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Startseite > Themen > Psychologie / Lebenshilfe > Angst Freiheit von der Angst
Freiheit ist ohne Zwang. Ein Leben in Freiheit ist ein Leben ohne Zwang. Ein ganzes Leben ohne Sorgen und Ängste kann es nicht geben. Sorgen und Ängste sind die Herausforderungen, die mir auf meinem Lebensweg begegnen. Wird die Angst aber zu einem Dauerzustand, verliere ich meine Unbefangenheit. Ich bin gefangen von meiner Angst. Jeder Mensch entwickelt Strategien, mit seinen Ängsten umzugehen. Manche versuchen, aus dem Gefängnis auszubrechen, andere begnügen sich damit, die Zelle zu verschönern. Mein Gefängnis ist die Angst, entdeckt zu werden. Ein Drama, wenn man Bücher schreibt und sie veröffentlichen möchte. Ich habe das Gefängnis in meiner Kindheit gebaut. Ich hatte Angst vor der Schule. In jeder Schulstunde befürchtete ich, der Lehrer könne mich nach meinem Hausaufgabenheft fragen. Der Gedanke, meiner Furcht den Nährboden zu entziehen, indem ich die Aufgaben machte, kam mir nie in den Sinn. Man muss ja nicht gleich mit Kanonen auf Spatzen schießen.... Im Alter von 44 Jahren wurde mir bewusst, dass die Angst meiner Kindheit immer noch in mir vorhanden war. Obwohl aus mir mittlerweile ein gestandener Kriminalhauptkommissar geworden war und mich kein Lehrer mehr mit Hausaufgaben quälte, befürchtete ich täglich, ertappt zu werden. Meine Furcht war diffus, es gab keinen definierbaren Anlass für sie, aber sie war da. Daher beschloss ich, meine Angst dorthin zurückzubringen, wo sie hergekommen war und begab mich zurück an den Tatort. Zum ersten Mal nach 25 Jahren fuhr ich zu meiner Schule. Es waren Herbstferien, die Außentore waren geschlossen, aber keine Macht der Welt hätte mich an diesem Tag von meinem Entschluss abbringen können. Ich stieg über den Zaun, überquerte den Schulhof, fand eine offene Tür und betrat das Schulgebäude. Mein altes Klassenzimmer stand offen und ich ging hinein. Ich setzte mich an meinen alten Platz und ließ die Atmosphäre auf mich wirken. Eine Viertelstunde lang gab ich mich meiner Erinnerung hin. Dann stand ich auf und ging hinaus. Die Angst ließ ich zurück. Angst ist immer nach vorne auf die Zukunft gerichtet. Denke ich an die Vergangenheit zurück, kann ich Traurigkeit, Wut, Ärger, Freude oder Dankbarkeit empfinden, jedoch keine Angst. Angst kann ich nur „vor“ etwas haben. Ich habe Angst vor Krankheit, Angst vor dem Tod und so weiter. Es ist die Angst vor dem, was kommen wird. Ist der Zeitpunkt gekommen, verändert sich das Gefühl der Angst in ein anderes. Regelmäßig befürchte ich, dass sich kein Mensch zu meiner Lesung verirrt. Da helfen mir auch nicht die beruhigenden Worte meiner Frau: „Mach Dir keinen Kopf, es wird schon klappen.“ Der Trost ist gut gemeint, hilft mir aber nicht. Die Befürchtung bleibt. Sie zieht ihre Energie aus der Hoffnung. In meinem Fall aus der Hoffnung, vor einer angemessenen Anzahl von Menschen lesen zu können. Komme ich an dem Ort der Lesung an und sehe nur zwei Zuhörer, verwandelt sich meine Angst in das Gefühl der Enttäuschung. Im Hier und Jetzt verschwindet die Angst. Ein Mensch, der seine Achtsamkeit immer auf den Augenblick richtet, ist frei von Angst. Deshalb hilft Meditation gegen Angst. In Meditation konzentriere ich mich auf den Augenblick. Eine gute Übung ist, sich das Thema seiner Angst vorzustellen. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: Ich sehe die Angst vor mir stehen und spüre die Kraft, die von ihr ausgeht. Dann lade ich sie ein, zu mir zu kommen. Ich sage: „Komm her, Angst, komm her zu mir, ich kümmere mich um dich.“ Ich sehe, wie sie auf mich zukommt, mich berührt, mich umhüllt und schließlich hinter meinem Rücken verschwindet. Die Kraft ist nun nicht mehr vor mir, kämpft nicht mehr gegen mich an, sondern sie ist hinter mir und schiebt mich an. Die Kraft der Angst ist zu meiner Kraft geworden. Ich habe die Herausforderung angenommen. Je größer meine Hoffnung auf etwas ist, desto stärker ist zugleich meine Befürchtung vor dem Gegenteil. Wie sehr habe ich gehofft, Deutschland könne im Halbfinale der WM Italien besiegen. Bei jedem Angriff der Italiener auf das deutsche Tor stieg mein Blutdruck an. Angst bedeutet Stress. Könnte ich die Hoffnung aufgeben, entzöge ich der Befürchtung die Kraft. Der Weg aus der Hoffnung ist die Akzeptanz des „Alles Möglichen“. Solange ich etwas hoffe, akzeptiere ich nur ein Ergebnis. Mit der Einstellung „Alles ist möglich“ akzeptiere ich jedes Ergebnis. Ich gebe zu, dass diese Einstellung im Bereich des Fußballs nicht für mich in Frage kommt. Ich werde weiter treu zu meiner Mannschaft stehen, ihre Erfolge bejubeln und ihre Niederlagen beweinen. Hoffnung und Befürchtung, Freude und Trauer bringen Pfeffer in das Leben. Aber ein Fußballspiel geht vorbei und betrifft mich nicht elementar. Eine lang andauernde Furcht aber schränkt meine Lebensqualität ein. Momentan lerne ich, zu handeln ohne zu erwarten. Ich lerne zu vertrauen. Die letzten Jahre war mein vorherrschender Glaubenssatz, dass ich powern müsste, um meine Ziele zu erreichen. Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen, sagte ich zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit. Von Nichts kommt nichts. Mittlerweile habe ich meine Einstellung geändert. Ich vertraue auf die günstigen Gelegenheiten, die das Leben bietet. Und das ist nicht schwer. Gelegenheiten kommen immer. Dieses Wissen macht das Vertrauen leichter. Die Strategie der günstigen Gelegenheit beruht auf Reaktion statt Aktion. Die erste Aktion eines Menschen ist der Schrei nach seiner Geburt. Und auch der ist eine Reaktion auf die mehr oder weniger gewaltsame Befreiung des Körpers aus dem gemütlichen Mutterschoß. Der Schrei verursacht Reaktionen bei den anderen. Die Reaktionen der anderen kehren als Gelegenheiten zu dem Baby zurück, in Form von Nahrung, Berührung, Aufmerksamkeit. Das Baby kann die Gelegenheit annehmen oder abweisen, es kann das Essen schlucken oder ausspucken, die berührende Hand ergreifen oder wegstoßen, das Lächeln erwidern oder wegschauen. Und so geht es ein Leben lang weiter. Die erste Reaktion war der Schrei, und der setzte alles folgende in Gang. Der Trick besteht nun darin, die günstigen Gelegenheiten zu nutzen und die ungünstigen zu unterlassen. Ein fünfundvierzigjähriger Mann, der immer noch im Kinderzimmer seines Elternhauses wohnt, hat die günstigen Gelegenheiten zum Gewinn der Selbständigkeit verpasst und die ungünstige Gelegenheit zum Erhalt der Bequemlichkeit genutzt. Die Strategie der günstigen Gelegenheit befreit mich von dem Druck, etwas tun zu müssen, um dieses oder jenes zu erreichen. Ich lasse die Dinge auf mich zukommen, statt hinter ihnen her zu rennen. Doch sobald die Gelegenheit da ist, handle ich ohne Zögern. Mit dieser Einstellung öffne ich mich für viele Möglichkeiten, erwarte nicht nur eine. Mein Kopf muss frei sein für die günstigen Gelegenheiten, die aus der Zukunft zu mir in die Gegenwart kommen. Ich muss aufhören, mir Gedanken über Zustände zu machen. Indem ich mich damit beschäftige, wie ein Ereignis in der Vergangenheit war oder wie eine Situation jetzt ist, blockiere ich mich. Diese Zustandsbilder in meinem Kopf stehen den günstigen Gelegenheiten im Weg. Entweder kommen sie nicht zu mir durch oder ich sehe sie zu spät. Immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ich in Gedanken einen Zustand beschreibe. Ganz ausschalten kann ich diese Neigung (noch) nicht. Doch sobald ich merke, dass ich dabei bin, ein solches Zustandsbild zu malen, sage ich in Gedanken „Stop“ und höre auf damit. Das funktioniert sehr gut. So bleibt es bei kleinen Zustandsbildchen. Früher habe ich in meinem „Atelier“ ganze Dokumentarfilme gedreht. Man verstehe mich nicht falsch: Es geht nicht darum, sich nicht mehr mit den Ereignissen seines Lebens auseinander zu setzen. Das wäre Flucht. Aber es ist ein Unterschied, ob ich nach Lösungen für ein Problem suche oder in Gedanken das Problem endlos beschreibe. Bei jedem Mordfall muss sich der Kommissar am Tatort zunächst einen Überblick verschaffen, um die notwendigen Maßnahmen erkennen und einleiten zu können. Die Beurteilung der Lage ist Voraussetzung für die folgenden Ermittlungshandlungen. Würde sich der Kommissar auf das Beurteilen beschränken und auf die Handlungen verzichten, könnte er den Fall nicht lösen. Die beste Technik des Unglücklichseins ist die andauernde Beschreibung der Zustände. Trefflich kann ich über die schlechte Wirtschaftslage, das negative Betriebsklima oder die mangelnde Fitness meiner Lieblingsfußballmannschaft jammern. Sobald ich mich aber auf meine Kreativität besinne, verschwindet das Gefühl des Unglücklichseins. Ich höre auf, meine Probleme zu analysieren und handle. Ich orientiere mich von dem Problem weg und zur Lösung hin. Der Glückliche achtet auf das, was er tut, der Unglückliche auf das, was ist. Zustandsbilder sind nicht identisch mit inneren Bildern, die aus meinem Unterbewusstsein aufsteigen, wenn ich träume oder meditiere. Jene werden von Gefühlen verursacht, die ich verdrängt oder noch nicht zu Ende gelebt habe. Man sollte sie weiterziehen lassen und nicht hinterfragen. Hinterfrage ich, halte ich die Bilder fest und beschäftige mich wieder mit (Gefühls-) Zuständen. Das Leben ist kein Zustand sondern ein fortwährender Prozess des Erschaffens. „Werdet Vorübergehende“, sagt Jesus im Thomas Evangelium zu seinen Schülern. Haltet Euch nicht auf Euren Standpunkten auf. Folgt dem Leben, folgt Eurer Wahrheit. Und die Wahrheit ist immer dort, wo die Freude ist. „Denn wo Euer Schatz ist, wird auch Euer Herz sein.“ Reichtum entsteht durch Investition. Ich muss bereit sein, in mein Leben zu investieren, nur so kann mein Leben mich erfüllen. Zur Zeit Jesu hieß eine griechische Währungseinheit „Talent“. In dem Gleichnis von den anvertrauten Talenten erzählt Jesus die Geschichte eines reichen Mannes, der sein Geld vor einer Reise ins Ausland den zurückbleibenden Knechten anvertraut. Die Aufteilung entspricht den Fähigkeiten der Knechte. Der eine erhält fünf Talente, ein anderer zwei, ein dritter bekommt nur ein Talent. Während der Abwesenheit ihres Herrn handeln die ersten beiden mit dem anvertrauten Geld und verdoppeln es. Aus fünf werden zehn und aus zwei werden vier Talente. Der dritte Knecht ist ängstlich. Er befürchtet, das eine Talent zu verlieren und vergräbt es. Bei seiner Rückkehr fragt der Herr die Knechte, was aus dem Geld geworden ist. Die ersten beiden belobigt und befördert er. Den dritten Knecht trifft die Wut des Herrn, der ihm vorhält, nichts riskiert zu haben. Die Rechtfertigung des Knechts, er habe aus Angst gehandelt, stößt auf kein Verständnis. Der Herr nimmt ihm das Talent weg und gibt es dem, der bereits zehn hat. „Denn wer hat, dem wird gegeben und wer nichts hat, dem wird selbst das Wenige genommen.“ Wenn Du den Sinn Deines Lebens wissen möchtest, schau in den Koffer, den Du auf Deiner Reise in das Leben mitgenommen hast. Er ist mit Träumen, Talenten und Freuden gefüllt. Peter Michael Dieckmann
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