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Astrologie und Mythos
Bildersprache der Seele

In dem Artikel „Astrologie – Hokuspokus oder Chance?“ (Balance Nr.2/2006) habe ich dargelegt, dass die Astrologie eine Lehre ist, die mit klassischen Urbilden arbeitet, die C. G. Jung die ‚Archetypen’ nennt. In einem Großteil seiner Forschungen, auf Reisen, in Träumen, Mythen  und Märchen stellt er immer wieder fest, dass in vielen Kulturen auf der Welt sehr ähnliche Bilder und Mythen überliefert werden, die vom Prinzip her gleich lautende Aussagen machen.

Über diese Bilder, auch Symbole genannt, vermag die Seele sich uns auf unterschiedlichen Ebenen mitzuteilen. Die  Astrologie ist eines der reichsten und komplexesten Symbolsysteme, die wir kennen.

Um es noch einmal ganz deutlich zu machen: Der Mensch wird weder von den Sternen bestimmt, noch haben diese die Macht, ihn zu beherrschen!

Die verwendeten Symbole verdeutlichen nur  die Kräfte, Emotionen und Neigungen, welche die psychische Struktur und die psychologische Wirklichkeit des Individuums ausmachen.

Jung meint: „Die Sternenmythologie ist eine Projektion der unbewussten Psychologie an den Gestirnhimmel.“

Gemäß der Tiefenpsychologie wurden die Mythen der Menschheit nicht aus den Sternen abgelesen und dann auf die menschliche Dimension übertragen, sondern genau umgekehrt: Die in der Seele des Menschen agierenden Gefühle und Leidenschaften wurden in Gestalten, Visionen und Vorstellungen auf den Gestirnhimmel projiziert.

Deshalb beinhalten die Mythen für die Menschen dieselbe Aussage wie die Planeten und Sternbilder: Was am Sternenhimmel wahrgenommen wird, entspricht spiegelbildlich der inneren Grunderfahrung des Menschen: Die Götter, die Dämonen, Himmel und Hölle sind nicht irgendwo „da draußen“ sondern psychische Zustände in unserem Inneren und alle mythischen Bilder Aspekte der eigenen  menschlichen Erfahrung.

Die Entstehung von Astrologie und Mythos hat bei allen Völkern die gleiche Ursache: die Beobachtung des eigenen Lebensraumes mit den Naturphänomenen – die Sonne, den Mond, den Himmel, die Dämmerung, denen jeweils eine menschliche Gestalt in göttlicher Funktion  zugeordnet wurde.

Aus vergleichenden Erkenntnissen der Etymologie (Entwicklungsforschung) mit Feldstudien der Stammesgesellschaften weiß man, dass mythologische Bilder gleichen Ursprungs sind. Der Mythos versucht, die widersprüchlichen urmenschlichen Erfahrungen (Leben und Tod, Jugend und Alter, Kultur und Natur, Mensch und Tier - C. G. Jung nennt das ‚Polarität’) in Einklang zu bringen. In einem immer währenden Prozess versuchte der mündlich weiter gegebene Mythos Antworten auf die Fragen des Lebens zu finden.

Man könnte als „Mythen“ jene anonymen Geschichten bezeichnen, die kosmologische Fragen wie die Ursprünge der Welt, der menschlichen Gesellschaft und Kultur zu erklären versuchen, gleichgültig wie entlegen oder fremdartig die Kultur ist, der er entstammt. Auch die Volksmärchen sind eine Weiterführung von Mythen verbunden mit der moralischen Belehrung bezüglich sozialer Konflikte.

Die Faszination der Mythen besteht darin, dass Urbilder menschlicher Dispositionen Gestalt annehmen und mit der Herausbildung eines Ensembles göttlicher Akteure allgemeine Charakterzüge versinnbildlicht werden. So registriert und transportiert der Mythos und damit die Astrologie als Träger mythologischer Symbole die Verbindungen zwischen allen Aspekten des Lebens – den sichtbaren und den unsichtbaren, den irdischen und den himmlischen, menschlichen, tierischen, pflanzlichen, mineralischen, eben allumfassend kosmischen.

Einige Bespiele aus den astrologischen Zuordnungen der unterschiedlichen Kulturen und Mythologien vermögen das zu verdeutlichen:

Eines der Ursymbole der Planeten ist die Sonne. Ohne die Sonne gäbe es kein Leben auf der Erde. So verwundert es nicht, dass die Sonne in vielen Mythen als Schöpfergott verehrte wurde. Nach ihr wurde  der 1. Wochentag genannt. Der Bibel zufolge begann die Schöpfung an einem Sonntag. Die Inkas nannten ihren Herrscher „Sohn der Sonne“, die Ägypter ihren oberster Gott „Ra“ (Mittagssonne). In Indien war man der Überzeugung, dass der Schöpfergott Brahma in der Sonne wohnte. Auch die Christen bezeichnen ihren Erlöser als „das Licht der Welt“. In Delphi kann man noch heute Überreste des Apollon – Heiligtum besuchen. Astrologisch ist die Sonne das Herrscherzeichen des Löwen. Sonne und Löwen sind königliche Symbole. In der politischen Astrologie identifiziert man schon von alters her das Sonne/Löwe Prinzip mit dem Herrscher oder der Regierung des Landes. Sonne steht für das Machtvolle, das Energie spendende väterliche Prinzip.

Der Mond dagegen wurde in allen Kulturen seit jeher mit dem Weiblichen, dem Empfangenden, Mütterlichen in Verbindung gebracht, leuchtet er doch nicht aus sich heraus, sondern empfängt sein Licht von der Sonne.  Die Aufzählung der Mondmythen würde Seiten füllen.  Zu den Mondgöttinnen  zählen Luna (römisch), Soma (indisch), Isis (ägyptisch), Hekate und Selene (beide griechisch mit unterschiedlichen Aspekten der Weiblichkeit), Lilith (kanaanitisch), Itzamnar (atztekisch), um nur einige zu nennen.

Astrologisch ist der Mond (in allen Sprachen außer dem Deutschen ist ’Mond’ weiblich) der Herrscher des Tierkreiszeichens Krebs. So beschreibt der Mond im Horoskop unsere weibliche Seite, den Umgang mit Gefühlen, unseren Bedürfnissen und Gewohnheiten.

Hier wird schon ansatzweise deutlich, dass die Symbolfiguren den unterschiedlichen Mythologien in allen Kulturen eine ähnlich Bedeutung aufweisen, was notwendigerweise auch so sein muss, geht es hier doch um die allgemeingültigen Ur-Erfahrungen des Menschen. Astrologische Bilder  haben also ihre völkertypischen Entsprechungen, die zwar landesüblich eine andere äußere Gestalt aufweisen, in der Grundaussage jedoch gleich sind.

Ein Beispiel aus der Astrologie soll das noch eingehender darlegen: Der Wonnemonat Mai steht im Zeichen des Stiers. Sinnbildlich entsprechen ihm der wachsenden Natur gemäß der fruchtbare Ackerboden oder die blühende Wiese. Es ist die Zeit der Fruchtbarkeit.

In vielen Kulturen feierte man dann die Fruchtbarkeits- und Frühlingsfeste. Die Römer veranstalteten an den Floralien Prozessionen und Flurumzüge, um Fruchtbarkeit und Schonung für ihre Felder zu erbitten. In Athen beging man die großen Dionysien zu Ehren von Dionysos, dem Fruchtbarkeitsgott. Das Zeichen des Stiers, als erstes Erdzeichen im Tierkreis, symbolisiert sowohl die Fruchtbarkeit der Schöpfung als auch das Prinzip der Materie, das Bodenständige.

Der herrschende Planet/Regent des Stieres ist die Venus (gr. Aphrodite), Morgen- wie auch Abendstern. Sie steht für innere Harmonie und äußere Schönheit. – Venus findet ihre Entsprechung in nahezu allen Kulturen.

Die nordische Göttin der Liebe, Freya, gab unserem Freitag (früher noch mit y geschrieben) seinen Namen, der für unsere Vorfahren der ‚Tag der Liebe und Ehe’ war. Der ‚dies veneris’ findet sich heute noch im französischen ’vendredi’. Gleichzeitig ist sie die Schutzgöttin der Mütter (Mondprinzip). Die babylonische Venussterngöttin Ischtar – Göttin des Abend- und Morgensterns – entspricht ihr mit ihrem Doppelcharakter des lichten und dunklen Antlitzes als Himmels- und Unterweltsgöttin, Liebesgöttin und Göttin der Fruchtbarkeit und Wollust. Ebenso die phönizische Astarte, Vegetations-, Abendstern- und Muttergöttin. Im Arabischen ist es Attart, die Fruchtbarkeitsgöttin, im Hebräischen Asthoret. Sie alle werden in hellenistischer Zeit mit Aphrodite (lat. Venus) identifiziert.

Auf mittelalterlichen Darstellungen sieht man sie oft mit Blumenkranz oder Pfauenfeder. Der Pfau galt als Symbol für Schönheit und als Vogel des Paradieses.

Der Mythos der Aphrodite/Venus lässt die Symbolik der Venus besonders deutlich werden. Sie ist so wunderschön, dass Zeus sie als seine Lieblingstochter adoptiert und sie zur Göttin der Liebe und der Schönheit macht.  Aber ihre Sinneslust lässt sie nicht treu sein.

Das venusische Prinzip zeigt sich in der starken sexuellen Sinnlichkeit des Stiers (die auch wichtig ist im Zeichen der Fruchtbarkeit), der nach Harmonie strebt und dem Leben die schönen Seiten abgewinnt. Er liebt Großzügigkeit und einen gewissen Luxus, was sich bisweilen als unerlöste Seite auch bis zur Maßlosigkeit steigen kann.

Venus entsteigt dem Meer aus einer Muschel. Muscheln gelten seit  alters her  als Aphrodisiaka (Aphrodite = Venus) und das Wasser symbolisiert die Welt der Gefühle.

Dieser Exkurs vermag gerade eben nur ansatzweise einen  ersten Eindruck über die archetypische Symbolik der Astrologie zu vermitteln und den Zusammenhang mit mythologischen Bildern deutlich zu machen. Astrologie wie auch Mythen und Märchen sind eine Bildersprache der Seele, die helfen können innerseelische Vorgänge zu verdeutlichen.

Eine neue Therapieform in den USA - die so genannte Astrotherapie- verbindet mittlerweile auf eindrucksvolle Art und Weise Astrologie und Tiefenpsychologie.

Es war nicht mein Bestreben, eine wissenschaftliche Abhandlung über Astrologie und Mythologie zu verfassen, sondern meinen ureigensten Zugang zu dem Geheimnis unseres Ursprungs und einer ganzheitlichen Weltsicht zu erschließen, zu diesem Eins-Sein mit Natur und Kosmos und einem intuitiven Wissen, das uns der Menschheit von  Anbeginn mitgegeben ist aber dem modernen Menschen größtenteils wieder verschlossen scheint: Und das wir doch so nötig brauchen zum ’Ganz’-Werden  – ein lebenslanger Weg des Wachsens, den C.G. Jung die Individuation nennt.

Weitere Informationen bei:
Amely Putz-Dülger
F.I.T. Forum für Integrative Therapie
e-mail: f.i.t.forumtherapie@gmx.de
www.integrative-therapie.info

 

Quelle: Balance 04/2006 

 

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