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Focusing

den inneren Kompass finden

Focusing ist das, was Menschen machen, wenn sie sich erfolgreich verändern. Focusing bedeutet, seinem Körper teilnehmend und absichtslos zuzuhören. Beim Focussieren nimmt man eine körperliche Befindlichkeit in den Brennpunkt (Fokus = lat. Brennpunkt). Dadurch kommt man in Kontakt mit seinem inneren Richtigkeitssinn.

Unser Körper spricht ständig mit uns. Wir hören ihm aber nicht zu und verstehen seine Sprache nicht. Focusing ist eine Form körperorientierter Selbstwahrnehmung und „dockt“ auf der Energieebene an. Denn: Psychische Prozesse sind energetische Prozesse im Körper. Die Annahme und Akzeptanz von körperlichen und seelischen Symptomen macht den Weg frei für einen Dialog mit der „Störquelle“, der zu klarer Erkenntnis, Wandlung und innerer Balance führt.

Wenn der Körper spricht, haben wir Kontakt zu einer unterschwelligen Wissensebene – unserer „Inneren Weisheit“. Der Körper strebt von Natur aus zur Besserung hin. Er ist ein komplexes, lebenserhaltendes System. Jedes schmerzende Gefühl/Symptom ist eine potenzielle Energie, die nach einer besseren Lebensweise strebt, wenn sie die Gelegenheit zur Entfaltung bekommt. Der Körper weiß, was gut für uns ist. Er ist verbunden mit der Intelligenz des Evolutionsstroms.

Die Geschichte des Focusing

Focusing geht zurück auf den amerikanischen Psychologieprofessor Eugene Gendlin. Gendlin war in den frühen 60er Jahren im Bereich „Psychotherapiewirkungsforschung“ an der Universität Chicago tätig. Er wollte herausfinden, was erfolgreiche von nicht erfolgreichen Therapien unterscheidet. Dazu analysierte er hunderte Tonbandaufzeichnungen von Therapiesitzungen von der ersten bis zur letzten Sitzung. Gleichzeitig wurden der Therapeut und der Klient zu einer Selbsteinschätzung aufgefordert, ob die Therapie erfolgreich war oder nicht. Darüber hinaus unterzog sich der Klient „objektiven“ psychologischen Tests, die seine Veränderungsprozesse messbar machten. Nur wenn die Selbsteinschätzung des Klienten, seines Therapeuten und die so genannten objektiven Tests übereinstimmende Ergebnisse erzielten, wurde diese Therapie in die Studie einbezogen.

Welche Faktoren machen eine Therapie erfolgreich?

Die Ursachenanalyse Gendlins ergab in Bezug auf das Therapeutenverhalten keine bemerkenswerten Unterschiede. Erfolgreiche Therapeuten waren nicht einfühlsamer, authentischer oder intelligenter als ihre erfolglosen Kollegen. Der entscheidende Unterschied lag vielmehr im Klientenverhalten!

Erfolgreiche Klienten verlangsamten mehrfach während der Sitzung ihr Sprechtempo, suchten nach Worten, benutzen unklare Formulierungen, um zu beschreiben, was sie körperlich spüren. Erfolglose Klienten blieben „im Kopf“; sie betrieben eine genaue intellektuelle Analyse und waren klar im sprachlichen Ausdruck.

An Hand dieser Befunde war es Gendlin möglich, bereits durch den Verlauf der 1. und 2. Sitzung eine treffsichere Prognose über den Therapieerfolg abzugeben. Das Forschungsergebnis beeindruckte Gendlin so sehr, dass er daraus die Technik des Focusing entwickelte, um die Körperbeobachtung systematisch für menschliche Veränderungsprozesse nutzbar zu machen.

Für wen ist Focusing geeignet?

Focusing ist hilfreich für Menschen,

  • die das Gefühl haben, ihre Therapie ist ins Stocken geraten;
  • die lernen wollen, mit überwältigenden Gefühlen besser um zu gehen;
  • die gerne genauer wissen, was Sie spüren und wollen;
  • die eine unliebsame Gewohnheit ablegen wollen;
  • die eine Reaktion auf eine Person oder Situation verändern möchten;
  • die ein körperliches Symptom verstehen und auflösen wollen;
  • die Blockaden lösen möchten (z.B. eine Kontakthemmung oder Lernhemmung);
  • die sich aus schädigenden Abhängigkeiten befreien wollen;
  • die überzogene Selbstkritik loswerden, sich annehmen und ihre innere Selbstsabotage überwinden möchten;
  • die sich klare, stimmige Entscheidungen wünschen.

Literatur: Gendlin, Eugene, 1998: Focusing, Hamburg: Rowohlt.

Focusing in der Praxis

Eine klassische Focusing-Sitzung dauert ungefähr eine Stunde. Klient und Focusing-BegleiterIn sitzen sich auf Stühlen in einer ruhigen, entspannten Atmosphäre gegenüber. Bereits vorhandenes Wissen, Interpretationen über das „Problem“ sollte der/die Focussierende vorläufig zur Seite stellen. Statt dessen sollte er/sie „offen sein für das Unerwartete“. Wichtig ist, die Richtung des Prozesses nicht vorgeben oder beeinflussen zu wollen, sondern mit dem Prozess mitgehen. Grübeleien, Wertungen und anstrengende intellektuelle Analysen werden am besten in den Urlaub geschickt. Focusing ist ein ganz natürlicher Prozess und geht weit über das hinaus, was wir in Worte fassen können. Der Focusing Prozess bringt verborgenes, persönliches Wissen an die Oberfläche. Wer fokussiert, gewinnt neue, kreative Einsichten, an die zuvor nicht gedacht wurde – Erkenntnisse, die dem Denken nicht zugänglich sind.

Focusing beginnt damit, dass man seine Aufmerksamkeit in den Körper hineinlenkt, vor allem in den Hals, die Brust und den Bauchraum und spürt, was dort ist. Nach einer Weile beginnt man, die Körperempfindungen zu beschreiben und versucht ein Wort und ein Bild passend zur Körperempfindung zu finden. Jede Körperempfindung hat einen Grund, auch wenn man ihn (noch) nicht kennt. Beim Focussieren hat man es nicht eilig. Focusing geschieht in einer Atmosphäre ohne Druck, indem man einfach bei dem bleibt, was ist. Man stellt unaufdringliche Fragen, um die Empfindung einzuladen, mehr zu erzählen. Während dieses Prozesses kommt es zu einer Energieverschiebung. Der Focussierende spürt deutlich einen Veränderungsschub. Die Energieverhältnisse im Körper organisieren sich neu. Gendlin bezeichnet dieses Phänomen als „Body-Shift“. Der Focusing-Prozess bringt ein intensives Erleben mit sich, das demjenigen, der es erfährt, absolute Sicherheit vermittelt, das eigentlich Bedeutsame eine Sache gefunden zu haben. Nach einer gelungenen Focusing-Sitzung fühlt sich der/die  Focussierende geklärt, wach, präsent und ist körperlich sowie seelisch erleichtert.

Focusing ist das „missing link“ zwischen Intuition und Verstand und bringt beide in einen produktiven Kontakt.

Karin Barve

© Karin Barve, freie Therapeutin (Focusing, Psychosynthese)
Düsseldorf-Erkrath
Tel./Fax 0211/7332821
www.synergon-net.de

 

Quelle: BALANCE 1/2006

 

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