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Startseite > Themen > Psychologie / Lebenshilfe > Keine Angst Keine Angst vor der AngstAngst ist immer nach vorne auf die Zukunft gerichtet. Denke ich an die Vergangenheit zurück, kann ich Traurigkeit, Wut, Ärger, Freude, Dankbarkeit und so weiter empfinden, aber keine Angst. Angst kann ich nur „vor“ etwas haben. Ich habe Angst vor Krankheit, Angst vor dem Tod und so weiter. Es ist die Angst vor dem, was kommen wird. Ist der Zeitpunkt gekommen, verändert sich das Gefühl der Angst in ein anderes. Doch sind es nicht nur die großen Themen, vor denen wir Angst haben. Oft sind es (vermeintliche) Kleinigkeiten, die wir befürchten. Für die anderen kaum nachvollziehbar, aber für uns selbst von großer Bedeutung. Regelmäßig befürchte ich, dass sich kein Mensch zu meiner Lesung verirrt. Da helfen mir auch nicht die beruhigenden Worte meiner Frau: „Mach Dir keinen Kopf, es wird schon klappen.“ Der Trost ist gut gemeint, hilft mir aber nicht. Die Befürchtung bleibt. Sie zieht ihre Energie aus der Hoffnung. In meinem Fall aus der Hoffnung, vor einer angemessenen Anzahl von Menschen lesen zu können. Komme ich an dem Ort der Lesung an und sehe nur zwei Zuhörer, verwandelt sich meine Angst in das Gefühl der Enttäuschung. Im Hier und Jetzt verschwindet die Angst. Ein Mensch, der seine Achtsamkeit immer auf den Augenblick richtet, ist frei von Angst. Deshalb hilft Meditation gegen Angst. In Meditation konzentriere ich mich auf den Augenblick. Je größer meine Hoffnung, desto stärker die Befürchtung. Könnte ich die Hoffnung aufgeben, entzöge ich der Befürchtung die Kraft. Der Weg aus der Hoffnung ist die Akzeptanz des „Alles Möglichen“. Solange ich etwas hoffe, akzeptiere ich nur ein Ergebnis. Mit der Einstellung: „Alles ist möglich“ akzeptiere ich jedes Ergebnis. Angst ist eine wichtige ErfahrungNun geht es im Leben nicht darum, jegliche Angst zu vermeiden. Wie jedes Gefühl ist auch die Angst eine notwendige Lernerfahrung für die Seele. Solange ich ein Gefühl in mir bekämpfe, bleibt es. Akzeptiere ich es, wird es sich verändern. Auch das Gefühl der Angst ist nicht immer nur negativ. Ich unterscheide zwischen aufbauender Angst und zerstörerischer Angst. Die erste hilft mir, die zweite blockiert mich. Aufbauende Angst wird in Theaterkreisen Lampenfieber genannt. Lampenfieber ist im Grunde die Angst vor dem Versagen. Der Schauspieler befürchtet, er könnte den Text vergessen, auf der Bühne ausrutschen oder aus sonstigen Gründen der Häme des Publikums zum Opfer fallen. Dennoch ist diese Angst nicht blockierend, sondern im Gegenteil sehr fördernd. Sie lässt den Künstler das Stück neu spielen. Er leiert nicht nur den Text herunter, den er auch schon in den Tagen zuvor gesprochen hat, sondern er spricht ihn so, als wäre es das erste Mal. Ohne das Lampenfieber vorher wäre das nicht möglich. Wird die Spannung nicht mehr empfunden, befindet man sich im Land der Wiederholung. Und täglich grüßt das Murmeltier.... Aufbauende Angst empfindet man vor allem in Zeiten des Wandels. Altes stirbt und Neues beginnt. In solchen Zeiten gibt es eine Phase des Übergangs. Das Alte ist schon weg, und das Neue ist noch nicht ganz da. Man fühlt sich wie auf einer Hängebrücke ohne Geländer. Man hat nichts, woran man sich festhalten könnte. Schutzlosigkeit wird empfunden, Geborgenheit vermisst. Ich erinnere mich an meine Schweißausbrüche in den Wochen vor meinem ersten Seminar als Reiki-Lehrer. Die Rolle des Polizisten hatte mir 15 Jahre innere Sicherheit gegeben (wie es sich schließlich für einen Polizisten gehört). Je mehr ich mich aus der Rolle entfernte, desto mehr verflog die Sicherheit. Das Drehbuch für meine neue Rolle im Film meines Lebens wurde gerade erst geschrieben. Ich konnte noch nicht darin lesen, es war zu dieser Zeit ein Buch mit sieben Siegeln. Alles, was kommen sollte, war für mich absolut unbekannt. Mein Selbstbild war ohne Rahmen. Manchmal ist es für das persönliche Wachstum wichtig, für kurze Zeit vollkommen auf sich selbst gestellt zu sein. Niemals fühlt man sich mehr allein, als in der Angst. Doch hinter jedem Gefühl verbirgt sich ein anderes. Man stelle sich wieder eine Theaterbühne vor. Es gibt den Bereich der Bühne vor dem Vorhang und den Backstage Bereich hinter dem Vorhang. Vor dem Vorhang ist das Gefühl der Schutzlosigkeit. Einen Schritt dahinter ist genau das Gegenteil. So ist es mit jedem Gefühl. Hinter der Traurigkeit steht die Freude. Hinter der Wut steht die Sanftheit. Und so weiter. Hat die Angst ihren Auftritt auf der Bühne, steht im Backstage Bereich ein Heer von tausend Helfern. Sobald ich als Regisseur im Theater meines Lebens „Attacke“ rufe, kommt von hinten die Verstärkung. Das habe ich so erfahren. Nach meiner Einweihung in den dritten Reiki-Grad gab es Abende, an denen ich wie gelähmt auf dem Sofa saß. Ich hatte eine wahnsinnige Angst und war unfähig, mich zu bewegen. Ich wusste nicht, woher die Angst kam. Es gab äußerlich nicht den geringsten Grund. An einem dieser Abende rief ich meine Lehrerin Christa an. Als ich ihr von meiner Angst erzählte, sagte sie: „Wunderbar. Das ist gut. Deine Angst zeigt an, dass es weitergeht mit dir. Du stehst vor einer inneren Tür und hast Angst, hindurch zu gehen. Dahinter wartet das Neue auf dich. Freu dich darüber und nimm die Angst an. Sie ist deine Freundin.“ Das beruhigte mich zutiefst. Es ist doch immer schön zu hören, dass etwas ein gutes Zeichen ist. Nicht auszudenken, wenn sie gesagt hätte: „Du hast Angst? Ach du Scheiße....“ Die Angst einladenSeitdem lade ich die Angst ein, wenn sie mal wieder vor mir steht. Ich sage: ‚Komm her Angst, komm her. Gestern hatte ich noch nicht die Kraft, dir zu begegnen, aber heute, heute ist das anders. Komm her zu mir, nimm Platz an meiner Seite.’ Dann sehe ich, wie sie auf mich zukommt und mich umhüllt. Und in diesem Moment verändert sie sich. Aus der Angst wird eine große Kraft. Solange sie vor mir steht, ist sie mein Gegner. Sobald sie hinter mir steht, wird sie zum Freund. Der Trick ist (wieder) Akzeptanz. Die Angst ist wie ein Schwert in meiner Hand. Halte ich die Klinge nach vorne, kann sie mir helfen. Halte ich die Klinge in meine Richtung, wird sie mir schaden. Dann wird aus der aufbauenden Angst zerstörerische Angst. Wenn ich begreife, dass ich es bin, der das Schwert hält, kann ich es auch wieder umdrehen. Ich bin die Ursache meiner Gefühle. Sobald ich die Verantwortung übernehme, kann ich an ihnen wachsen. Solange ich aber die Verantwortung von mir weise, einen Schuldigen suche, bleibe ich genau an dieser Stelle meiner Entwicklung stehen. Ich weigere mich, weiterzugehen. Da ich den Grund für meine Gefühle im Außen suche, kann auch die Befreiung nur von außen kommen. Mit der Verantwortung für die Ursache habe ich auch die Macht für die Lösung abgegeben. Ein machtstrebender Mensch ist darauf angewiesen, dass immer genug Angst bei denen vorhanden ist, über die er seine Macht ausüben möchte. Die Sehnsucht eines Volkes nach Schutz muss größer sein als seine Sehnsucht nach Freiheit. Auch in demokratischen Staaten ist es bisher keiner Oppositionspartei gelungen, die Wahl zu gewinnen, wenn Gefahr von außen droht. In Kriegszeiten scharen sich die Menschen immer um den Regierungschef. Nur ein Volk, dass sich (zu) sicher fühlt, neigt dazu, gegenüber seinen Herrschenden aufmüpfig zu werden. Ist nicht genug Angst vorhanden, wird manchmal von oben nachgestreut. In gefährlichen Zeiten betteln die Menschen nach scharfen Gesetzen. Die Befürworter scharfer Gesetze wünschen sich deshalb oft gefährliche Zeiten. Der Knall einer Bombe erschreckt das Volk und alle fragen sich: Wer ist dieser Teufel, der für die Bombe verantwortlich ist? Und wer kann uns vor dem Teufel schützen? In diesem Moment gehen die Finger der Machtstrebenden hoch. Sie sagen: ‚Hier sind wir, wählt uns und ihr seid sicher. Wir werden eine Mauer von Gesetzen um Euch bauen, durch die kein Bösewicht gelangen kann. So werden wir Euch schützen.’ In Wahrheit schützen sie vor Freiheit. Die Eltern eines Kindes sagen: Du musst um sieben ins Bett. Das Kind weigert sich, es bleibt einfach länger auf. Um acht Uhr fliegt ein Jumbo Jet durch das Kinderzimmer. Das Kind flüchtet ins Bett. Die Eltern sagen: Siehst Du, mein liebes Kind, was passieren kann, wenn Du nicht um sieben ins Bett gehst? Siehst Du nun, wie wichtig Regeln und Gesetze sind? Das Kind nickt und bittet darum, demnächst schon um sechs Uhr ins Bett gehen zu dürfen. Das Leben ist Veränderung. Nichts bleibt, wie es war. Doch wenn es gut läuft, möchten wir nicht, dass sich unser Leben verändert. Wir wollen lieber bewahren statt verändern. Wenn man weiß, dass sich alles verändert, hat man Angst, dass sich das Glück in Trauer und die Liebe in Schmerz verwandeln könnte. Über allem steht die Angst des Menschen vor dem Tod. Der Tod ist das absolut Unbekannte, das wahrhaft Neue. Im Tod ist alles möglich. Der totale Untergang oder die grandiose Auferstehung. Ich darf gespannt sein. Das Wissen um den Tod macht mein Leben einzigartig. Der Tod lässt mich den Augenblick intensiv erleben. Nichts kann intensiver als in dem Bewusstsein der Endlichkeit erlebt werden. Niemals werde ich einen Regenbogen intensiver sehen können als in dem Bewusstsein, dass es das letzte Mal ist. „Lebe so bewusst, lebe so intensiv, dass selbst der Tod, wenn er kommt, dich nicht umbringen kann.“ Peter Michael Dieckmann
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