehirnforscher  haben herausgefunden, dass das menschliche Gehirn multipel ist: Die verschiedenen mentalen Fähigkeiten und Talente sind als „Multiminds“ organisiert und dominieren kontextbezogen oder temporär die Bühne des Bewusstseins. Wenn ein Teil von dem anderen dauerhaft nichts wissen möchte und/oder eine Rolle unkontrolliert spielt, ist eine Koordination bzw. Integration dieser disparaten Teilpersönlichkeiten geboten. Mehr Wahlmöglichkeiten entstehen aus der Flexibilität und dem Zusammenspiel aller Teile.

Wenn wir uns mit Selbstmanagement und Veränderungsarbeit beschäftigen und uns bereits unsere Werte, Stärken und Defizite vergegenwärtigt sowie unsere Ziele definiert haben, kann es trotzdem passieren, dass wir innerlich blockiert sind. Z.B. haben wir uns für eine gesunde Ernährung und mehr Bewegung entschieden, aber ein Teil in uns hindert uns an der Umsetzung. Ein innere Stimme sagt uns z.B.: „Sport ist Mord“. Gleichzeitig aber macht uns eine andere Stimme ein schlechtes Gewissen. Dieser „einerseits-andererseits-Konflikt“, den wir alle kennen, kann uns schwer zu schaffen machen.

Es gibt auch Situationen, in denen wir uns von uns selber sabotiert fühlen durch Verhaltensweisen, die uns blockieren und die wir gerne loswerden möchten. Oft können wir uns selber nicht mehr verstehen und haben ein schlechtes Gewissen, wenn wir z.B. mal wieder inkonsequent waren, mit uns selbst ungeduldig, zu bequem etc. Dieses Hin- und Hergerissensein kann uns sogar in eine echte Identitätskrise stürzen, wenn wir uns mit der Frage quälen, was wir  tatsächlich wollen und wer wir denn eigentlich wirklich sind.

Es beginnt mit der Eigenwahrnehmung. Dabei kommt es darauf an, all unsere Persönlichkeitsanteile kennen zu lernen, um sie dann zu integrieren. Das kann manchmal sehr spannend, aber auch sehr mühsam sein, wenn uns dabei Teile und Facetten von uns begegnen, die „auf der Strecke geblieben“ sind, weil wir sie vielleicht unterdrückt oder nicht wahrgenommen haben.

Hinter jedem Verhalten steht eine gute Absicht

Das Modell der Persönlichkeitsanteile geht davon aus, dass hinter jedem Verhalten – mag es auch noch so merkwürdig, hinderlich und sinnlos erscheinen – ein dafür verantwortlicher Persönlichkeitsanteil steht, der eine positive Absicht hat, also für die Person etwas Gutes tun will, auch wenn dieser Person die positive Absicht nicht deutlich ist und sie sich gegen dieses Verhalten wehrt. Wenn wir uns nun gegen dieses Verhalten, das wir nicht verstehen und innerlich ablehnen, sträuben – z.B. gegen die Unlust Sport zu treiben, wehren wir uns gegen einen Anteil von uns selbst. Doch selbst wenn es uns gelingt, das unliebsame Verhalten für eine gewisse Zeit zu unterdrücken, wird dieser Anteil „im Verborgenen“ rumoren und für ein schlechtes Gefühl sorgen.

Nicht integrierte Persönlichkeitsanteile

Verdrängte Persönlichkeitsanteile können uns erheblich schaden, indem sie die Ziele, die wir bewusst verfolgen, in Momenten, in denen wir nicht damit rechnen, sabotieren. Sie können sogar für psychosomatische Beschwerden mit verantwortlich sein. Was wir zur Vordertür herausdrängen, kommt durch die Hintertür wieder ins Spiel. So erschaffen wir unsere Selbstblockaden.

Was können wir mit solchen nicht integrierten Anteilen tun? – Der erste Schritt besteht darin, das störende Verhalten von dem dafür verantwortlichen Persönlichkeitsanteil zu trennen, indem wir mit ihm in Kontakt treten. Im zweiten Schritt müssen wir seine positive Absicht herausfinden, also erkennen, was er Gutes für uns tun will. Im dritten Schritt würdigen wir seine positive Absicht und erkennen ihn als einen Teil unserer Persönlichkeit an. Im vierten Schritt schlagen wir ihm eine angemessenere  Verhaltensweise vor, die sowohl seiner positiven Absicht gerecht wird als auch zu unserer heutigen Situation passt und kompatibel ist mit unseren aktuellen Zielen, Bedürfnissen und Anforderungen. Das mutet  zunächst schwieriger an, als es ist. Wir werden uns daher ein genaues Beispiel anschauen:

Oft ist es so, dass wir noch Verhaltensweisen aus längst vergangenen Zeiten mit uns herumschleppen, die zu unseren heutigen Verhältnissen nicht mehr passen. Sie sind einfach nicht mehr hilfreich in unseren heutigen Kontexten und stören den Rahmen, den wir uns selbst geben, wenn wir unabhängig und selbstbestimmt handeln. Ein erfolgreicher, überarbeiteter und übergewichtiger Geschäftsmann beschloss auf Anraten seines Arztes schon vor einer Weile, Sport zu treiben. Doch zwischen all den athletischen und durchtrainierten Körpern kam er sich immer wie eine behäbige Dampfwalze vor. Und beschämt hatte er immer wieder das Handtuch geworfen und das Training eingestellt, das ihm wie ein Spießrutenlaufen vorkam. Selbst als er ein anderes Studio fand, in dem vornehmlich Gleichaltrige, auch Übergewichtige, trainierten, fühlte er sich unwohl, irgend etwas in ihm schien zu rebellieren und sich gegen jedwede Form körperlicher Ertüchtigung zu wehren. Er versuchte vergeblich, diesen inneren Unmut zu unterdrücken, und je mehr er dagegen ankämpfte, desto kurzatmiger wurde er. Bis er eines Tages ein Schlüsselerlebnis hatte: Er beobachtete eine Gruppe Kinder, die einen dicken Jungen hänselten und fühlte sich augenblicklich um 30 Jahre zurückversetzt. Er sah sich als Jungen im Sportunterricht, verspottet und verhöhnt von seinen Mitschülern, weil er es aufgrund seines Übergewichts nicht schaffte, am Seil nach oben zu klettern. – Damals hatte ein Teil in ihm sich geschworen, ihn vor derartigen Beschämungen zu schützen, ihn fortan vor jedweder Art von Sport zu bewahren und ihn auf eine weniger demütigende Art nach oben zu bringen... durch Einsatz und Training seiner geistigen Kräfte.

So hatte er es auch nach ganz oben geschafft, doch wenn er nicht aufpasste, brachte ihn sein Unmutsverhalten und der dafür verantwortliche Persönlichkeitsanteil mit der positiven Absicht, ihn vor Demütigungen zu bewahren, um die Früchte seiner Arbeit. Er brauchte nun die körperliche Betätigung, um gesundheitlich nicht ganz herunter zu kommen. Ihm wurde plötzlich bewusst, dass sein Glaubenssatz „Sport ist Mord“ in seiner jetzigen Situation überhaupt keine Gültigkeit mehr besaß. Sein Unmut und Widerwille beim Sport waren ihm nun aber verständlich.

Dann fiel ihm ein Artikel in die Hände: über Dickleibigkeit als Schönheitsideal in der Südsee und über die Ästhetik, Anmut und das Rekreationspotential  der langsam getragenen Bewegung im Tai Chi. Ihm wurde klar, dass sowohl seine körperliche Grundkonstitution als auch sein etwas behäbigerer Bewegungsmodus attraktive, kraftvolle und sportliche Ressourcen sein konnten. Er begann darauf mit Tai Chi und sein neuer Glaubenssatz lautete: „In der Anmut meiner Ruhe komme ich in den Fluss meiner  wohltuenden Bewegung.“

Wie unser Beispiel zeigt, musste zuerst der überholte Glaubenssatz „Sport ist Mord“ ersetzt werden, bevor sich die Verhaltensblockade „Unmut beim Sport“ auflösen konnte.

Es ist oft so, dass der Persönlichkeitsanteil, der für das unliebsame Verhalten verantwortlich ist, einen bestimmten Glaubenssatz gebildet oder übernommen hat, den er uns ständig „um die Ohren haut“. Wenn wir uns nachhaltig verändern wollen, müssen wir uns fragen, ob wir auch über die passenden Glaubenssätze und Selbstbilder verfügen. Alles beginnt eben in unserem Kopf, bzw. hört in unserem Kopf auf.

Sorgen Sie dafür, dass kein Persönlichkeitsanteil vernachlässigt oder ausgeklammert wird. Hören Sie in sich hinein und gehen auf Tuchfühlung mit Ihren Anteilen. Stimmen Sie sich behutsam mit ihnen ab und verleihen jedem eine Stimme.

Handeln Sie mit allen Ihren Anteilen ein persönliches Gesamtkonzept aus, mit dem alle Anteile einverstanden sind, dann wird Ihre Persönlichkeit eingestimmt sein wie ein gutes Orchester, in dem alle Instrumente zum richtigen Zeitpunkt  den richtigen Part spielen. Das verbessert Ihre Stimmung und trägt zu ihrer Harmonie und zu Ihrem Wohlergehen bei.

Robert Reschkowski

Coach und Kommunikationstrainer

Weitere Informationen bei:

SYNTEGRON® – Ganzheitliche Lebensberatung und Training für berufliche und persönliche Entwicklung

 

www.syntegron.de

e-Mail: RRtual@aol.com

 

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Quelle: BALANCE 3/2005

 

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