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Familienaufstellungen mit toten Kindern

Jedes Kind braucht seinen Platz

Jeder von uns ist Teil eines Familiensystems und mit diesem schicksalhaft verbunden. Viele Probleme in Partnerschaft, Ehe, Familie und Beruf, aber auch Krankheiten, Unfälle oder Depressionen sind Folge einer unbewussten Verstrickung im Familiensystem.

Die systemische Aufstellungsarbeit ist eine intensive, kraftvolle Methode, um das Unbewusste eines Familiensystems sichtbar zu machen, uns von den Verstrickungen zu lösen und unseren Wurzeln und Bindungen zuzustimmen.

In einem achtsamen und liebevollen Prozess werden in der Aufstellung Änderungen vorgenommen, die die natürliche „Ordnung der Liebe“ wieder herstellen und zu heilsamen Lösungen führen.

Die Familie – bzw. die „Sippe“ – , in die wir hineingeboren werden, ist der Grund, in dem wir wurzeln. Jede Familie hat eine ganz eigene Familienseele, zu der alle Familienmitglieder, auch die früh verstorbenen – ja sogar die noch nicht geborenen – Mitglieder gehören.

Trotz hunderter miterlebter Familienaufstellungen empfinden wir es noch immer als Wunder, was dort geschieht. Dass auch die „aufgestellten“ Vertreter durch das so genannte morphogenetische Feld mit der Familienseele verbunden sind und so die Gefühle derer, die sie vertreten, erleben, ist die rationale Erklärung dafür. Doch die eigentliche Berührung geschieht jenseits der Ratio und lässt uns angesichts der zahlreichen Heilungen  einfach nur dankbar sein.

Wie wirkt sich Tod auf das Familiensystem aus?

Jeder Tod verursacht in der Familie Schmerz. Manchmal ist dieser so stark, dass er verdrängt und das verstorbene Familienmitglied praktisch ausgeschlossen wird. Man spricht nicht mehr von ihm oder verharrt in der Trauer und lässt die Toten damit nicht los.

Der Tod eines Kindes wirkt sich ganz besonders stark auf die Geschwister aus. Selbst Fehlgeburten oder Abtreibungen haben oft Auswirkungen auf die Geschwister, selbst wenn diese später geboren wurden und gar nichts davon wissen.

In ihrem Unterbewusstsein entstehen Schuldgefühle, und sie empfinden es als Unrecht, dass sie leben, während das Geschwisterkind gestorben ist. Dadurch kann sogar eine Todessehnsucht entstehen, die dann oft an die nächste Generation weitergegeben wird.

Märchen „Das Totenhemdchen“

Es hatte eine Mutter ein Büblein von sieben Jahren, das war so schön und lieblich, dass es niemand ansehen konnte, ohne ihm gut zu sein, und sie hatte es auch lieber als alles auf der Welt. Nun geschah es, dass es plötzlich krank ward und der liebe Gott es zu sich nahm; darüber konnte sich die Mutter nicht trösten und weinte Tag und Nacht. Bald darauf aber, nachdem es begraben war, zeigte sich das Kind nachts an den Plätzen, wo es sonst im Leben gesessen und gespielt hatte; weinte die Mutter, so weinte es auch, und wenn der Morgen kam, war es verschwunden. Als aber die Mutter gar nicht aufhören wollte zu weinen, kam es in einer Nacht; in dem Hemdchen; in welchem es in den Sarg gelegt war; und mit dem Kränzchen auf dem Kopf; setzte sich zu ihrem Füßen auf das Bett und sprach: „Ach Mutter, höre doch auf zu weinen,  sonst kann ich in meinem Sarge nicht einschlafen, denn mein Totenhemdchen wird nicht trocken von deinen Tränen, die alle darauf fallen.“ Da erschrak die Mutter, als sie das hörte, und weinte nicht mehr. Und in derselben Nacht kam das Kindchen wieder, hielt in der Hand ein Lichtchen und sagte: „Siehst Du, nun ist mein Hemdchen bald trocken, und ich habe Ruhe in meinem Grab.“ Da befahl die Mutter dem lieben Gott ihr Leid und ertrug es still und geduldig, und das Kind kam nicht wieder und schlief in seinem unterirdischen Bettchen. („Wenn Dornröschen nicht mehr aufwacht“, Thomas Schäfer, Knaur MensSans Verlag)

In diesem Märchen wird die nicht endenwollende Trauer und das Verweilen bei den Toten dargestellt. Symbolisch gesehen „bindet“ dieses Verweilen die Toten an die Überlenden, doch umgekehrt können auch diese – und sogar ihre Nachkommen – keinen Frieden finden, wenn sie nicht wirklich Abschied von den Toten genommen haben.

Hier geht es um den Abschied der Eltern, aber der Tod eines Kindes hat auf die Geschwister die gleichen starken Auswirkungen, und oft halten die Kinder im Angesicht der Trauer der Eltern ihren eigenen Schmerz auch noch zurück.

Fallbeispiele:

Anne, 59 Jahre, leidet seit ihrer Kindheit unter immer wiederkehrenden Alpträumen und Schlafstörungen. Außerdem ist ihr Leben bestimmt von Krankheiten und Depressionen.

Im Vorgespräch erzählt Anne, dass sie als kleines Mädchen mit ansehen musste, wie ihr Vater ihre im 7. Monat schwangere Mutter im Streit die Treppe herunter stieß. Kurz darauf brachte die Mutter einen kleinen Jungen tot zur Welt. Annes ältere Schwester (12) musste auf Anweisung der Mutter das tote Baby „wegbringen“.

Anne weiß nicht, wo es hingebracht wurde. Niemand durfte je wieder über dieses Ereignis reden. Der kleine Junge wurde „totgeschwiegen“, und der Vater hat nie zu seiner Verantwortung gestanden.

Anne erzählt, dass ihre ältere Schwester einige Zeit später einen Unfall hatte und seitdem stark gehbehindert ist. Eine weitere Schwester ist nach der Totgeburt ertrunken, der älteste Bruder in jungen Jahren an Krebs gestorben.

In der Aufstellung zeigte sich ganz klar, dass sich alle Geschwister (also deren Vertreter) um den toten kleinen Bruder gruppiert hatten und im Angesicht seines Schicksals das eigene Leben nicht annehmen konnten oder ihm sogar aus tiefer Verbundenheit und Liebe in den Tod gefolgt waren.

Die Stellvertreterin der Mutter brach sofort zusammen und kauerte sich neben ihr verlorenes Baby, während der Stellvertreter des Vaters völlig gefühl- und regungslos abseits stand und in eine andere Richtung schaute.

Als Anne dieses Bild sah, löste sich in ihr das jahrzehntelange Schweigen und Vergessen. Sie tauschte mit ihrer Stellvertreterin den Platz und ging direkt in Kontakt mit dem toten Baby. Lange verdrängte Gefühle konnten endlich aus ihr herausbrechen. Sie weinte und trauerte, bis sie selber sagen konnte: „Jetzt ist mir leichter um´s Herz. Ich gebe Dir den Namen Hannes, und als mein kleiner Bruder hast Du immer einen großen Platz in meinem Herzen. Und jetzt, wo ich nicht mehr schweigen muss, werde ich meinen Kindern und Enkeln von dir erzählen, damit Du nie wieder in Vergessenheit gerätst.“

Der Stellvertreter des kleinen Hannes bekam einen Platz bei seinen Geschwistern und gab den noch lebenden seinen Segen, glücklich zu sein.

Annes Geschichte ist sehr komplex und war für sie auch nicht in einer Aufstellung zu lösen. Es ging ja hier um bisher nie gefühlte Trauer und Liebe zu ihrem Bruder, um den Verlust weiterer Geschwister, das erlebte Trauma ihrer Mutter, die nach diesem Unfall nie mehr emotional für ihre Kinder da sein konnte und auch um die Schuld des Vaters, der nie selbst dafür gesühnt hatte (das haben seine Kinder für ihn getan).

In weiteren Aufstellungen konnte Anne aber immer mehr Lösungsschritte vollziehen und letztlich sogar in tiefen Frieden mit ihrer Familie kommen

Horst, 52 Jahre, selbständig, sagt im Vorgespräch, dass er viel arbeitet, auch gut verdient, aber immer wieder große finanzielle Verluste erleidet. Nach seiner Familie befragt, erzählt er, dass sein ein Jahr älterer Bruder sich als Jugendlicher das Leben genommen hat, und auch sein Großvater mütterlicherseits hat sich das Leben genommen, als die Mutter von Horst noch ein Kleinkind war.

Hier ging es zuerst um die verdrängte und nicht gelebte Trauer um den Bruder. In der Aufstellung aber wurde deutlich, dass Horst am liebsten bei seinem Bruder wäre – so stand er nur zögernd auf, um zu seiner Familie zu gehen. Auch Wut und Unverständnis spielte eine große Rolle. „Wie konntest du das tun, warum hast du mich allein gelassen?“ fragte er seinen Bruder.

Sein Lösungsschritt war, anzuerkennen, was sein Bruder und sein Opa getan hatten, die Verantwortung dafür bei ihnen zu lassen und wieder „der Kleine“ zu werden. So konnte er  Frieden schließen mit diesem Familienschicksal und mit dem Segen und der Kraft des älteren Bruders und des Großvaters den Weg in das eigene Leben beschreiten. Seitdem erlitt er nie wieder finanzielle Verluste, die ihn vorher regelmäßig – scheinbar von außen kommend – „ereilten“.

Silke, 39 Jahre, verheiratet, 2 Kinder,   erzählt, dass sie gerade in den letzten zwei Jahren beruflich sehr gefordert, ja eigentlich überfordert sei. Sie werde mit Arbeit „zugeschüttet“, kann aber auch nicht nein sagen, was ihr früher gut gelungen sei. Sie möchte sich wieder mehr abgrenzen können und Freiräume für ihre Familie schaffen. Ihre Familie leidet, weil sie für keinen mehr richtig da sein kann, auch für sich selbst nicht.

In ihrer Familiengeschichte ist zunächst nichts Auffälliges zu finden. Auf gezieltes Nachfragen aber erwähnt sie eine Abtreibung vor zweieinhalb Jahren. „Aber damit kann mein Problem nichts zu tun haben, das ist o.k. für mich,“ entgegnet sie auffallend schnell.

In der Aufstellung zeigt sich, dass Silkes Stellvertreterin sich von ihrem abgetriebenen Kind abwendet. Zudem spürt sie etwas in ihrem Rücken, das ihr Unbehagen bereitet. Außerdem empfindet sie – genau wie Silke – ein Gefühl des  Getriebenseins. Bei der vielen Arbeit handelt es sich ganz eindeutig  um eine Ablenkung, um sich dem Schmerz und der Verantwortung nicht stellen zu müssen.

Die Stellvertreter für ihren Mann und ihre Kinder stehen um das Baby herum. Als Silke das sieht, kann sie ihren Platz bei ihrem Baby einnehmen. Aufkommende Gefühle wie Schuld, Trauer, Schmerz und Rechtfertigung müssen angesehen werden. Doch schließlich findet Silke ihren Frieden, indem sie zu ihrer Verantwortung steht. Dem Kind kann sie einen Platz in ihrem Herzen und in der Familie geben. Alle Familienmitglieder in der Aufstellung sind sehr erleichtert und beschreiben ein neues Gefühl der Verbundenheit.

Eine Woche nach der Aufstellung erhalten wir einen Brief von Silke. Sie schreibt, dass sie sich sehr viel leichter und klarer fühlt und sich bei ihrer Arbeit auch wieder gut abgrenzen kann. Was ihr aber noch viel wichtiger ist: Sie kann wieder Nähe zu ihrem Mann und den Kindern zulassen.

Claudia, 21 Jahre, fiel immer wieder durch Prüfungen, obwohl sie den Stoff beherrschte. Im Vorgespräch erzählte sie, sie sei Einzelkind und sonst wäre alles in Ordnung, nur in ihrer Beziehung würde es kriseln, aber daran sei nur die Mutter ihres Freundes schuld...

In der Aufstellung stellte sich nach und nach heraus, dass es vor und nach ihrer Geburt Fehlgeburten gegeben hatte, an die niemand mehr dachte. Die Mutter aber war emotional nur bei den toten Kindern und hatte ihr lebendes Kind überhaupt nicht sehen können. Claudia fühlte sich verantwortlich für ihre Mutter und stützte sie, so dass sie die Große und die Mutter die Kleine war. Für ihr eigenes Leben blieb  nichts mehr übrig. Außerdem hatte sie Schuldgefühle. Sie lebte, während ihre Geschwister nicht leben durften. – Wie konnte sie da auch noch in einer Beziehung glücklich sein oder Prüfungen bestehen, die für ihre Zukunft wichtig waren ?

Claudias Weg zur Heilung bestand darin, zunächst zu trauern und der Mutter zuzumuten, ihr Schicksal allein zu tragen, so dass Claudia wieder „die Kleine“ werden konnte.  Danach konnte sie sich – das Andenken an ihre Geschwister im Herzen – ihrem eigenen Leben zuwenden mit dem Satz: „Ich mach etwas daraus, euer Tod soll nicht umsonst gewesen sein.“

Verena, 51 Jahre, 2 Kinder, stand nach einer wahren „Therapie-Odyssee“ nach zwei gescheiterten Ehen vor den Scherben ihres Lebens.

Die wirkliche Ursache zu finden, war hier nicht leicht, denn es gab vieles, was zunächst dafür in Frage kam: Alkoholismus des Vaters, Schlaftablettenabhängigkeit der Mutter, Drogensucht der älteren Brüder. 

Verena war es unangenehm, in einer Gruppe über ihre Probleme und ihre Vergangenheit zu sprechen, weshalb wir in Einzelsitzungen arbeiteten.

Auch wenn es für manche, die noch nie von systemischen Aufstellungen gehört haben, merkwürdig klingen mag: Sie funktionieren auch mit Gegenständen. Zwar können „aufgestellte“ Gegenstände natürlich nicht wie aufgestellte Personen die Gefühle derer, die sie repräsentieren, widergeben. Aber der, der aufstellt, empfindet z.B. einem als Großvater „aufgestellten“ Kissen gegenüber dieselben tiefen Gefühle, als wäre der Großvater leibhaftig im Raum.

Die solcherart durchgeführten ersten Aufstellungen bewirkten bei Verena eine große Befreiung, doch der eigentliche Schritt zur Heilung konnte erst getan werden, als Verena erzählte, dass es vor ihren beiden Brüdern noch zwei totgeborene Schwestern gegeben hätte.

Verena legte ihr eigenes „Vertreter-Kissen“ hinter das ihrer Mutter und weit entfernt von denen ihrer Geschwister. Als Verena den Platz mit „ihrem“ Kissen  tauschte, ergriff sie solche Panik, dass wir mehrmals unterbrechen mussten. Sie wollte nicht in diesem System sein, fühlte sich dort fremd und als nicht dazugehörig, und die ersten Versuche,  „hineinzugehen“ verursachten sogar körperliches Unbehagen.

Doch nachdem die Panik überwunden war, konnte sie nach und nach die Plätze ihrer Familienmitglieder einnehmen, spürte dort deren Hilflosigkeit, Angst und Ohnmacht und begriff, dass ihr nie jemand absichtlich wehgetan hatte. Dies führte zu tiefem Verständnis und vor allem: zum Verzeihen.

Verena heilte durch diese Aufstellung nicht nur sich selbst, sondern ihre Familie gleich mit. Ihre Tochter dachte nicht mehr an Suizid, mit ihrem Bruder versöhnte sie sich nach mehr als 30 Jahren, und kurz nach der Aufstellung weinte die mittlerweile 80jährige Mutter erstmals über die verlorenen Töchter.

Ein Wunder? Ja und nein. Denn in Familienaufstellungen ist so etwas durchaus üblich, aber dennoch bleibt es ein Wunder.

Guna Krause, Martina Huysmans

 

Info + Anmeldung: info@lebensbegleitung-haan.de

 

 

Quelle: BALANCE 3/2005

 

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